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Was nun, Herr Seifert?

Die Erleichterung ist den Verantwortlichen der Deutschen Fußball Liga anzumerken, als sie dem FC Bayern zum achten Mal nacheinander die Meisterschale überreichen. Sie haben eine Saison zu Ende gebracht, die bereits kurz vor dem Abbruch stand. Von vielen Seiten wird Christian Seifert für seine Lobbyarbeit applaudiert. Aber wie geht es jetzt mit dem deutschen Profifußball weiter? Kann der DFL-Chef seine Versprechen halten?

Die Rettung des Fußballs

Manche Befürchtung, die vor Wiederaufnahme der Saison geäußert worden war, bestätigte sich zum Glück nicht. So gab es nach der langen Zwangspause keine Muskelverletzungen en masse, das fußballerische Niveau fiel im Allgemeinen nicht ab und die bösen Fans aus der Kurve versammelten sich nicht vor den Stadien. Die Meisterschaft 2020 wurde also doch noch auf dem Platz entschieden, was allemal besser ist, als die Schale aufgrund einer Quotientenregel zu vergeben. Wenig überraschend, dass der FC Bayern am meisten davon profitierte, dass die Emotionen aus den Stadien verbannt wurden.

Berücksichtigt man die schrittweise Öffnung des gesellschaftlichen Lebens seit dem 17. Mai und die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in anderen Ländern und Sportarten, war der Re-Start im Nachhinein eher eine Frage des Zeitpunkts und des Stils. Diesbezüglich offenbarten DFL und DFB eine entlarvende Selbstbezogenheit, die auch zwei Monate danach noch befremdet: Einerseits werden die Corona-Testkapazitäten in Deutschland bis heute nicht ausgeschöpft, sodass der Fußball am Ende wahrscheinlich wirklich keinem einen Test weggenommen hat, andererseits bleiben die über 20.000 Tests, die mitten in der Pandemie für den privilegierten Profifußball vorgehalten wurden, eine moralische Geschmacklosigkeit.

Apropos geschmacklos: Wie wichtig war den Verbänden eigentlich der sportlich faire Wettbewerb im Abstiegskampf der 2. Liga und bei der Fortführung der 3. Liga? Die Quarantäne bei Dynamo Dresden und die unterschiedlichen Regelungen zur Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings an den Drittligastandorten sorgten für Benachteiligungen, die nur deshalb ohne medienwirksamen Aufschrei hingenommen wurden, weil die betroffenen Vereine nicht zu den einflussreichsten im deutschen Fußball-Kosmos gehören. Böse Zungen halten es nicht für Zufall, dass die am stärksten betroffenen Clubs im Osten beheimatet sind. Die Großkopferten schließen derweil grinsend neue Millionenverträge ab und lassen sich die Sané (sorry, der musste raus) auf einem Extrateller kredenzen.

DFL und DFB haben die Gesundheit der Spieler und die Integrität des Wettbewerbs aufs Spiel gesetzt, um ihr Geschäftsmodell vor dem Untergang zu bewahren.  

Wem gehört der Fußball?

Wenn sich Funktionäre und Lobbyisten die Rettung des Fußballs, ja sogar die Rettung der Gesellschaft, auf die Fahnen schreiben, ist Misstrauen geboten. Wer ist denn „der Fußball“? Sind das nicht wir alle, die Millionen Amateursportlerinnen und Amateursportler, die Ehrenamtlichen, die in Fanclubs organisierten Anhänger und die leuchtenden Kinderaugen im Familienblock? Wie wünschen wir uns den Fußball?

„Wir wollen einen Fußball, der Fußball und Fankultur als etwas Gemeinsames sieht. Wo Fans kein Beiwerk sind, sondern Teil des Ganzen. Einen Fußball, der anerkennt, dass Vereine die Basis sind. Damit muss ich auch anerkennen, dass die Vereine letztlich den Mitgliedern gehören und nicht Einzelnen.“

Helen Breit, Sprecherin des Fanbündnisses „Unsere Kurve“, fordert stellvertretend für viele aktive Fanszenen, dass der Fußball wieder in den Verein und die Region eingebettet sein soll. Die Initiative will die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung wiederherstellen.

Die Position der Fanvertreter ist übrigens auch aus Vermarktungsgperspektive nicht uninteressant.

„Es braucht eine Neuausrichtung des Fußballs, wenn man das Besondere, was wir in Deutschland haben, bewahren will. Nämlich eine starke, diverse Fankultur, eine Verbindung von Fußball und Fans. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal im internationalen Vergleich. Menschen kommen nach Deutschland, um genau diese Form des Fußballs zu erleben.“

Christian Seifert mag in seiner Funktion als Geschäftsführer der DFL den Betrieb der deutschen Profiligen kurzfristig vor dem Zusammenbruch bewahrt haben, die größere und wichtigere Aufgabe hat er allerdings noch vor der Brust. Wie kann der deutsche Profifußball seine Glaubwürdigkeit retten?

«In jeder Präsidiumssitzung war zuletzt das Thema: Was lernen wir aus dieser Krise, worüber müssen wir nachdenken? Die Liste wird mit jeder Sitzung länger. (…) Wir wollen nicht einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher.»

Christian Seifert im Interview mit der FAZ, 28.04.2020

Wie ein kleines Kind, das seiner Mutter das Blaue vom Himmel verspricht, um ein Eis zu bekommen, kämpfte der DFL-Boss in den Wochen der Entscheidung für seine Interessen. Demütig gab er Fehlentwicklungen zu und kündigte die Einrichtung einer Task-Force an. Wir haben es notiert und werden ganz genau darauf schauen, ob es bei Lippenbekenntnissen bleibt und sich die Fehlentwicklungen fortsetzen.  

Im Sündenpfuhl

Beim Thema Financial Fairplay geht der erste Blick zu einem üblichen Verdächtigen. Am Ende der Corona-Saison müssen viele Clubs jeden Euro umdrehen, während Oliver Mintzlaff das Glück hat, dass ihm der reiche Onkel aus Österreich mal eben Schulden in Höhe von 100 Millionen Euro erlässt. Rechtskonform sagen die einen, eine unzulässige Umgehung der 50-plus-1-Regel die anderen. Und die DFL? Hält sich vornehm zurück.

Und wie sieht es mit den Kapitalspritzen der Tennor Holding GmbH unter Führung des windigen Lars aus? „Damit erweitert der strategische Partner die Beteiligung an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA auf 66,6 Prozent“, heißt es auf der Internetseite der Berliner lapidar. Steht dieser Fall auch auf der ominösen Liste, die das DFL-Präsidium angeblich diskutiert?

Wir können auch über das zuletzt arg gebeutelte Schalke 04 sprechen. Die Ausgliederungsdebatten, die uns in Stuttgart sehr bekannt vorkommen, werden unterbrochen vom Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden, der sich nicht nur mit seinen Schweinehälften die Hände besudelt hat. Das Land Nordrhein-Westfalen ist zwar empört über die mangelnde Zusammenarbeit der Tönnies Holding bei der Bewältigung der Infektionswelle, bietet dem hoch verschuldeten Herzensverein des Geschäftsmanns aber im Gegenzug eine Bürgschaft in Höhe von 35 Millionen Euro an. Muss man das verstehen? Landesbürgschaften zum Ausgleich jahrelanger Misswirtschaft?

Oder hören wir dem Mäzen der TSG Hoffenheim zu. Offensichtlich immer noch tief getroffen von dem Banner der Cannstatter Kurve weist Dietmar Hopp jeden Vorwurf zurück, die TSG sei nur eine aus seiner Schatulle aufgeblähte Luftnummer. Schaut man allerdings genauer hin, stellt man fest, dass sich der Provinzclub mitnichten selber trägt, sondern nach wie vor auf Zuschüsse seines Gönners angewiesen ist.

Fairere Wettbewerbsbedingungen, eine gesündere Finanzplanung der Proficlubs, eine gerechte Verteilung der Fernsehgelder, alles das will der Mann, der einfach nicht aus der Hülle seines Staubsaugervertreter-Avatars herausfindet, mit seiner DFL angehen und wirkt dabei so glaubwürdig wie ein Drogenberater mit Alkoholfahne.

Der Wahnsinn der Transfersummen, der Millionengehälter und Beraterhonorare müsse endlich ein Ende finden, sieht selbst die DFL ein. Und was machen ihre Buddies an der Säbener Straße? Thomas Müller, Manuel Neuer und Leroy Sané unterschreiben Verträge, die so hoch dotiert sind, dass jedem hart arbeitenden Bürger der Kamm schwillt. Der Ex-Schalker Alexander Nübel ist sogar bereit, seine Karriere als vielversprechender Nachwuchstorwart neben die eines Sven Ullreich in den Keller zu stellen, um sich ein Schwimmbad voller Goldtaler anzulegen.

Mit zweierlei Maß

„Die Belastungssteuerung der Spieler darf nicht hintenüberfallen. Wir sind mit den Klubs, die hoffentlich weit kommen, selbstverständlich in engem Austausch.“

Christian Seifert fordert aus Rücksicht auf die Champions-League-Teilnehmer Flexibilität bei der Terminierung des Saisonstarts 20/21 und tritt damit seine letzte Glaubwürdigkeit in die Tonne. Waren es nicht die DFL und ihr Mutterverband, die noch vor wenigen Wochen achselzuckend einigen Mannschaften aus der 2. und 3. Liga einen kaum zu bewältigenden Spielplan diktierten? Jetzt macht man sich also plötzlich Gedanken über Belastungssteuerung?

Wenn ihr den DFL-Boss und seine Kollegen vom Präsidium in den nächsten Tagen erreichen wollt, um sie zur Zukunft des deutschen Fußballs zu befragen, solltet ihr es vielleicht einmal im Hause Rummenigge versuchen, denn scheinbar reinigen sie dort nebenher den Pool; oder bei Watzkes, wo sie öfter mal den Rasen mähen; oder im Garten von Herrn Mintzlaff, wo sie auf Knien das Unkraut jäten. Es könnte sein, dass sich der hochgelobte Strippenzieher bald in die für ihn vorbestimmte Rolle als stinklangweiliger Staubsaugervertreter zurücksehnt. Die Rettung des Fußballs ist nämlich definitiv eine Nummer zu groß für ihn.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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