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Mission complete

Der VfB Stuttgart hat also doch vieles richtig gemacht. Letzlich ungefährdet brachte die von Star-Scout Sven Mislintat geformte Mannschaft den direkten Wiederaufstieg über die Linie. Die Kirsche auf der Torte: Die Aufstiegshelden bereiteten Mario Gomez als Dank für dessen vorbildliche Unterstützung während der ganzen Saison ein schönes Abschiedsgeschenk. Nach einer toll herausgespielten Kombination über den vom Diamantenauge entdeckten Silas Wamangituka vollstreckte der Jubilar zum 110. VfB-Tor seiner fantastischen Profikarriere.

Für seinen endgültigen Abgang hatten sich die kreativen Köpfe hinter dem Team dann noch etwas Witziges ausgedacht: Als Gomez zehn Minuten vor Schluss unter Standing Ovations den Platz verließ, streifte sich die VfB-Bank geschlossen das Gomez-Trikot über. Der Clou: mit der Nummer 27 auf der Brust statt auf dem Rücken, also falsch herum! Ein gelungener Gag.  

Die Mischung zwischen jung und alt stimmt einfach in der klug zusammengestellten Truppe, die nach Abpfiff ausgelassen neben der Ersatzbank feierte. Die Mission Wiederaufstieg ist damit erfüllt. Stolz präsentierten die Spieler die liebevoll gestalteten Aufstiegs-T-Shirts später sogar noch einigen begeisterten Fans vor dem Stadion, die trotz aller Warnungen dem Drang nicht nachgeben konnten, in der Stunde des Sieges bei ihren Lieblingen zu sein.

Während so große und seriös arbeitende Clubs wie der HSV nun schon zum zweiten Mal am Ziel Bundesligaaufstieg gescheitert sind, gelang der neuen VfB-Führung dieser Coup mit einer jungen und entwicklungsfähigen Mannschaft im ersten Anlauf. Mit Luca Mack, Darko Churlinov, Sasa Kalaidzic und Silas Wamangituka standen gestern bei Abpfiff vier Nachwuchstalente auf dem Platz, die in der nächsten Saison ihre Klasse in der Bundesliga unter Beweis stellen wollen. Abschließend möchte ich der Mannschaft und den Machern hinter den Kulissen zum gelungenen Saisonabschluss gratulieren und allen einen erholsamen Urlaub wünschen: Ihr habt ihn euch verdient, ihr Siegertypen!

VfB – SV Darmstadt 98 1:3

Warnhinweis: Aus Rücksicht auf zart besaitete Spieler und Funktionäre ist nur die leicht verdauliche Version im ungeschützten Bereich verfügbar. Unten findet ihr die Dark-Edition dieses Kommentars. Vorsicht, der Text kann Spuren offener Kritik enthalten. Lesen auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder.

Aufstieg – und keiner weiß warum

Ihr kennt das, wenn man auf einem Formular im Feld Name achtlos seinen Vornamen einträgt, aus Versehen das falsche Geschlecht ankreuzt und bei der Unterschrift schließlich der Kuli streikt. Nur noch eine Formalie ist am letzten Spieltag einer schwierigen Saison für den VfB zu erledigen, aber selbst das vermurkst die Mannschaft nach Kräften. Das Überstreifen der Wiederaufstiegs-Shirts wirkt so freudlos wie der Sommerkick, den die Mannschaften zuvor gezeigt haben. Wobei die Hessen die fast schon aufdringlichen Einladungen der VfB-Hintermannschaft drei Mal nicht ablehnen konnten und das Spiel gezwungenermaßen mit 3:1 gewannen. In gewisser Weise sehen wir also ein würdiges Ende einer Saison, an die sich keiner gerne erinnern wird.

Der Sportdirektor hat nach dem befreienden und letztlich entscheidenden Sieg in Nürnberg Dampf abgelassen: die Erwartungen zu hoch, die gegnerischen Abwehrreihen zu tief, die Kommentare zu bissig. Der Sportdirektor hätte es gern wohlmeinender. Überzogen sei die Kritik an der Mannschaft gewesen. Ob er damit Marko Schumachers Glosse in der Stuttgarter Zeitung nach der peinlichen Derbyniederlage meint oder irgendwelche im Frust abgesetzten Social-Media-Posts, bleibt sein Geheimnis. Sicher ist dagegen, dass insgesamt zehn (!) Saisonniederlagen in einer alles andere als starken zweiten Liga einem Club mit dem Anspruch des VfB kein gutes Zeugnis ausstellen. Dem kann man sich selbstkritisch stellen – oder man wälzt sich einfach in Selbstgerechtigkeit.   

In der Außendarstellung bewegt sich der VfB wieder einmal auf einem schmalen Grat. Die vor allem von Präsident Vogt vorangetriebene deutlichere Positionierung zu gesellschaftlichen Themen wird von der Dünnhäutigkeit und mangelnden Selbstkritik der sportlichen Leitung überschattet. Thomas Hitzlsperger hat die Öffentlichkeitsarbeit ganz in die Hände eines Mannes gelegt, der damit überhaupt keine Erfahrung besitzt. Sven Mislintat fühlt sich leicht ungerecht behandelt und macht keinen Hehl daraus, dass er sich den Beobachtern fachlich überlegen fühlt. Klingelt da was bei euch, ihr ahnungslosen Vollidioten?

Auch die Pressekonferenzen werfen in letzter Zeit Fragen auf. Warum stehen Didavi und Massimo seit Wochen nicht im Kader? Warum wird Badstuber seit seinem emotionalen Ausbruch nach der Rückkehr aus Karlsruhe nicht mehr aufgestellt? Warum musste der Kapitän Marc-Oliver Kempf nach der Niederlage in Wiesbaden auf die Bank? Jeder spürt, dass sich das Mannschaftsgefüge in den vergangenen Wochen mehrfach verschoben hat. Wir sehen es auf dem Platz und lesen es in den Gesichtern des Trainers und Pressesprechers. Aber der Club macht auch auf Nachfrage die Schotten dicht.

Wir können nur hoffen, dass die interne Kommunikation ganz anders aussieht und sich die Verantwortlichen dieser Tage zu einer schonungslosen Saisonanalyse zusammensetzen. Das Gerüst, das Mislintat für die kommende Bundesligasaison bereits gut aufgestellt sieht, bleibt für mich ein Phantom. Hinter so gut wie allen Führungsspielern stehen Fragezeichen, kaum eine Position ist bisher bundesligatauglich besetzt. Von dem Leistungsklima, das Hitzlsberger mit seinem Team beim VfB etablieren will, ist nicht viel zu sehen. Wie man ein letztlich bedeutungsloses Spiel professionell angeht, muss sich der stolze Club aus Cannstatt einmal mehr von der Arminia aus Bielefeld vorführen lassen, die dem Drittplatzierten aus Heidenheim eine Abfuhr erteilt.

Hinzu kommt die Ungewissheit, wie stark die Corona-Pandemie die Clubfinanzen beeinträchtigt. Muss der VfB Qualität abgeben, um an anderer Stelle Löcher im Kader zu stopfen? Beruht die Einschätzung des Sportdirektors, dass sich die Mannschaft mit der Außenseiterrolle in der ersten Liga leichter tun werde, auf mehr als reinem Wunschdenken?

Mir hat das letzte Saisonspiel noch einmal vor Augen geführt, wie wenig Freude mir diese Mannschaft in der abgelaufenen Saison gemacht hat und wie sehr sich meine Gefühlswelt von der offensichtlich intern vorherrschenden Stimmungslage unterscheidet. Ich hätte zum Beispiel nach dieser holprigen Saison auf ein Aufstiegs-T-Shirt verzichtet. Oder zumindest eines mit einem Schuss Selbstironie präsentiert: VfB & Deutsche Bahn: Besser spät als nie! Oder: Wir können alles außer Wehen-Wiesbaden.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Ein Kommentar

  • Der Groundhopper

    Mir hat Text Nummer 2 viel eher zugesagt, danke dafür! Vor allen Dingen die Vorschläge für das Aufstiegs-Shirt, erste Sahne 🙂

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