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Weinzierls Wagenburg

Als Felix Zwayer um 17:22 Uhr zum letzten Mal in seine Pfeife bläst, erhebt sich die als kritisch bekannte Haupttribüne und spendet warmen Applaus. Die Leute haben ein Gespür dafür, dass der Gegner an diesem Tag besser war und wir das Pünktchen besser schnell einpacken, bevor es uns noch einer wegnimmt. Besagter Referee aus Berlin zum Beispiel, der damals in den Hoyzer-Skandal verwickelt war, über dessen Stammbaum und Einnahmequellen aus unserem Block heraus die wildesten Vermutungen angestellt wurden, weil er bei vielen Zweikampfbewertungen und Gelben Karten schlichtweg daneben lag. Oder der blondierte Joelinton, der die Kurve mit seinen billigen Einlagen zum Kochen brachte, aber mit Kramaric, Belfodil und Demirbay der Stuttgarter Hintermannschaft auch so manches Rätsel aufgab. Ein hart erkämpfter Punkt geht am Ende auf das Konto des VfB, das nach 26 Spielen mit 20 Punkten und einer Tordifferenz von minus 30 nach wie vor äußerst schwach auf der Brust daherkommt. Angesichts der zufriedenen Gesichter im weiß-roten Lager fragt sich da mancher verwirrt: Wohin soll dieser Weg führen, den Markus Weinzierl vorgegeben hat?

Immerhin legte sich die Mannschaft nach dem Offenbarungseid in Düsseldorf zum fünften Mal nacheinander gehörig ins Zeug, um den Karren doch noch aus dem Dreck zu ziehen. Beck, Kabak und immer wieder Ascacíbar stehen exemplarisch für den Einsatzwillen, den der Trainer in den letzten Wochen neu geweckt und in ein defensiv stabileres System gegossen hat. Wir sehen auf dem Platz und auf der Ersatzbank eine Einheit, der man abnimmt, dass sie alles für den Klassenerhalt gibt. Außerhalb dieses Zirkels stehen die Aussortierten, die sich von Spieltag zu Spieltag weiter von der Truppe zu entfernen scheinen.  Weinzierl wirkt wie ein Pokerspieler, der mit einem Doppelpärchen auf der Hand nicht tauschen will, weil er überzeugt ist, dass die Konkurrenz nicht drüber kommt.

Entsprechend vorsichtig ging die Mannschaft das wichtige Heimspiel gegen Hoffenheim an. Gegen den Ball formierte man sich nach einer viel versprechenden Anfangsphase zu einem kompakten 5-3-2, ohne die Blauen entscheidend am Herausspielen von Torchancen hindern zu können. Erstaunlicherweise mündete die Kraichgauer Überlegenheit erst kurz vor der Halbzeit in den Führungstreffer. Kurz zuvor war Andreas Beck mit einer Direktabnahme nur um Zentimeter an einem Treffer der Marke Goalgetter vorbeigeschrammt.

Die Auswechslungen von Gómez und Esswein in der zweiten Halbzeit bestätigen, was die Spatzen in Cannstatt schon länger von den Dächern pfeifen: Mario wirkt körperlich indisponiert und Essi strahlt für einen Angreifer erschreckend wenig Torgefahr aus. Das gleiche gilt leider auch für den eingewechselten González, während Didavi in einigen Szenen zumindest andeutete, dass die Startelf in den nächsten Spielen nicht in Stein gemeißelt sein muss. Wären der entschlossene Vorstoß des einmal mehr starken Kabak, Becks kluge Hereingabe und Zubers eiskalter Abschluss nicht gewesen, hätte man sich in Cannstatt wieder einmal nur für den Kampfgeist auf die Schultern klopfen können.   

Fragt sich, ob der VfB mit dem Blatt, das Weinzierl im Moment auf der Hand hat, die Klasse halten kann. Ein As im Angriff könnte im Saisonendspurt entscheidend sein. Ein Fall für Tassos Donis, denken sich da viele Laien – und auch der ein oder andere Experte. Der Trainer sieht das anders, kritisiert den Griechen öffentlich für sein Laufverhalten und streicht ihn aus dem Kader. Auch Thommy und Akolo haben schon bewiesen, dass sie Tore schießen können, allerdings nicht von der Bank oder der Tribüne aus. Die Tabellenkonstellation, das Restprogramm und Weinzierls Wagenburg-Strategie lassen eigentlich nur eine Prognose zu: Der Abstiegskampf wird zu einer brutalen Zitterpartie. Und: Ohne die Tore unserer Innenverteidiger und Steven Zuber sind wir schon auf halbem Weg nach Aue.

VfB – TSG Hoffenheim 1:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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