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Lieber VfB!

Wie geht´s dir? Mir gerade nicht so toll. Naja, du weißt schon, kaum Einnahmen bei fortlaufenden Fixkosten. Und so überhaupt keine Planungssicherheit. Kennst du, oder? Deswegen schreibe ich dir, damit wir uns gegenseitig ein bisschen Mut machen können.

Walzer tanzen wir, du mit mir, ich mit dir

Eigentlich müsste ich dich wahrscheinlich mit „Sehr geehrte VfB Aktiengesellschaft“ anreden. Aber das widerstrebt mir. Für mich bist du einfach der liebe VfB. In jedes Schulheft habe ich dein Wappen gemalt. Das alte, versteht sich. Als Teenie habe ich versucht aus dem B-Block ein heiseres Vau-Vau-Vau-Eff-Bee anzustimmen, obwohl ich wusste, dass der A-Block niemals mitmachen würde. Ich habe deinen Schal auch getragen, wenn ich von allen Seiten Spott und mitleidige Blicke erntete.

Selbst wenn der Minderheitseigner unser Stadion irgendwann in G-Class-Bowl umbenennen sollte, bleibt es mein geliebtes Neckarstadion. Ich weiß, manche in der AG finden das albern. Aber keine Angst, das beruht auf Gegenseitigkeit. Bei euren Marketingkampagnen habe ich oft nur noch die Augen verdreht. Und jedes Mal, wenn ich vergeblich versuche, mich in euer WLAN einzuloggen, denke ich nicht ohne Häme an den fluchtartigen Abgang des Quattrex-Fürsten im vergangenen Sommer. Da wurde klar, wie weit sich Vorstandsetage und Mitglieder voneinander entfernt hatten.

Seitdem isch viel Wasser dr Negger nunter und ich war zwischendurch sogar mal wieder richtig stolz auf dich. Weil du dich zum Beispiel deutlich gegen die sexistischen Plakate in unserer Kurve gewandt hast und ansonschda oifach amol dei Gosch ghalta hasch.

Was heißt denn hier Solidarität?

Übrigens, vielen Dank auch für deine Mails. Ich könne das Geld für meine Eintrittskarten zurückfordern. Also, wenn ich dich nicht unterstützen wolle, so wie viele andere VfB-Fans. Wenn du wüsstest, lieber VfB, wie gern ich dich all die Jahre unterstützt habe, und wie gern ich den HSV am Montag aus dem Stadion brüllen würde.

Aber jetzt muss ich doch nochmal nachfragen. Wofür brauchst du denn das Geld so dringend? Um einigen Alt-Stars Gehälter aus dem Fantasialand zu bezahlen? Um auch in Zukunft Millionen für Talente aus dem Ausland auszugeben und den jungen Wilden vor die Nase zu setzen? Um mäßig erfolgreichen Trainern saftige Abfindungen hinterher zu werfen? Oder um die Logen in der „Mercedes-Benz-Arena“ aufzupeppen?

Wenn du mich fragst, lieber VfB, hat sich in den vergangenen Wochen vieles verändert. Großspurige Projekte sind out, nachdenken und helfen angesagt. Und zwar denjenigen, die es am dringendsten brauchen. Den Alten und Kranken, die das Haus nicht verlassen können. Den Einsamen und Bedrohten, die schon beginnen zu verzweifeln. Den Schwachen, die kaum Abwehrkräfte gegen die Krise haben. Du verstehst sicher, dass die VfB AG nicht zu diesen besonders Bedürftigen gehört. Wenn ich also mit meinen bescheidenen Möglichkeiten helfen kann, wähle ich den Empfänger sorgfältig aus.

Die Krise als Chance

Genug gejammert, lieber VfB, lass uns nach vorne blicken. Während die DFL – und da ist die VfB AG ja ein Teil davon – Geisterspiele als alternativlos bezeichnet und auch sonst ziemlich selbstbezogen daherredet, ist die Saison für mich bereits gelaufen. Auch wenn wir irgendwann im Sommer nach einem tristen Kick gegen Darmstadt den Aufstieg in einer Art behördlichem Akt vollziehen sollten, wird niemand feiern. Zum Walzer tanzen braucht man zwei: du mit mir, ich mit dir. Schon vergessen?

Falls die DFL und damit die Geschäftsführer der Kapitalgesellschaften (und ein paar letzte Präsidenten echter Vereine) die restlichen Spiele wirklich mit einem Gewaltakt durchpeitschen, wird das Ende dieser Saison als Sündenfall in die Geschichte eingehen. Als der Moment, in dem die Gier dem Fußball endgültig das Herz aus der Brust riss.

Aber das Geld! Die sieben Millionen aus den Fernsehgeldern, entgegnest du mir? Wir können gerne gemeinsam überlegen, wie man die Summe künftig einsparen kann. Spötter sagen, wenn Mario Gomez von der Payroll verschwindet, haben wir das Geld schon drin. Man könnte die Sache aber auch von der anderen Seite denken und sich auf die Werte besinnen, die den VfB groß gemacht haben.

Ich hörte zuletzt, dass Thomas Krücken vom NLZ die Nachwuchsförderung in der Region auf breitere Beine stellen will. Dass u.a. mit Willig, Teufel und Widmayer Trainer angestellt sind, die junge Spieler aus Leidenschaft entwickeln. Dass mit Rainer Adrion ein bodenständiger Fußballlehrer in den Aufsichtsrat kommt, und dass wir mit Claus Vogt einen Präsidenten haben, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Wie wär´s denn mit ein bisschen weniger Großmannssucht, dafür mehr Identität und Zusammenhalt? Lieber nochmal Sandhausen und Aue mit Herzblut als ein Hamster im maßlosen Business der Rasenballsports und Konzern-Ableger.

Du weißt, lieber VfB, der Fußball wird nach der Krise weiter bestehen. In welcher Form wissen wir heute noch nicht. Mit meiner Entscheidung, das Geld für die Eintrittskarten zurückzufordern, möchte ich andere Fans ermuntern, Solidarität mit den wirklich Schwachen zu üben. Außerdem will ich dir ein Stück Planungssicherheit und einen hoffentlich wertvollen Denkanstoß geben.

Pass auf dich auf und vergiss nicht: Ich lass dich niemals allein, du bist ewig mein Verein!

Dein C.L.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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