Allgemein

Im Jahr 5 n. C.

In der altmodischen Zählweise schreiben wir das Jahr 2026 nach Christus. Der VfB spielt wieder erstklassig. In der ersten deutschen Traditionsliga. Gott sei Dank stehen wir vor dem Waldhof und den Ostfranzosen, aber der SC Freiburg hat uns abgehängt. Das abgespeckte Geschäftsmodell kam ihnen entgegen: Salary-Cap, Transfer-Beschränkungen, Pflichtkontingent für Eigengewächse. Wahrscheinlich werden sie Meister.  

Die Corona-Lektion

Wir neigen dazu, uns selbst und unsere Probleme zu wichtig zu nehmen. Was schon immer galt, tritt in Zeiten der Pandemie noch deutlicher zutage. Selbsternannte Virologen und Social-Distancing-Apologeten übertreffen sich mit Handlungsempfehlungen oder malen Horrorszenarien an die Wand. Es gibt aber auch jene, die über die Zeit nach Corona nachdenken. Werden wir unseren Alltag verändern? Nutzen wir den erzwungenen Stillstand, um Verhaltensweisen und Einstellungen zu überdenken?

Ich sag´s mal so: Wenn wir aus dieser Krise nichts lernen, wann dann? Der Planet ächzt unter unserer Misshandlung. Die internationale Politik entwickelt sich ähnlich absurd wie die Handlung in “Die nackte Kanone“. Und der Fußball ist am Arsch. Was zunächst nicht wie eine besonders qualifizierte Bestandsaufnahme klingt, wird umso wahrer, je länger man sich damit beschäftigt.

Euer Fußball, unser Fußball

Nehmen wir einmal an, Fußball habe in unserem Leben vor Corona eine wichtige Rolle gespielt. Wer nie mit diesem gutartigen Virus infiziert wurde, schüttelt wahrscheinlich schon an dieser Stelle den Kopf. Dachten wir wirklich, dass die hochbezahlten Gladiatoren für das Vereinswappen auf ihrer Brust kämpfen? Haben wir uns der Illusion hingegeben, dass den zu Kapitalgesellschaften mit dreistelligen Millionenumsätzen mutierten Vereinen unsere Leidenschaft so viel bedeutet, wie es ihre pathetischen Marketingkampagnen glauben machen?

Sicher nicht. Und trotzdem riss uns der Fußball zu nachtschlafender Stunde aus dem Bett, jagte uns tausende von Kilometer über die Autobahn, ließ uns hüpfen und weinen wie kleine Kinder. Nicht weil wir uns mit der Parallelwelt der Sternchen identifizierten, sondern weil wir den Fußball in der Gemeinschaft erlebten. Wir diskutierten uns die Köpfe heiß, schrien uns die Kehlen heiser und verkürzten die endlos erscheinende Zeit bis zum nächsten Spieltag damit, Blockfahnen zu nähen, Podcasts aufzunehmen oder Memes zu basteln. Ob Gonzalez oder Silas spielte, juckte uns wenig. Aber wenn der Platz des lustigen Nachbarn im Stadion leer blieb, waren wir schon ein bisschen traurig. Das Geschehen auf dem Rasen war nur noch eine Randnotiz unseres Stadionerlebnisses.  

Auch Quatar München hat noch Chancen auf den Titel. Dazu müssten sie allerdings Manchester Al-Mansour und QSI Paris die Punkte abnehmen. Red-Bull Leipzig kämpft um Platz sechs. Wer global mitspielen will, muss richtig in die Vollen gehen. Gianni leckt sich die Finger. Die Super-League ist ein voller Erfolg. Außer für Dietmar. Der steckt gemeinsam mit Gazprom Gelsenkirchen im Abstiegskampf.

Wer braucht hier eigentlich wen?

Die Fürsprecher des Profifußballs lassen keine Gelegenheit aus, um zu verkünden: „Die Relevanz des Fußballs liegt (…) nicht allein in der finanziellen, sondern auch in der psychologischen Wirkung. Der Fußball ist für sehr viele Menschen ein Freudenspender“ (Markus Söder). Man will uns also eine Freude machen?

Lass stecken, Shrek. Wir kommen schon klar, solange du uns nicht verbietest, auf einer Bank ein Buch zu lesen oder mit einer haushaltsfremden Person spazieren zu gehen. Wir brauchen den Zirkus weniger als er uns. Wenn wir nämlich keine Lust haben, uns im stillen Kämmerlein Geisterspiele auf Sky reinzutun, gehen schwuppdiwupp die TV-Gelder flöten – und damit die Grundlage dieses schwindsüchtigen Geschäfts.

Wir lieben den Fußball als Gemeinschaftserlebnis, als Identifikation mit einer gemeinsamen Sache, die von farbenfrohen Choreos, lauten Gesängen und unvergesslichen Auswärtsfahrten lebt. Wir verstehen, dass dies zurzeit nicht möglich ist und nehmen es hin. Kommt also bitte nicht und sagt uns, was unsere Psyche braucht. Dass ihr davon nicht den blassesten Schimmer habt, beweisen die vergangenen Wochen. Wir werden euer Business nicht retten, weil es uns kalt lässt. Mit jeder Sonderregelung für den Profifußball ein bisschen kälter.

Nächste Woche geht´s auf den Betze. Ein Wunder, dass die sich retten konnten und in der Traditionsliga wieder munter mitmischen. Jedes Heimspiel ausverkauft und eine teuflische Pyroshow, die von der DTL nur unter strengen Auflagen genehmigt wurde. Zusammen mit Burning-Spliff in St. Pauli und Smoking-Lion an der Grünwalder Straße meine optischen Highlights der fünften Saison nach Corona.

VfB – Hamburger SV (abgesagt)

SG Dynamo Dresden – VfB (abgesagt)

VfB – VfL Osnabrück (abgesagt)

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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