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Ersehntes Niemandsland

Sieben Spieltage vor Schluss schaut der VfB-Fan zufrieden und etwas verwundert auf die Bundesliga-Tabelle. Hätte die UEFA in ihrem penetranten Bestreben, mehr und immer mehr Geld aus den europäischen Wettbewerben herauszuquetschen, nicht die Conference-League erfunden, stünde unsere Mannschaft im Niemandsland der Tabelle.

Erzwungene Eigentore

Der knappe Heimsieg gegen Bremen sei glücklich gewesen, schreibt der Platzhirsch unter den Fachmagazinen. Zwei Mannschaften, denen im letzten Drittel so gar nichts einfallen will, sollten sich konsequenterweise torlos trennen, könnte man argumentieren. Andererseits täuscht unsere liebenswerte Tor-Giraffe nicht zum ersten Mal einen Abschluss an, um den hinter ihm stehenden Verteidiger zum Unglücksraben zu machen. Adams und Augustinsson dürfen sich die Hand geben, Castro und Sosa ihre Häupter mit den Lorbeeren einer mustergültigen Vorbereitung schmücken.

Nicht zum ersten Mal fragen wir uns, wann bei Gonzo eigentlich der Turbolader eingebaut wurde. Der 33-Jährige ließ das Bremer Mittelfeld so alt aussehen, wie einen Boomer, der am Controller den Sprint-Button nicht findet. Und Bornas Flanken wurden inzwischen wohl mehr Heiratsanträge gemacht als seinerzeit Madonna nach der Veröffentlichung von „Like a Virgin“.

Der Unverstandene

Allerdings hätte auch ein anderer Spieler mit dem Brustring zum Osterhelden werden können, wenn er denn nur beim Abschluss ein bisschen glücklicher agieren würde. Kann es Zufall sein, dass der fesche Moustache die Nummer 20 trägt? Liegt es etwa an Gentners Rückennummer, dass sich an ihm die Geister scheiden?

Fachleute halten die Skepsis gegenüber Philipp Förster für vollkommen unangebracht. Seine Qualitäten seien auf dem Sofa mit einem Bier in der Hand eben nicht so leicht zu erkennen. Der vorletzte Pass, das Positionsspiel, das Anlaufverhalten, da habe der Bundesliga-Rookie seine Stärken. So ähnlich sehen es offensichtlich auch die Herren Matarazzo und Walter, bei denen Förster meistens in der Startelf stand.

Im VfB-Nachwuchs ausgebildet fand der Brettener über die Umwege Waldhof, Nürnberg II und Sandhausen wieder zurück an den Neckar und konnte sich im zweiten Anlauf durchsetzen. Seinen Einsatzwillen spüren wir bis auf die heimische Couch. Allerdings entgehen uns auch seine falschen Entscheidungen in aussichtsreicher Position nicht. Und als neulich ein Kommentator seine Beidfüßigkeit pries, ist uns vor Lachen fast der Schoppen aus der Hand gerutscht.

Gestern war Förster einer der besten Weiß-Roten auf dem Platz, leitete viele Angriffe ein und versuchte nach Kräften, das Fehlen von Mangala zu kaschieren. Dass ich nach dem Trikot seines berühmten Vorgängers mit der Nummer zwanzig auch seines tragen werde, ist trotzdem unwahrscheinlich. Expertenmeinung und Datenbasis hin oder her – zwischen Philipp und mir hat es einfach noch nicht „geschnaggelt“.

Nach der Länderspielpause

Das Osterwochenende hat uns fußballerisch nicht gerade vom Hocker gerissen. Und doch war es eine Wohltat nach der leidigen Länderspielpause. Jogis „einfach scho au irgendwie“ Worthülsen werden vom inhaltsleeren Marketing-Geseiere seines Sportdirektors unterboten. Es drängt sich der Gedanke auf, dass beim DFB nur noch Abriss und Neubau weiterhelfen. Vielleicht kann sich der größte deutsche Sportverband dabei etwas vom VfB abschauen. Statt Hybris und Stargehabe würden auch in Frankfurt ein personeller Umbruch und mutige Entscheidungen nebst Entwicklung junger, hungriger Spieler gut tun.

Es ist noch nicht allzu lange her, da staunte man als VfB-Fan nicht schlecht, wenn der Ball bei internationalen Spielen flüssig zirkulierte und sogar Torchancen erspielt wurden. Plötzlich ist es umgekehrt. Matarazzos Dreierkette wirkt wie ein Bollwerk gegen Jogis wackeliges Gebilde. Sosa hätte gegen Gosens wohl einen Stammplatz sicher und kein vernünftiger Mensch würde Silas und González gegen Sané und Werner eintauschen. Wir würdigen die aktuelle VfB-Mannschaft beim Anblick der lustlosen Möchtegern-Superstars mit dem Bundesadler noch mehr.

Conference-Championship

Ein einziges Pünktchen fehlt indessen noch zur magischen 40-Punkte-Marke. Vom 7. Platz, der zur Qualifikation für Europa reichen könnte, trennt uns sogar nur ein Törchen. Die Leistung der Mannschaft und der sportlichen Führung kann man angesichts der Ausgangslage im vergangenen Sommer gar nicht hoch genug einschätzen. Andererseits lässt mich die Conference-Championship mit Union, Gladbach und Freiburg ziemlich kalt. Wer gestern den HSV im Aufstiegskampf der zweiten Liga taumeln sah, erinnert sich wieder daran, wie sehr wir dieses Niemandsland herbeigesehnt haben.

VfB – SV Werder Bremen 1:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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