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Geier über Bad Cannstatt

Seit 244 Tagen ist Alexander Wehrle erst im Amt. Trotzdem hat es der 47-Jährige schon geschafft, bei Teilen der VfB-Fans zum roten Tuch zu werden. Zum einen ist das auf einen total überhitzten Spin in sozialen Medien zurückzuführen, aber der Vorstandsvorsitzende hat die Zweifel an seiner Person auch selbst befeuert.

Eine Woche vor dem ersten Advent hat in Bad Cannstatt das große Rumoren begonnen. Es geht in erster Linie um den Vertrag des Sportdirektors und um die Besetzung der Trainerposition, also um richtungsweisende Entscheidungen für den Klub. Da möchten wie gewohnt viele Leute mitsprechen – ob mit oder ohne Expertise, ob mit offenem Visier oder als Heckenschützen. Dem CEO und Sportvorstand in Personalunion kommt in den anstehenden Gesprächen natürlich eine Hauptrolle zu.

Können sich die drei auf einen gemeinsamen Kurs einigen?  (Bild: Baumann/Hansjürgen Britsch via StN.de)

Wehrles Bilanz

Noch bevor der ehemalige Geschäftsführer beim 1. FC Köln seine Arbeit an der Mercedesstraße aufnimmt, weiß er um die besondere Konstellation im Ressort Sport. Sven Mislintat ist dank der großzügigen Vertragsgestaltung durch den vorherigen AG-Chef mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet. Der Sportdirektor setzt auf kurze Entscheidungswege und ein eingeschworenes Team. Hinzu kommt, dass der 50-jährige Westfale von Teilen der Fans geradezu angehimmelt wird. Mit einer Mischung aus Sachverstand, Emotionalität und Lässigkeit schlüpft er für sie in die Rolle des Big Sven, des Dude von Cannstatt.

Einen so kompetenten und beliebten Mitarbeiter will man natürlich nicht verlieren, daher liegt das Thema Vertragsverlängerung vom ersten Tag an auf Wehrles Schreibtisch. Als Vorstandsvorsitzender gehört es aber zu seinen Aufgaben, sich zunächst selbst ein Bild von den Strukturen der AG und ihren Mitarbeitern zu machen.

Einen Tag nach der Mitgliederversammlung unterläuft dem erfahrenen Fußballfunktionär dann sein erster großer Fehler: Intern ist die Entscheidung, den Bereich Sport breiter aufzustellen, nicht abgestimmt, und die Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Berater wirkt desolat. Spätestens jetzt sehen sich die Wehrle-Skeptiker in ihrer Vermutung bestätigt, dass der neue CEO die bestehenden Strukturen nicht weiterentwickeln sondern grundlegend umbauen will.

In den Medien werden der Vorstandsvorsitzende und der Sportdirektor häufig als Gegenspieler inszeniert, die öffentlichen Verlautbarungen des Klubs können diese Darstellung nicht glaubwürdig widerlegen. Als Matarazzo nach dem 9. Spieltag entlassen wird, legt die Suche nach einem neuen Cheftrainer die Uneinigkeit der sportlichen Führung offen. Kurzerhand vertagt Wehrle alle Entscheidungen auf die Winterpause. Ob ihm seine Berater wohl einen Ausweg aus dieser Sackgasse einflüstern können?

Sportliche Stagnation

Seit Hitzlsperger am 15. September 2021 seinen Rückzug verkündet hat, ist die Neuauflage des Projekts „jung und wild“ ins Stocken geraten. Nach einer schwierigen Hinserie nehmen die sportlichen Entscheider im Winter 21/22 einige Kurskorrekturen vor. Mit einem Kern aus leistungsbereiten und mental gefestigten Spielern will man den Klassenerhalt sichern. Große Hoffnungen ruhen auf lange verletzten Spielern, die der Mannschaft wieder zu alter Stärke verhelfen sollen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Am Ende muss Kapitän Wataru Endo den VfB buchstäblich in letzter Minute vor der Relegation bewahren.

Die folgende Saisonanalyse ergibt erneut viele Ansatzpunkte für Verbesserungen. In Zukunft will der Trainer mehr Augenmerk auf den kurzfristigen Erfolg und weniger auf die Entwicklung junger Spieler legen. Ein halbes Dutzend Nachwuchstalente wird im Sommer ins In- und Ausland verliehen. Mit Vagnoman, Pfeiffer, Guirassy und Zagadou kommen Spieler, die nicht als Wette auf die Zukunft sondern als Soforthilfe gedacht sind. In den ersten neun Partien will Matarazzo mit seinem Team trotzdem kein Sieg gelingen. Die Mannschaft stagniert in ihrer Entwicklung.

Weil sich die sportliche Führung auf keinen Nachfolger für den entlassenen Cheftrainer einigen kann, übernimmt Co-Trainer Wimmer bis zur Winterpause. Aus einer Notlösung wird in den folgenden Wochen plötzlich die Empfehlung des Sportdirektors, auch im neuen Jahr mit dem Interimstrainer weiterzuarbeiten. Er habe „die richtigen Trigger-Punkte“ gefunden. Die Leistungen der Mannschaft bestätigen diese Einschätzung höchstens phasenweise. Ein klarer Plan ist weder auf noch neben dem Platz zu erkennen.

Ursachenforschung

Warum kommt das so vielversprechend gestartete Projekt der jungen Wilden 2.0 nicht mehr voran? Für die einen sind wahlweise der selbstverliebte Alexander Wehrle oder der untätige Präsident Vogt die Schuldigen, andere halten Sven Mislintat für einen überbewerteten Großsprecher. Es gibt jedoch auch substanzielle Argumente für die stockende Entwicklung beim VfB.

1. Finanzen: Die Pandemie hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren Einnahmeverluste im hohen zweistelligen Millionenbereich verursacht. Die finanzielle Konsolidierung der AG war und ist daher nur durch erhebliche Transferüberschüsse möglich. Darunter leidet natürlich die sportliche Substanz. Trotz einiger Bemühungen zur Kostenreduzierung wirtschaftet die ausgegliederte Profifußballabteilung noch lange nicht rentabel.

Gleichzeitig ist es seit der Ausgliederung nicht gelungen, weitere finanzstarke Unternehmen als Anteilseigner zu gewinnen. Der Vorstand bemüht sich zwar um neue Investoren und Sponsoren, aber ein Bundesligaklub, der im Fahrstuhl zwischen erster und zweiter Liga steckt, vermarktet sich eben nicht von selbst – schon gar nicht während der Corona- und Energiekrise.

2. Strukturen in der AG: Das Konstrukt, das Dietrich und Co 2017 mit List und Tücke aus dem VfB Stuttgart e.V. ausgegliedert haben, leidet noch immer unter seinen Geburtsfehlern. Das Ressort Sport unterlag zunächst dem komplett überforderten Michael Reschke, bevor der kaum weniger überforderte Thomas Hitzlsperger gleich zwei Spitzenämter übernahm.

Für das sportliche Tagesgeschäft ist seit dreieinhalb Jahren Sven Mislintat zuständig, der zwar großzügige Freiheiten genießt, vorher aber nur als Scout gearbeitet hat. Eine vernünftige Rollenverteilung zwischen Vorstandsvorsitzendem, Sportvorstand und Sportdirektor hat man bisher nicht gefunden. Stattdessen betreten plötzlich externe Berater die Bühne und längst überwunden geglaubte Störfeuer behindern die Entwicklung zusätzlich.

3. Kommunikation: Seit „Fokus VfB“ das Guerilla-Marketing für den „Erfolg“ übernommen hat, liefert die Kommunikationsabteilung ein Lowlight nach dem anderen: offene Briefe, missglückte Pressekonferenzen, erratische öffentliche Wortmeldungen, nicht eingehaltene Fahrpläne. Dass in dem hochgradig emotionalen Fußballgeschäft nicht immer alles nach Plan läuft, ist das eine, wie der Klub nach außen kommuniziert, das andere. Erst durch die widersprüchliche öffentliche Darstellung werden Themen wie Mislintats Vertragsverlängerung oder die Trainersuche so aufgebauscht.

Im Dienst der Sache

Alexander Wehrle steht trotz seiner relativ kurzen Amtszeit bereits gehörig unter Druck. Er muss jetzt Strukturen etablieren, die längerfristig tragfähig sind, und nachvollziehbar erklären, wie das 2019 begonnene Projekt sinnvoll weitergeführt werden soll. Dabei sind Kurskorrekturen gefragt, keine Revolution. Teamarbeit und Transparenz hat man sich beim Neuanfang auf die Fahnen geschrieben. Auf diesen Pfad sollte der AG-Chef schnell wieder zurückkehren.

Der Aufsichtsrat hat seinerseits Sorge dafür zu tragen, dass die Angestellten der AG zum Wohle ihres Arbeitgebers handeln und sich nicht in ihre eigene Agenda verstricken. Die Mitglieder und Fans sind zum Beispiel wenig daran interessiert, wie es ein Klubfunktionär findet, dass manche Kneipen die Wüsten-WM boykottieren, oder ob er zum Achtelfinale nach Doha reist. Die anstehenden Entscheidungen müssen sitzen, wenn der VfB die Anstrengungen der vergangenen Jahre nicht im Rekordtempo pulverisieren will. Die Geier kreisen wieder über Bad Cannstatt.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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