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Ansgar und Pierre-Enric

Bei Ansgar Knauff muss ich unwillkürlich an Otto Addo denken. Ein Vorname wie eine deutsche Eiche, den man nur schwer mit dem flinken Spieler auf dem Platz in Verbindung bringt. Als Marco Reus am Samstagabend nach einer beherzten Didavi-Grätsche seinen geschundenen Körper vom Feld schleppt, tänzelt der junge Ansgar schon an der Seitenlinie. Eine knappe Viertelstunde später rutscht der 19-jährige Göttinger mit nigerianischen Wurzeln auf den Knien über den Rasen und feiert sein erstes Bundesligator. Ein sehr schönes, wie man auch als VfB-Fan anerkennen muss.

Pierres Schattenkabinett

Bevor wir genießen, was uns die Fußballer aufgetischt haben, müssen wir aber kurz in der vereinspolitischen Kombüse vorbeischauen. Dort wird nämich seit einigen Tagen wieder geköchelt. Pierre-Enric Steiger will dem Vernehmen nach bis zum Ende der Frist am kommenden Montag (0 Uhr) seine Bewerbung für das Präsidentenamt einreichen. Der Präsident der Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden ist Mitglied des VfB-Freundeskreis und hat sich für seine Bewerbung etwas Besonderes ausgedacht. Er möchte gemeinsam mit Ex-Profi Silvio Meißner und Finanzexperte Hubert Deutsch ins Präsidium einziehen – und zwar nur mit ihnen.

Ob Pierre auch schon für den Vereinsbeirat sein neunköpfiges Team nominiert habe, und sich die Herren bereits auf den Farbton ihrer Einstecktücher geeinigt hätten, frotzeln die einen, während sich die anderen fragen, ob Herr Steiger die Satzung des Vereines kennt, dessen oberster Repräsentant er werden will. Die Mitglieder wählen nämlich laut Paragraph 16 Absatz 3 den Präsidenten und das Präsidium in Einzelwahl. Nicht alle werden also dem Gedankenblitz vom präsidialen Dreierpack folgen, zumal sich für die Sitze im Präsidium weitere Personen bewerben werden, die in punkto Vereinspolitik mehr auf der Uhr haben als Steigers Schattenkabinett.

Vorboten des Sommers

Dass beinahe zeitgleich die Daimler AG eine Pressemitteilung zu „angeblichen Unregelmäßigkeiten“ bei der Abstimmung zur Ausgliederung veröffentlicht und Wolf-Dietrich Erhard seine Denkpause im Vereinsbeirat kurzerhand für beendet erklärt, mag Zufall sein. Wer sich die jüngsten Konflikte zwischen Verein und AG noch einmal vergegenwärtigt, kann aber auch zu dem Ergebnis kommen, dass mitnichten ein Schlussstrich unter die Sache gezogen wurde.

An den 1. Juni 2017 kann sich plötzlich niemand mehr erinnern und die bevorstehenden Entscheidungen im Vereinsbeirat sind derart brisant, dass sich ein geübter Strippenzieher diese Gelegenheit nicht entgehen lassen kann. Personeller Neuanfang? Zeitnaher Rücktritt? Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Der Machtkampf könnte wieder richtig aufflammen.

Die Freunde des VfB

Wer sich dabei für die Position des VfB-Freundeskreis interessiert, sollte noch einmal deren Statement zur „Führungskrise“ aus dem Januar dieses Jahres lesen und sich außerdem erinnern, wie unkritisch der Verein der Unternehmer und VfB-Freunde zu Wolfgang Dietrich und dessen Umtrieben stand. Ausgerechnet aus ihrer Mitte steigt jetzt der Herausforderer für Claus Vogt hervor, wieder einmal mit der Unterstützung eines ehemaligen Profis, zu denen man traditionell gute Beziehungen pflegt. Kevin Kuranyi lässt grüßen. In der vereinspolitischen Küche riecht es schon wieder leicht angebrannt.

Wo ist Haaland?

Zurück zum Sport: Die Gelb-Schwarzen lassen den Ball in der ersten Halbzeit gekonnt durch die eigenen Reihen laufen, doch die gefährlichen Zonen bleiben tabu. Hatte sich in der Champions-League noch einer der Linienrichter ein Autogramm von Erling Haaland geben lassen, würde ich mich nicht wundern, wenn der Norweger nach dem Spiel Waldemar Anton Zettel und Stift in die Hand gedrückt hat. Unser Abwehrboss zeigt dem Bundestrainer jedenfalls, dass sein misslungener Auftritt gegen Lewandowski nur ein Ausrutscher war – oder eben, dass dem Dortmunder Shooting-Star noch einiges zum Branchenprimus fehlt.

Insgesamt wirkt der VfB gut sortiert, aber im Spiel nach vorne gelingt wenig. Klimovicz und Coulibaly können ihre Stärken nicht einbringen und treffen ein ums andere Mal die falsche Entscheidung. Vor allem der junge Franzose geht auf der rechten Seite häufig ins Dribbling, wenn er die Kugel schnell spielen muss, und wenn er einmal alleine gehen könnte, fehlen ihm Durchsetzungskraft und Zug zum Tor. Die Halbzeitführung ist trügerisch. 

Erfolgloses Aufbäumen

Dass ausgerechnet Didavi nach dem Dortmunder Doppelpack die Stuttgarter Drangphase einleitet, hätten ihm wohl nur noch wenige zugetraut. Als Matarazzo auf Mittefeldraute umstellt und den Gegner schon am Strafraum anlaufen lässt, hat der BVB plötzlich Probleme aus der eigenen Hälfte zu kommen. An den meisten gelungenen Aktionen ist der zuletzt blasse Daniel Didavi beteiligt. Er gewinnt Zweikämpfe, setzt seine Nebenleute ein und schließt selbst aus allen Lagen ab. Unterstützt wird er dabei vor allem von Wataru Endo. Der erstaunliche Japaner kann nämlich nicht nur abräumen, sondern auch von der Achter-Position aus antreiben. In dieser Phase beweist der VfB, dass die gute Platzierung kein Zufall ist. Der unbedingte Wille, das Spiel wieder zu drehen, bringt den Champions-League-Viertelfinalisten ganz schön in Bedrängnis. Bis eben jener Ansgar Knauff seinen großen Auftritt hat.   

VfB – Borussia Dortmund 2:3

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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