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Dann geht halt!

Was zwischen der 18. und 23. Minute in der Allianz-Arena passiert, haben selbst langjährige Fußballbeobachter noch nie gesehen. Drei Tore in fünf Minuten in Unterzahl. Damit hat der FC Bayern einen weiteren Bundesliga-Rekord aufgestellt. Die 40-Tore-Marke des Bombers der Nation wackelt ebenfalls.

Klein gegen Groß

Wer kennt es nicht? Die Kleinen fordern auf dem Bolzplatz die Großen heraus: „Fliegender Torwart, drei Ecken ein Elfer und wir spielen mit unserem Ball – der isch net so dabbig aufgepumpt“. Natürlich werfen sich die Kurzen in jeden Schuss und feiern angekommene Pässe wie eine Weltmeisterschaft, aber sobald die Pubertierenden ihre Kippen ausgedrückt haben, klappert´s ziemlich schnell in der Kiste. Unterzahl hin oder her. Ähnlich ging es dem VfB in München. Eine Viertelstunde durften sie mitspielen, dann nickten sich die Großen zu und machten kurzen Prozess.

Wer die erste Halbzeit noch einmal ganz nüchtern – vorzugsweise ohne Ton – anschaut, erkennt fußballerisch Interessantes: Wie die Roten in Unterzahl geschickt die Räume verengen, wie sie bei Ballbesitz schnell ausschwärmen und über die Außen attackieren, wie die Führungsspieler das Kommando übernehmen und ihre Mitspieler heiß machen. Plötzlich entgleitet den Weißen die Partie vollkommen. Die Aufzeichnung kann als Lehrmaterial eingesetzt werden, wie man mit einem Mann weniger ein Spiel dominiert.

Feine Unterschiede

Vergangene Woche gab beim Sieg gegen Hoffenheim alleine Andrej Kramarić mehr Torschüsse ab als die ganze VfB-Mannschaft. Dass sich Gregor Kobel trotzdem über seinen vierten Shutout der Saison freuen durfte, lag nicht nur an der guten Raumaufteilung und der geschlossenen Defensivleistung seiner Vorderleute, sondern auch daran, dass der Kroate im blauen Gästetrikot nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Wie es enden kann, wenn man Weltklassestürmern zu viel Platz gibt, demonstrierte dann gestern Rekordjäger Lewandowski.

Beim ersten Tor kommt er eine Schuhspitze vor seinem Gegenspieler an den Ball, beim 3:0 setzt er völlig freistehend einen schulmäßigen Kopfball ins Toreck, bevor er die Unordnung in der VfB-Abwehr zu seinem 35. Saisontor nutzt. Wir lernen also: Ein Kramarić ist kein Lewandowski und ein Anton kein Boateng oder Süle. Bei allen vier Gegentoren sieht der als Kandidat für die Nationalmannschaft gehandelte Innenverteidiger unglücklich aus. Nicht, dass ich Waldis fantastische Saison kaputtreden wollte, aber wir dürfen die Maßstäbe nicht verrücken. Ein stabiler Bundesligaspieler gehört noch lange nicht zur Weltspitze.  

Sorgen um Wamangituka

Mehr als die Niederlage gegen den übermächtigen Tabellenführer schmerzt die Verletzung unseres rechten Wingbacks, der in den vergangenen Wochen zu Höchstform aufgelaufen ist. In der zweiten Liga stöhnten wir noch über seine unsauberen ersten Kontakte und falschen Entscheidungen im letzten Drittel, aber zuletzt hat sich Silas zum Unterschiedsspieler gemausert. Wir können ihm nur wünschen, dass sein Knie keinen allzu großen Schaden davongetragen hat und er in der Vorbereitung zur nächsten Saison wieder voll angreifen kann.

Wenn er denn im Sommer überhaupt noch bei uns spielt, höre ich euch einwenden. Sicher haben Wamangituka und Co bei einigen Klubs Interesse geweckt, allerdings hat diese Saison noch einmal unterstrichen, wie wichtig regelmäßige Spielpraxis und Vertrauen seitens der sportlichen Führung für junge Spieler ist. Mislintat räumte neulich ein, dass man dem Werben von Europas Top 16 im Zweifel nicht standhalten könne. Vielleicht kommt aber das europäische Topniveau für unsere Shooting-Stars auch zu früh. Kalajdžić fand jedenfalls gestern trotz intensiver Bemühungen in Boateng und Süle seine Meister, während Sosa gegen den Verein, bei dem er angeblich auf der Einkaufsliste steht, ziemlich blass blieb.

Der Lernprozess geht weiter

Acht Spiele haben die Schützlinge von Pellegrino Matarazzo in dieser schon jetzt so erfolgreichen Saison noch vor sich. Gelegenheit, um völlig ohne Druck weitere Erfahrungen auf Bundesliganiveau zu sammeln. Durch die Ausfälle der beiden Schlüsselspieler Mangala und Wamangituka kann auch der Trainer zeigen, ob er in der Lage ist, die Ausrichtung der Mannschaft so anzupassen, dass die nachrückenden Spieler ihre Stärken einbringen und sich weiter entwickeln können.

Dabei sollten wir nicht erwarten, dass der 18-jährige Ahamada sofort zum Stammspieler oder Coulibaly zum neuen Silas wird. Vielleicht können sich ja auch andere Spieler zeigen, die bislang noch nicht im Mittelpunkt standen. Ich denke dabei an Roberto Massimo, Darko Churlinov oder Luca Mack. Die Tür zu Rinos Team sei immer offen, bestätigte zuletzt noch einmal NLZ-Leiter Thomas Krücken in der hörenswerten Jubiläumsfolge des PodCannstatt. Durchgehen – wie Sportdirektor Mislintat gerne betont – müssen die Jungs allerdings selber. Das Leistungsprinzip stehe über allem. Da konkurriert der 20-jährige Bietigheimer Luca dann eben mit dem zwei Jahre jüngeren Naouirou aus Marseille.  

Zu gut für diese Liga

Die Maske-unter-der-Nase-Fraktion auf der VIP-Tribüne und der Sky-Kommentator bekamen zeitweise kaum noch Luft vor Begeisterung, während kritische Geister den Countdown für den Abschied des Serienmeisters aus der Bundesliga längst eingeleitet haben. Auch wenn die Über-Bayern in einigen Spielen dieser Saison auf ernsthaften Widerstand gestoßen sind, schaden sie dem Wettbewerb. Aus VfB-Fankreisen ist nach der Abreibung jedenfalls leicht hysterisch zu vernehmen: Dann geht halt in eure europäische Superliga!

FC Bayern München – VfB 4:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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