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Zweitklassig im Duell der Erstligisten

Vergangene Woche veröffentlichte das Portal Transfermarkt einen Zuschauervergleich aller zweiten Ligen weltweit. Der Krösus? Ratet mal. Und wer hat den teuersten Etat der zweiten Bundesliga? Ihr ahnt es. Eigentlich sind Stuttgart und Hamburg verkleidete Erstligisten. Sitzengebliebene, denen schon ein Flaum auf der Oberlippe wächst, während alle anderen noch Lego spielen. Das Einzugsgebiet, die Strahlkraft, die Tormusik – äh, lassen wir das. Und in den meisten Statistiken liegen wir Schwaben noch „a glois bissle“ vorne. Vor dem Spitzenspiel im Volkspark ließ sich ein Berichterstatter sogar dazu hinreißen zu behaupten, der VfB sei auf jeder Position stärker besetzt als der HSV. Nach der Klatsche von gestern bleiben dicke Fragezeichen.

Wie kann ein selbst ernannter Aufstiegskandidat in einem Spiel gegen einen direkten Konkurrenten so untergehen? Wie können Anspruch (Gomez, Walter) und Wirklichkeit dermaßen auseinanderklaffen? Wie ist der Einbruch nach dem erfolgreichen Saisonstart (6 Siege, 2 Remis) zu erklären?

Schenkt man den Erklärungen der Verantwortlichen Glauben, ist jede Niederlage ein Einzelfall und einfach zu erklären (schlechte Chancenverwertung, individuelle Fehler), während die grundsätzliche Überlegenheit nicht zu bestreiten sei (Ballbesitz, Pässe, Torschüsse). Bei den beiden letzten Heimspielen echauffierten sich viele (zurecht!) über die frühen Pfiffe von den Rängen. Was aber, wenn die Miesepeter und Spaßbremsen schon vorausgesehen haben, dass diese Spielweise irgendwann im Fiasko enden muss? Ist das tragische Scheitern im Walterball gewissermaßen schon angelegt? Oder ist allein die Verwendung dieses Begriffs schon eine Hybris?

Lasst mich einen gewagten Vergleich mit einer anderen Sportart ziehen: dem ordinären Hinterhof-Pingpong, einem Verwandten des Tischtennis. Einst galt ich als Garagenweltmeister, weil mich kein Nachbar von der schiefen Platte fegen konnte. Bis ein Vereins-Crack auftauchte und mich mit seinen verzwirbelten Angaben und rätselhaften Flugkurven zur Weißglut brachte. Der einzige Weg um mein Gesicht in der Hood zu wahren: spektakuläre Topspins in die äußersten Ecken der Platte. Die gingen zwar regelmäßig daneben, gaben mir aber die Möglichkeit, meine Schmach hinterher mit Pech und schlechter Tagesform zu erklären: „Normalerweise kommen die Bälle und dann läuft das hier ganz anders.“

Ich verstehe ihn also den Tim, und grundsätzlich freue ich mich über die offensive Herangehensweise seines Fußballs. Allerdings beginnt sein Habitus des Selbstbewussten zu bröckeln. Die Fröhlichkeit und der unerschütterliche Optimismus passen so gar nicht zum fahrigen Auftreten seiner Schützlinge. Das Vertrauen, das er jedem Einzelnen im Kader entgegenbringt, können einige auf dem Platz nicht einmal ansatzweise rechtfertigen. Walter sagte einmal: „Ich will jeden Spieler besser machen.“ In den ersten Spielen konnte man diesen Effekt bei Didavi oder auch González deutlich erkennen, heute muss man konstatieren: Weder die erfahrenen Insua oder Castro, noch die jungen Karazor oder Mangala haben sich unter dem neuen Trainer weiterentwickelt. Im Gegenteil: Die Leistungen vieler Akteure geben angesichts ihres Potenzials Rätsel auf.

Fragt man erfahrene Trainer nach Erfolgsgeheimnissen, sprechen sie oft von funktionierender Hierarchie, von einer Achse, die man in der Mannschaft etablieren müsse. Kobel, Kempf, Stenzel, … die ersten drei Namen sprudeln noch, dann komme ich schon ins Stocken. Schaut man sich die Mittelfeldformationen der letzten vier VfB-Spiele an, hätte ein Zufallsgenerator keine beliebigeren Kombinationen ausspucken können. Die Rotation führt aber nicht etwa zu Konkurrenzkampf und Spitzenleistungen, sondern zu Ärger (Ascacibar), Verunsicherung (Karazor) und Formschwäche (Klement).

Eine andere goldene Regel im Fußballgeschäft heißt: Verheizt eure jungen Spieler nicht, baut sie langsam auf. Bei González wurden wir letzte Saison auf dramatische Weise Zeuge davon, was passiert, wenn man einem zu viel aufbürdet. Offenbar haben die Verantwortlichen nicht viel daraus gelernt, denn wer Silas am Samstag beobachtete, vernahm den stillen Schrei: Trainer, wechsel mich aus, das ist zu viel für einen jungen Hüpfer wie mich. Vom zweiten tragischen Auftritt Awoudjas ganz zu schweigen.

Walter betont gerne, dass er nach Trainingseindrücken aufstellt. Warum sieht er dann nicht, dass Insua in einem Leistungsloch so tief wie der Grand Canyon steckt? Erkennt er nicht, dass Awoudja für knapp 60 000 im Volkspark noch nicht bereit ist? Weiß er nicht, dass Klement immer noch erfolglos seine Form aus der Vorsaison sucht? Spürt er nicht, dass sich Ascacibar im Mittelfeld wenigstens wehren würde?

In der Nachbetrachtung des blamablen 2:6 möchte man dem soeben beförderten Vorstandsvorsitzenden zurufen: Dein Sportdirektor und dein Trainer sind unerfahren in ihren Ämtern und erst seit vier Monaten im Verein. Erklär ihnen, was dieses 2:6 für tausende von Fans bedeutet, die 1500 km runterreißen, um wenigstens ein bisschen stolz zu sein auf unsere Farben. Mach ihnen klar, dass man als VfB Stuttgart nicht mal eben so dreimal hintereinander versagen kann, und dann raushauen: „Für uns geht es weiter. Wir (…) probieren es auf ein Neues.“ Sag ihnen auch, was du gestern von der Tribüne aus gesehen hast: Eine Mannschaft, die in dieser Verfassung sicher nicht aufsteigen wird.

HSV – VfB 6:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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