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Von Premieren und Adrenalinjunkies

Um kurz vor halb vier macht sich im Stadion Erleichterung breit. Tim Walter nimmt einen Spieler nach dem anderen in den Arm, tätschelt viele Hinterköpfe. Besonders lange spricht er mit „Pokali G.“, dem Matchwinner von Hamburg. Es sieht aus, als würden die beiden eine Szene aus der Schlussphase noch einmal durchdiskutieren. „Warum hast du den nicht so trocken verwandelt wie am Dienstag?“ Sogar die treuesten Anhänger waren einige Male der Verzweiflung nahe, als Förster (3x), Klement und eben jener Al Ghaddioui beste Einschussgelegenheiten direkt vor der Cannstatter Kurve vergaben. Nachdem die weiß-rote Überlegenheit über weite Strecken der ersten Hälfte noch erdrückend schien, ist eine Viertelstunde vor Schluss plötzlich wieder alles möglich.

Trotzdem wird niemand bezweifeln, dass der 3:1-Sieg am Ende verdient ist. Und noch wichtiger, er bringt uns wieder in Schlagdistanz zur Tabellenspitze. Zwei Spieler werden den Sonntag sogar noch länger in Erinnerung behalten: Santiago Ascacíbar markiert seinen ersten Pflichtspieltreffer im VfB-Trikot und Wataru Endo feiert sein Debüt mit dem Brustring. Und doch liegt – wie schon in den vergangenen Heimspielen – eine latente Unzufriedenheit in der Luft.

Ich persönlich bin dabei der Ansicht, dass Pfiffe gegen das eigene Team per se unangebracht sind, aber das Aufkommen einer gewissen Unruhe kann man angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre durchaus verstehen. Die Leute lechzen nach Fußballunterhaltung und klaren Siegen. Sie erwarten vom teuersten Kader der Liga mehr als Zitterpartien gegen Kellerkinder. Das auf Dominanz ausgelegte Spielsystem wirkt im Ansatz zwar durchaus vielversprechend, schlägt sich aber nicht wie gewünscht an der Anzeigentafel nieder. In fast allen Saisonspielen ging man mit dem Gefühl nach Hause, dass die Mannschaft ihre PS nicht richtig auf die Straße gebracht hat.

Wer Spiele gegen einen ebenbürtigen Gegner mit 2:6 verliert und in Duellen mit klar Unterlegenen bis zum Schluss zittert, ist entweder ein Adrenalinjunkie oder spielt einfach unter seinen Möglichkeiten. Mit der 2:0-Halbzeitführung im Rücken hätte man die Partie am Sonntag eiskalt nach Hause schaukeln können: Ball und Gegner laufen lassen und gegen zwangsläufig aufrückende Dresdner den entscheidenden Konter setzen. So abgezockt ist unsere junge Mannschaft aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Man serviert dem am Boden liegenden Gegner durch schlampiges Positionsspiel Großchancen auf dem Silbertablett. Die Schwarz-Gelben nahmen die Geschenke im Gegensatz zum HSV zum Glück nicht so konsequent an.

Vor dem schweren Auswärtsspiel an der Bremer Brücke und dem Derby vor der Brust muss die Mannschaft weiter aus den Fehlern lernen und ihre Angriffe besser absichern. Das sachliche Spiel eines Gonzalo Castro tut der Viererkette genauso gut wie die Bierruhe eines Holger Badstuber. Wenn Walter der Mittelfeldformation jetzt noch die Möglichkeit gibt, sich besser einzuspielen, werden sich Automatismen bilden und aus jedem Spieler ein paar Prozent mehr rauskitzeln. Denn eines ist gewiss: Bei einem Derbysieg werden auch die letzten Unzufriedenen verstummen. Vielleicht fehlt dem Neckarstadion einfach mal wieder eine ausgelassene Party, um sich in die harte Zweitligasaison zu grooven.

VfB – SG Dynamo Dresden 3:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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