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Unbekannt verzogen

Wenn die Mannschaft des VfB Stuttgart nicht alle drei Tage zu einem Bundesligaspiel auf den Platz müsste, könnte man denken, der Club sei vom Erdboden verschluckt. So wie ein Nachbar, der abends die Rollläden nicht mehr runterlässt und samstags sein Auto nicht mehr poliert. Oder wie eine westliche Hakennasennatter. Die stellt sich nämlich einfach tot, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Machen wir die Probe aufs Exempel und schreiben dem Verschollenen einen Brief.

Sehr geehrter Vorstand,

Nein, so wird das nichts. Von Ehre kann hier keine Rede sein. Jeder, der auch nur eine leise Ahnung von unternehmerischen Abläufen hat, weiß, dass ein Finanzvorstand größere Ausgaben gegenzeichnen muss, und der Marketingvorstand selbstredend von den Projekten in seinem Verantwortungsbereich Kenntnis hat. Trotzdem gab laut Presseberichten nur eine Person zu, von der Guerilla-Marketing-Kampagne und der Weitergabe der Mitgliederdaten gewusst zu haben. Ein klarer Fall von Wahrheitsbeugung. Versuchen wir es also anders:

Liebes Präsidium, …

Halt! An wen schreibe ich denn da gerade? Von den drei Präsidiumsmitgliedern ist einer im Mitgliedermanipulationsskandal dermaßen befangen, dass in einem Strafverfahren wegen Verdunklungsgefahr Untersuchungshaft angeordnet würde, der Zweite mogelte sich zuerst als Dietrich-Intimus, dann als Abschussrampe für Hitzlspergers Raketenkarriere durch das Labyrinth der Klüngelei und der Dritte bekommt seine Post wahrscheinlich gar nicht mehr durchgestellt, weil er intern zur Persona non grata erklärt wurde. An wen kann ich mich beim VfB eigentlich noch wenden?

Liebe Vertreter:innen der Mitglieder,

ich weiß nicht genau, wer ihr seid und ob es euch überhaupt noch gibt. Seit inzwischen sechs Wochen läuft die Kommunikation des VfB ja hauptsächlich über offene Briefe und die Boulevardpresse. Diejenigen, die den Club qua Amt führen sollten, sind aus verschiedenen Gründen unpässlich, ihre Stellvertreter abgetaucht. Während die Clubführung also ungeniert Verstecken spielt, stehen die Mitglieder im Regen. Nur zur Erinnerung: Es gibt uns noch. Und wir sind viele.   

Für den 18. März habt ihr uns zu einer Versammlung eingeladen. Aber wie die Dinge stehen, wissen wir noch nicht einmal, ob und wie die Veranstaltung stattfinden kann, geschweige denn, ob wir überhaupt willkommen sind. Man hört, wir sollen eine Person zu unserem obersten Repräsentanten wählen, die ihr gerade über einen Headhunter suchen lasst.  

Parallel wuseln jede Menge Anwälte bei euch herum, die einen Haufen Geld verschlingen, die Kernfragen aber bislang nicht aufklären durften. Findet ihr nicht, dass eine gewisse Ordnung im Haus herrschen sollte, wenn Besuch kommt? Es wäre doch unangenehm, wenn ein Gast auf der Suche nach Handseife in Opas Champignonzucht greifen würde. Darf ich euch stellvertretend ein paar Fragen stellen?

Ich schmeiße den Entwurf in den Papierkorb. Die Idee mit dem Brief macht einfach keinen Sinn, solange ich keinen Adressaten habe. Diejenigen, die man fragen müsste, leiden unter geheimnisvoller Amnesie oder belügen uns schlicht dreist. Jenen, die etwas beitragen wollen und können, wird unter Androhung von Strafanzeige der Mund verboten.

Offensichtlich haben die Strippenzieher den fluchtartigen Abgang ihres Meisters samt Facebook-Rücktritt schon vergessen. Oder sie haben aus jener desaströsen Mitgliederversammlung im Juli 2019 nichts gelernt. Für die Neuauflage im März sind noch entscheidende Punkte offen. Klar ist nur, dass einige Abberufungsanträge für Präsidiumsmitglieder und Vereinsbeirät:innen vorliegen. Klingt nach Frühjahrsputz, wenn ihr mich fragt.

Meine nächste Frage sollte an die Kommunikationsabteilung gehen. Aber die steckt ja zurzeit im Home-Office fest, oder? Wie klug ist es denn, stattdessen die Bild-Zeitung als wichtigstes Sprachrohr zu benutzen? Via Yellow-Press echauffiert man sich über Indiskretionen, doch in Wahrheit fußt die ganze Strategie des Clubs seit der Ausgliederungskampagne auf selbigen. Alle ernstzunehmenden lokalen und überregionalen Medien sind sich inzwischen einig bei der Einschätzung der Lage, alleine die Auftragsartikel mit den großen Überschriften halten den Putschisten noch die Stange. Armseliger geht es wirklich nicht mehr.

Auch zu den Ermittlungen in der so genannten Datenaffäre gibt es viele Ungereimtheiten. Der CEO postete kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe, man nehme das Thema sehr ernst. Ich habe das zuerst falsch verstanden. Später wurde klar, dass sich seine Aussage nicht darauf bezog, dass er sich den Mitgliedern gegenüber in der Verantwortung sieht. Im Gegenteil, er setzte eine Warnung an die beschuldigten Mitarbeiter ab und sorgte dafür, dass Beweismittel aus dem Verkehr gezogen werden konnten. Brutale Unterstützung nennt Hitzlsperger das.

Drei Monate später besaß er dann die Frechheit, dem Präsidenten vorzuhalten, die von seinen Leuten verschleppten Ermittlungen dauerten zu lange und seien zu teuer. Die Diskussion darüber, ob die Kooperation mit den Ermittlern nur anfangs etwas „holprig“ lief oder grundsätzlich sabotiert wurde, ist müßig. Sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, dass sich der Vorstand für eine rückhaltlose Aufklärung einsetzt? Wenn sich die so genannten Führungskräfte mehr für sich selbst und ihre Kumpanen als für die Belange des Vereins interessieren, welche Berechtigung haben sie dann noch, den Club zu leiten?

Im Falle von Thomas Hitzlsperger tut die Antwort auf diese Frage besonders weh. Nicht nur, dass er uns seit Wochen an der Nase herumführt, es wird auch immer deutlicher, wie sehr er mit der Rolle des Vorstandsvorsitzenden überfordert ist. Im verzweifelten Versuch die Geschehnisse vor der Ausgliederung unter dem Teppich zu halten, begeht er eine Dummheit nach der anderen. Wenn der AG-Boss glaubte, dass seine Scheinkandidatur dazu führen würde, dass sich der amtierende Präsident aus dem Verein zurückzieht und hinterher wieder eitel Sonnenschein herrscht, dann hat er die Befindlichkeiten rund um den VfB komplett falsch eingeschätzt.

Ungünstig für ihn, dass er bei den Ermittlungen zwar selbst wenig zu befürchten hat, wohl aber bei den personellen Aufräumarbeiten, die zeitnah anstehen. Das Amt des Vorstandsvorsitzenden wird man in Zukunft lieber einem erfahrenen Unternehmensführer übertragen wollen. Im Grunde muss der gesamte Vorstand ausgetauscht werden, wofür man allerdings eine entsprechende Mehrheit im Aufsichtsrat bräuchte, der seinerseits dringend eine Frischzellenkur benötigt. Das geht wiederum nur mit einem neuen Präsidium, das endlich wieder die Interessen der über siebzigtausend Mitglieder im Blick haben muss.

Hier schließt sich der Kreis. Die Führung und die Gremien des VfB Stuttgart machen es wie die anfangs erwähnte Natter. Vielleicht gibt es einfach niemanden, der klug und besonnen genug wäre, endlich die Notbremse zu ziehen und Schadensbegrenzung zu betreiben. Die Präsidentschaftsbewerber von 2019, Riethmüller, Schosser und Bizer, haben es auch mit einem Brief versucht. Bis jetzt ohne Antwort. Empfänger unbekannt verzogen – der VfB befindet sich im Selbstzerstörungsmodus.

SC Freiburg – VfB 2:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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