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Rufmord

Heimspiel gegen einen Champions-League-Achtelfinalisten. Die Mannschaft hält stark dagegen, liegt aber knapp zurück. Bis zur 96. Spielminute: Elfmeter für den VfB direkt vor der Cannstatter Kurve. Bämm! Humba humba humba tätärä. Wer in solchen Momenten nicht melancholisch wird und sich an ähnliche Stadionerlebnisse erinnert, hat den Fußball nie geliebt. Doch wir müssen wieder über ernste Dinge sprechen.

Pressefoto Baumann

Tötungsdelikt, bei dem niemand ums Leben kommt, mit sieben Buchstaben? Wie im Kreuzworträtsel des ZEIT-Magazin muss man auch beim VfB zurzeit um die Ecke denken. Die Handlungsstränge werden verworrener, der Boulevard reibt sich die Hände.

Das dritte Lager

Während in der Öffentlichkeit immer noch der so genannte Machtkampf Hitz gegen Vogt befeuert wird, formiert sich im Hintergrund längst ein drittes Lager. Nennen wir es in Anlehnung an die letzte Folge des PodCannstatt  das Kai-aus-der-Kiste-Lager. Seine Vertreter schießen immer schön aus der Deckung  und wollen weder TUT noch TAT. Sie setzen auf die nachhaltige Beschädigung aller, um dann mit einem Kandidaten um die Ecke zu kommen, dem man noch nicht einmal das Bürgermeisteramt in Backnang zutrauen würde.

Nichts gegen Backnang, auch wenn es außerhalb des 15 Kilometer Radius liegt und böse Zungen behaupten, noch vor Allmersbach im Tal höre die asphaltierte Straße auf. Sorry, wenn ich deine Gefühle verletzt habe. Manche kennen diesen Satz aus unschuldigen Zeiten, als die Geheimnisvolle aus der 9b dann doch lieber mit dem pickeligen Typen aus der Zehnten Händchen hielt, der schon ein Achtzgerle hatte. Dass er auch im Profifußball noch zur Anwendung kommt, ist erstaunlich.

Antrag auf Satzungänderung

Und damit wären wir wieder beim Kreuzworträtsel. Wie heißt das nochmal, wenn ich jemanden in der Öffentlichkeit über mehr als zwei Wochen wie den letzten Idioten aussehen lasse? Wenn ich jemandem ohne Belege Schwächen andichte, die seine Reputation in den Dreck ziehen? Wenn ich die Presse dazu bringe, meine Diffamierungen mantraartig zu wiederholen? Ein dünnes Sorry ohne irgendeine Konsequenz ist angesichts dessen nicht mehr als ein Feigenblatt.

Wer auch immer für die Kampagne der letzten Wochen verantwortlich zeichnet, kann den ersten Punkt auf seiner Agenda abhaken. Claus Vogt ist öffentlich bereits derart beschädigt, dass mittlerweile auch seriöse Sportredaktionen die lancierten Vorwürfe unkommentiert übernehmen. Der nächste Schritt obliegt nun dem Vereinsbeirat. Dabei ist die Nominierung des amtierenden Präsidenten eigentlich eine demokratische Selbstverständlichkeit.

Ganz im Gegensatz zur Zulassung des Vorstandsvorsitzenden, der dem Verein mit seiner Attacke massiv geschadet hat. Aber es gibt auch strukturelle Gründe. Wie das lebenslange VfB-Mitglied Ron Merz in der Begründung zu seinem Antrag auf Satzungsänderung schlüssig darlegt, sind Doppelfunktionen in eV und AG grundsätzlich mit Interessenskonflikten verbunden und schränken den Einfluss der Mitglieder weiter ein.

Wem dient der Vereinsbeirat?

Doch der Vereinsbeirat wirkt nach außen gespalten. Es scheint, als verfolgten einzelne Mitglieder eine Agenda, die weit über die in der Satzung festgeschriebenen Aufgaben hinausgeht. Das oft etwas unterschätzte Gremium hat die Macht, Königsmörder und Königsmacher in einem zu werden. Inwieweit die Vereinsbeirät:innen dabei noch die Interessen der Mitglieder vertreten, denen sie verpflichtet sind, müssen sie spätestens bei der nächsten Mitgliederversammlung erklären. Man hört, Abberufungsanträge und Anträge auf Einzelentlastung lägen bereits in der Schublade.

Das größte Hindernis für die Kampagnenführer sind also die Mitglieder. Da die Herrschaften den gewählten Präsidenten nicht goutieren, sollen wir jetzt einen Statthalter ihrer Gnaden ins Amt hieven. Ärgerlich, dass man dazu in einem demokratisch verfassten Verein Mehrheiten braucht – in diesem Fall die absolute Mehrheit der Stimmen für einen Kandidaten, der unter Umständen erst kurz vor der Wahl aus dem Hut gezaubert wird. Einmal mehr ist ein Meisterstück der Demagogie vonnöten – schöne Grüße an Fokus VfB.

Wer tut sich das noch an?

Drei Präsidentschaftskandidaten, die der Vereinsbeirat im Herbst 2019 in die engere Auswahl nahm, haben ihren sorgenvollen Brief an die Verantwortlichen des VfB inzwischen öffentlich gemacht. Es gab nämlich in 14 Tagen keinerlei Reaktion darauf. In dem Schreiben sind berechtigte Fragen formuliert, zum Beispiel ob die Gremien überhaupt gewillt seien, mit einem Präsidenten zusammenzuarbeiten, der Dinge kritisch hinterfragt. Oder: Wer wird sich nach den Vorkommnissen der vergangenen Wochen noch ein Ehrenamt beim VfB antun?

Für konsequent halte ich die Forderung des Fanausschusses, die Mitgliederversammlung noch einmal zu verlegen. Eigentlich müsste auch ein neues Bewerbungsverfahren für die Präsidentenwahl initiiert werden, da zu dessen Beginn öffentlich nicht bekannt war, wie tief die Risse intern bereits klaffen. Grundvoraussetzung für die Mitgliederversammlung ist in jedem Fall eine lückenlose Aufklärung der jahrelangen Mitgliedermanipulation mit den entsprechenden personellen Konsequenzen. Gut möglich, dass sich einige Gräben in den Gremien dann von alleine schließen.

Zurück zum Sport. Leute, die nur sporadisch auf die Bundesliga schauen, könnten den VfB aktuell mit einer Zirkusnummer der Artisten González und Wamangituka gleichsetzen. Vielleicht machen sich einige Anhänger Sorgen, weil die beiden beim Auswärtsspiel auf der Bielefelder Alm eine Gelbsperre absitzen müssen. Sie vergessen, dass der Trainer mit Kalajdzic, Klimovicz, Coulibaly, Didavi, vielleicht sogar einem Mo Sankoh oder Lilian Egloff hochveranlagte Spieler in der Hinterhand hat. Das Duell mit dem Mitaufsteiger wird sicher eine harte Nuss, aber die Gelassenheit, mit der wir den Ausfällen unserer Toptorschützen begegnen können, zeigt eindrucksvoll die rasante Entwicklung dieser Mannschaft.

VfB – Borussia Mönchengladbach 2:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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