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Starke Frauen und dicke Bretter

Während die Profis in der Vorbereitung auf die zweite Bundesligasaison unter Pellegrino Matarazzo schwitzen, eilt der VfB-Präsident von Termin zu Termin. In wenigen Tagen steht beim VfB der Superwahlsonntag an. Der Präsident, zwei weitere Präsidiumsmitglieder und neun Vereinsbeirät:innen werden gewählt. Claus Vogt hatte angekündigt, keinen Wahlkampf zu betreiben, sondern die Aufgaben seines Amtes wahrzunehmen. Umso mehr freuen wir uns, dass er sich Zeit genommen hat, um ausführlich mit stuttgart.international zu sprechen.

Bild: Der Spiegel, alle Markenrechte am „Tiki-Taka“: PodCannstatt

Herr Vogt, während wir unser Gespräch beginnen, sind die meisten schon im wohlverdienten Feierabend. Wie schaffen Sie es, nach langen Arbeitstagen wie dem heutigen abzuschalten?

Zu Hause kann ich eigentlich ganz gut abschalten, mit Familie, Kindern und Nachbarn. Auch wenn ich zugeben muss, dass es in der letzten Zeit ein bisschen schwerer ist. Ich habe ein bisschen Knieprobleme und kann deswegen weniger Sport machen – das Alter halt (lacht).

Ehrlich gesagt wäre ich urlaubsreif und freue mich, wenn wir als VfB, aber auch ich persönlich, nach der Mitgliederversammlung am Sonntag erst einmal Planungssicherheit haben.

Bilanz der bisherigen Amtszeit

Sie sind im Dezember 2019 mit dem Ziel angetreten, Mädchen- und Frauenfußball beim VfB zu etablieren. Im kommenden Sommer soll es nun losgehen. Welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit das Projekt zu einem Erfolg wird?

Ein wichtiger Faktor ist, dass die Projektgruppe mit Vertretern aus dem Vereinsbeirat, Präsidium, Aufsichtsrat und Vorstand – und mit dunkelroten Experten aus unserer Mitgliedschaft – besetzt ist. Das war hilfreich, um interne Überzeugungsarbeit in den verschiedenen Gremien zu leisten. Hinzu kommt, dass der Zeitpunkt – sowohl für uns als auch für unseren Kooperationspartner VfB Obertürkheim – ideal war. Denn dort wusste man, dass die Regionalliga aus eigener Kraft nicht zu halten gewesen wäre. Jetzt sind alle froh, dass die Mädchen und Frauen zukünftig in der Region bleiben können und nicht weg müssen. Das war ein Verdienst der Projektgruppe, das will ich mir gar nicht so sehr anheften.

Welche Rolle spielt die Vereinsmanagerin Lisa Lang in diesem Kontext?

Sie war und ist ganz wichtig! Dadurch, dass Lisa selbst hochklassig gespielt hat und heute noch Trainerin ist, kann sie das Thema absolut glaubwürdig nach innen und außen kommunizieren. Das war eine glückliche Konstellation mit zwei ganz wichtigen Frauen: Lisa auf Seiten des VfB und Ori aus Obertürkheim (Anm. d. Red.: Oriana d´Aleo, Abteilungsleiterin).

Der Präsident des VfB Stuttgart e.V. vertritt die Interessen von über siebzigtausend Mitgliedern. Sie haben bei den Fans verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen. Nun gibt es Leute, die befürchten, dass sich neue Gräben in Richtung der Sponsoren- und Investorenseite öffnen könnten. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Nein, überhaupt nicht. Ich war zuletzt wieder bei Daimler und habe mich bei Jako mit Rudi Sprügel unterhalten. Letzte Woche war ich beim SWR, die ja auch Partner bei uns sind, vorletzte Woche bei Möbel Rieger, also bei vielen, mit denen wir zu tun haben, auch bei Stuttgarter Hofbräu. Insofern kann ich das nicht bestätigen.

Sie hatten zu Beginn Ihrer Amtszeit das Ziel formuliert, einen regionalen Investorenpool für eine Beteiligung an der VfB AG zu gewinnen. Neulich stellten Sie bei SWR Sport klar, dass für die geplante Kapitalerhöhung nicht der Präsident des eV sondern der Vorstand der AG zuständig sei. Haben Sie Ihre Einflussmöglichkeiten an dieser Stelle überschätzt?

Ich habe gar nicht so wenige Einflussmöglichkeiten. Ich bin eben nur operativ nicht involviert. Natürlich haben wir mit etlichen potenziellen Investoren und Partnern Vorgespräche geführt. Wenn ich merke, dass sie Interesse haben, sich beim VfB zu engagieren, und das nicht im Sponsoring, sondern vielleicht als Investor, dann bitte ich sie, mit dem Vorstand Kontakt aufzunehmen. Es gab, und es gibt solche Verhandlungen, die ich mit initiiert habe. Ich setze mich auch weiter dafür ein, dass wir zuerst mit unseren bestehenden Partnern und mit Unternehmen aus der Region sprechen, bevor wir auf andere zugehen.

Bei den inhaltlichen Verhandlungen muss ich mich aber schon allein deswegen heraushalten, weil ich in der Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden später die Kapitalerhöhung als zustimmungspflichtiges Geschäft bewerten muss.

Der VfB hat vor kurzem die silberne Auszeichnung der Nachhaltigkeitszertifizierung sustainClub erhalten. Insbesondere in der Säule Ökologie gibt es aber auch noch Verbesserungspotenziale. Inwieweit sind Sie persönlich in die Projekte involviert und welche Maßnahmen schweben Ihnen für die Zukunft vor?  

Die Themen CSR (Anm. d. Red.: Corporate Social Responsability) und Nachhaltigkeit werden momentan von einer Abteilung in der AG bearbeitet, wo wir aber keinen eigenen Vorstand für diesen Bereich haben. Insofern kann ich da als Aufsichtsrat relativ wenig zu- und mitarbeiten.

Ich würde das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit in Zukunft gerne breiter aufstellen, sodass es nicht nur in der AG sondern auch im eV angesiedelt ist. Ich finde, wir können da als VfB noch viel mehr machen. Die Menschen sollen wieder stolz auf ihren Verein sein, wie er sich in der Gesellschaft, in der Stadt, in der Region und weit darüber hinaus präsentiert.

Datenweitergabe und noch viel mehr

Sie haben im Gespräch mit der VfB-Viererkette erklärt, Sie seien von den Veröffentlichungen des „Kicker“ im September 2020 überrascht gewesen. Ihr damaliger Präsidiumskollege Rainer Mutschler und andere leitende VfB-Mitarbeiter waren an den Vorgängen direkt beteiligt. Gibt bzw. gab es beim VfB ein internes Kommunikationsdefizit?

In der Tat ist das im Nachgang unglaublich. Die Kicker-Anfrage habe ich damals nur beiläufig mitbekommen und bin dann von dem Artikel kalt erwischt worden.

Aber Herr Schlittenhardt hatte ja im April 2020 im Podcast VfB STR bereits erzählt, dass er damals in der Lage war, die Mitgliederdaten zu „filetieren“ und zielgruppenspezifisch Werbung auszuspielen. Mutschler und Schraft waren an diesen Prozessen direkt beteiligt. Haben Sie da nicht einmal nachgefragt?

Als ich damals den Podcast gehört habe, konnte ich nicht darauf schließen, dass so etwas später im Kicker kommen würde. Aber mit dem Wissen von heute beurteile ich das natürlich ganz anders.

Im Nachgang zu dem Podcast habe ich damals Oliver Schraft mit in den Fanausschuss gebeten, um zu diesen Punkten Rede und Antwort zu stehen. Er hat versichert, da sei nichts dran. Und da waren ja viele Leute mit dabei, also war das für mich in diesem Moment glaubwürdig.

Das heißt also, dass diese Leute Sie damals direkt angelogen haben?

Sollte der Esecon-Bericht eines Tages veröffentlicht werden – was ich möchte – dann werden ganz viele Leute ganz viel verstehen. Im Moment ist das leider aufgrund der arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen nicht möglich.

Jedem passieren Fehler, aber dann muss ich auch hingehen und sagen: Da habe ich Mist gebaut. Das passiert mir auch und wird auch in Zukunft immer wieder mal passieren, aber man muss zu seinen Fehlern stehen. Wir müssen beim VfB eine neue Fehlerkultur etablieren.

Ihre ehemaligen Kollegen aus dem Präsidium, zwei Vorstandsmitglieder und zwei leitende Mitarbeiter haben den VfB verlassen. Sind damit aus Ihrer Sicht die Ursachen für den unehrlichen Umgang mit den Mitgliedern beseitigt?

Ich möchte mir gar nicht erlauben, das zu bewerten, weil ich damals nicht in dieser Situation war. Der Druck war sicher sehr groß, auch auf die Mitarbeiter. Aber als dieses System der Angst und der Repression nicht mehr da war, hätte man sich öffnen können. Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, die Wahrheit zu sagen. Aber alles bewusst zu verschweigen und zu hoffen, dass es gut geht, das war nicht in Ordnung.

Mitarbeiter, die unter Druck standen und nicht auspacken wollten, sind das eine, aber es gab ja auch die Treiber, die das alles initiiert haben. Sind die jetzt verschwunden oder gärt das immer noch?

Also ich befürchte, dass es im Moment immer noch ein Stück weit gärt. Es wäre blauäugig zu denken, das war es jetzt. Alleine durch Anfragen, die ich bekomme, weiß ich: Das kann es nicht gewesen sein. Das sind Anfragen, die so viele Interna enthalten, da muss es Lieferanten geben, die noch da sind.

Das Verhältnis zwischen Verein und AG

Die Inhalte des Grundlagenvertrags zwischen eV und AG wurden bisher wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Nun wird aber auch für die Öffentlichkeit deutlich, dass an dieser Stelle Handlungsbedarf besteht. Wie reagiert die AG auf den Wunsch des Vereins, den Vertrag zu überarbeiten?

Das ist auch ein Thema, das ich im Hinterkopf habe. Ich habe zum Beispiel mit Peter Fischer von Eintracht Frankfurt gesprochen, der hat mir die Illusion genommen und gesagt, sie hätten 12 Jahre gebraucht, um die Ausgliederung wieder vernünftig zurechtzurücken, zwischen AG und eV. Er meint, da sind wir im vierten Jahr noch ganz gut dran. Aber zuerst müssen die notwendigen Voraussetzungen im eV geschaffen werden. Wir können den Grundlagenvertrag nicht einseitig ändern. Das muss einvernehmlich mit der AG passieren. Das ist ein dickes Brett.

Ihr Vorgänger im Präsidentenamt hat de facto gleichzeitig als Chef des Vorstands agiert. Nach seinem Rücktritt hatte es der Aufsichtsrat unter dem Vorsitz von Herrn Gaiser sehr eilig, einen Vorstandsvorsitzenden zu installieren. Wäre es aus Ihrer Sicht besser gewesen, die Wahl des neuen Präsidenten abzuwarten?

Ich denke, im Sinne des e.V. und seiner Mitglieder wäre dies damals sicher besser gewesen.

Im Sturm der öffentlichen Kritik

Spätestens seit Hitzlspergers offenem Brief stehen Vorwürfe gegen Sie zum Teil unwidersprochen im Raum. Glauben Sie, dass im Hinblick auf die Wahl am kommenden Sonntag etwas davon hängenbleiben wird?

Ich glaube, dass unsere Mitglieder das schon richtig einzuschätzen wissen. Warum es solche Vorwürfe damals gab, was sie bezwecken sollten – und dass letztlich überhaupt nichts mehr davon übriggeblieben ist. Ich habe den Mitgliedern bewiesen, dass ich ein Präsident bin, der ihre Rechte und Interessen vertritt. Und dass ich nicht umfalle, auch wenn der Wind mal von vorne kommt.

Vor allem während der Aufarbeitung des „Datenskandals“ wurden eine ganze Reihe kritischer Artikel über Sie veröffentlicht. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Natürlich fühle ich mich ab und zu ungerecht behandelt. Aber das liegt eher daran, dass die Medien einfach nicht alle Informationen haben. Und selbst wenn die mich anrufen, kann ich ja nicht immer alles sagen, da ich keine Interna preisgeben kann.

Der Vorsitzende des VfB-Freundeskreises macht auch öffentlich keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Sie. Gleichzeitig hat er angekündigt, dass sich der Freundeskreis nicht mehr auf die Beobachterrolle beschränken will. Verstehen Sie das als Drohung?

In diesem Fall ist es, glaube ich, eher so, dass derjenige denkt, er sei der gesamte Freundeskreis. Aber ich weiß, dass der Freundeskreis in sich gespalten ist. Ich nehme das eher als persönliche Meinung wahr. Und wenn ich mir anschaue, über wen diese Person schon ähnliche Dinge gesagt hat, dann wundert uns gar nichts mehr…

Zurück zu dem Thema, mit dem wir dieses Gespräch begonnen haben: die Kooperation mit dem VfB Obertürkheim. Neuerdings haben wir einen Brustring mit prominent platziertem Iron-Man-Reaktor sowie einen schwarzen, ausgefransten Brustring. Wird es bald einen blauen Brustring geben?

Das darf nicht passieren (lacht). Auch im Frauen- und Mädchenfußball wird der Brustring immer so sein, wie wir ihn kennen, seit 128 Jahren.

Herr Vogt, herzlichen Dank für das Interview.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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