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Der Versöhner

Deutscher Meister! Mit 7,81 m holt Fabian Heinle den Titel für die VfB-Leichtathleten. EM-Bronze! Niko Kappel stößt die Kugel auf 13,36 m und verpasst nur um 15 cm Gold. Von ähnlichen Platzierungen träumen Jogis Jungs wahrscheinlich gerade im Adidas-Camp. Die frisch gekürten Champions-League-Sieger Rüdiger und Werner haben dabei mit den letztjährigen Titelträgern Kimmich und Gnabry eines gemeinsam: ihre exzellente fußballerische Grundausbildung. Wo sind die nationalen Hoffnungsträger nochmal in die Lehre gegangen? Kleiner Tipp: Es war nicht im glitzernden Sportpark am Neckar. Der wird nämlich – wenn überhaupt – erst in den 30er-Jahren fertig. Wie es nun einmal mit größeren Bauprojekten in Stuttgart so ist.

Das Haupt-Asset

Die Mitglieder können sich neben den Erfolgen der Leichtathleten über weitere gute Nachrichten freuen. So werden die Entscheidungen des Vereinsbeirats neuerdings nicht mehr von der Boulevardpresse herausposaunt. Die hat nämlich alle Hände voll zu tun, sich durch Zukunftspapiere zu kämpfen. Die ganzen Flussdiagramme muss man ja erst einmal verstehen, wenn man eine weitere Kampagne aufbauen will.

Außerdem dürfen all jene aufatmen, die zum dritten Mal in der jüngeren Vereinsgeschichte technische Kalamitäten bei einer Mitgliederversammlung befürchteten. Die „Horror-Vorstellung einer virtuellen Mitgliederversammlung“ – so Kandidat Steiger – vermeiden die Vereinsverantwortlichen durch eine geschickte Strategie: Die wahrscheinlich längste Versammlung aller Zeiten soll als Modellprojekt wissenschaftlich begleitet werden und kann daher im Stadion als Präsenzveranstaltung stattfinden.

Horror-Vorstellung virtuelle MV? Wartet mal eine Sekunde. Wo sind denn die zahlreichen Stimmen aus den Gremien geblieben, die den VfB am Abgrund sahen, falls im März nicht virtuell abgestimmt werde? Egal. Was interessiert mich meine Kampagne von gestern? Voller Fokus auf das neue Haupt-Asset: die Sponsorenpyramide für Tischtennisspieler:innen und Gardist:innen. Wie das geht? Sag ich euch nicht. Geschäftsgeheimnis.

Transparenz im Aufsichtsrat

Von den aktuell neun Sitzen im Aufsichtsrat stehen dem Ankerinvestor und dem Hauptsponsor jeweils einer zu. Der Verein ist mit dem Präsidenten als Vorsitzendem und einem weiteren Präsidiumsmitglied vertreten. Nach welchen Kriterien die übrigen Aufsichtsräte ausgewählt wurden, wissen wir nicht so genau. Das will der Präsidentschaftskandidat Pierre-Enric Steiger jetzt ändern.

Sein Vorschlag beinhaltet eine 72-köpfige Vertreterversammlung aus Mitgliedern und Fans, die der Hauptversammlung über das Präsidium Vorschläge zur Besetzung des Aufsichtsrats unterbreiten soll. Klingt nach mehr Einfluss für die Basis, oder? Allerdings gibt es da ein pikantes Detail. So sollen den Investoren in Zukunft bis zu vier Sitze in einem auf 12 Sitze erweiterten Gremium zugestanden werden. Auch der Hauptsponsor, die AG-Mitarbeiter:innen und die Fans sollen je einen Vertreter entsenden dürfen. Folglich verbleiben für den Hauptanteilseigner VfB Stuttgart e.V. nur noch fünf Sitze. Fünf von zwölf – bei einem garantierten Anteil von 75 Prozent plus 1 an der AG. Hat mal jemand einen Taschenrechner da?

Porths Bärendienst

Dass die Regeln zur Besetzung des Aufsichtsrats grundsätzlich neu zu gestalten sind, daran gibt es keine Zweifel. Eben jenes Kontrollgremium hat sich nämlich in der Vergangenheit als gravierendes Problem entpuppt. Der stellvertretende Vorsitzende scheut zwei Monate vor der Präsidentenwahl nicht einmal davor zurück, den Amtsinhaber öffentlich anzugreifen. Das verstößt nicht nur gegen alle demokratischen Regeln, sondern konterkariert auch die Bemühungen, Ruhe in den Klub einkehren zu lassen.

Die Kritik am Auftreten des Daimler-Vertreters als grundsätzliche Ablehnung der Partnerschaft mit dem Weltkonzern zu interpretieren, passt gleichsam hervorragend in Steigers Narrativ. So kann er sich weiterhin als Versöhner anpreisen, wo es nichts zu versöhnen gibt, als Erneuerer, der es allen recht machen will. Am Ende werden sich die Mitglieder – wie Claus Vogt bei seinem Auftritt im SWR-Fernsehstudio neulich anmerkte – aber nicht vorschreiben lassen, wen sie zu wählen haben. Wilfried Porth hat seinem Favoriten bei der Präsidentenwahl einen Bärendienst erwiesen.

Die Geschichte vom Neustart

Die Sorge um den VfB und die „Beendigung des Dauerkonflikts“ hätten dem Vorstand des Freundeskreises bei seiner Stellungnahme zu Beginn des Jahres am Herzen gelegen, kommentiert PES, wie sich der Präsidentschaftskandidat aus Winnenden selbst nennt. Sowohl Hitzlsperger als auch Vogt wurden darin zum Verzicht auf ihre Präsidentschaftskandidatur aufgerufen. Der feine Unterschied: Der eine ist von den Mitgliedern gewählt, der andere ließ sich zu einem Putschversuch nebst zahlreicher, bis heute unbelegter öffentlicher Vorwürfe hinreißen.

Eine der Kernbotschaften des Herausforderers lautet, die Mitglieder sollen ihn am 18. Juli wählen, um einen „Neustart“ zu ermöglichen. Zur Strategie gehört aber auch, den allgemein beliebten Amtsinhaber nicht offen zu kritisieren. Steiger kuschelt lieber mit dem Ankerinvestor, dem Vorstand, und den Abteilungen. Über die Hintergründe der internen Konflikte beim VfB möchte er dagegen nicht sprechen, über die inzwischen seit einem halben Jahr anhaltende Kampagne der Bild-Zeitung gegen den Amtsinhaber erst recht nicht.

Alles außer Fußball

Es ist richtig, dass beim VfB Stuttgart e.V. viele Ehrenamtliche tätig sind. Es stimmt auch, dass die Breitensportler:innen eine angemessene finanzielle Ausstattung verdienen. Etwas überraschend stellt Steiger diese Themen in den Mittelpunkt seines Wahlprogramms. Für ein von der AG unabhängiges Sponsoring der Abteilungen müsste allerdings der ominöse Ausgliederungsvertrag geändert werden, den Dietrich und Co damals mit Daimler ausgehandelt haben und dessen Inhalt seither wie der heilige Gral verborgen wird.

Der Kandidat nennt das „Spagat zwischen Gemeinnützigkeit und Kapitalgesellschaft“. Viele Mitglieder erwarten von einem VfB-Präsidenten aber auch, dass er sich im Fußballgeschäft auskennt. Während Vogt hier seine Erfahrung und sein Netzwerk einbringt, bleiben Steigers Aussagen auch auf konkrete Nachfrage hin schwammig. Er mag Stärken als Zuhörer und Vermittler haben, aber die fußballspezifischen Themen sind ihm merklich fremd. Seine Bilder mit Trikot und Fanschal wirken aufgesetzt. Nicht nur das „Wir“ als Slogan seiner Kampagne hat er vom Amtsinhaber abgekupfert, auch in punkto Jovialität und Fannähe versucht er ihm nachzueifern.

Rolle des Präsidenten

Dem überzeugten Demokraten Steiger kommen keine deutlichen Widerworte zum ungebührlichen Vorgehen der Herren Porth und Hitzlsperger über die Lippen. Auf der einen Seite macht das die Attitude seiner Kandidatur unglaubwürdig, auf der anderen Seite ist es strategisch nicht unklug. Seine größte Hoffnung ist nämlich die Erzählung, dass der amtierende Präsident dem sportlichen Erfolg und der wirtschaftlichen Stabilität im Weg stünde.

In seinen Ausführungen zur Rolle des Präsidenten bleibt Steiger eher pastoral oder referiert gesetzlich verankerte Aufgaben. Der Präsident sei Diener und kein König. Sollen wir das als Seitenhieb gegen Vogt oder eher gegen dessen Vorgänger verstehen? Aktiengesetz und Geschäftsordnung hin oder her, auch nach der Ausgliederung führte Wolfgang Dietrich sein Amt nach Gutsherrenart. Kaum war er zurückgetreten, hatten es seine Fürsprecher eilig, einen neuen starken Mann zu installieren. Dass der Vorstandsvorsitzende in der Unternehmensführung ein blutiger Anfänger war, nahm man zugunsten des eigenen Machterhalts gerne in Kauf. Jetzt braucht man nur noch einen Präsidenten, der einem nicht in die Quere kommt. Dafür scheint PES ziemlich gut geeignet.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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