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Nur eine neue Visitenkarte?

„Heute ist ein sehr guter Tag für den VfB Stuttgart.“ Mit diesen Worten eröffnet ein sichtlich zufriedener Interimspräsident die am Dienstag kurzfristig einberufene Pressekonferenz. Neben ihm auf dem Podium sitzt Thomas Hitzlsperger und ist „sehr, sehr glücklich“ und auch „ein bisschen stolz“. Herrscht nun also Friede, Freude, Eierkuchen an der Mercedesstraße, nachdem die Vereinspolitik im Sommer noch mit Hohn und Spott kommentiert wurde? Ein integrer und sympathischer Kopf an der Spitze der VfB AG, wer kann dagegen etwas haben?

Dr. Bernd Gaiser überschüttet den neuen Vorstandsvorsitzenden jedenfalls geradezu mit Lob: Entscheidungsstark, kompetent, kommunikativ, lernwillig und erfolgreich habe sich der soeben Beförderte in seinen Ämtern beim VfB gezeigt und den Aufsichtsrat mit seiner Analyse und seinem Konzept überzeugt. Er solle künftig neben dem Sport auch die Bereiche Unternehmensstrategie und Kommunikation übernehmen.

Gaiser ist aber auch klar, dass bereits einige Fragen in den Notizblöcken der versammelten Schar der Journalisten stehen. Und auch für mich bleiben viele Punkte unklar:

  • Verfügt Hitzlsperger über das Know-How und die notwendige Erfahrung, um ein mittelständisches Unternehmen wie die VfB AG zu führen?
  • Sollte der Vorstandsvorsitzende nicht als Korrektiv des Sportvorstands für ein besseres Gleichgewicht sorgen?
  • Hat der VfB nicht mit der Machtkonzentration auf wenige Personen in der jüngeren Vergangenheit üble Erfahrungen gemacht?
  • Benötigt die Lizenzspielermannschaft nach dem gewaltigen Umbruch im Sommer nicht weiterhin die volle Aufmerksamkeit von Sportvorstand und Sportdirektor?
  • Und warum drängt der Präsidialrat mit aller Macht auf eine Besetzung des Vorstandsvorsitzes noch vor der Präsidentenwahl?

Ich nehme es vorweg: Die Antworten der beiden Herren auf dem Podium stellen mich nicht zufrieden, denn die Begründung der Auswahl sowie die Gestaltung der neuen Vorstandsstruktur entsprechen so gar nicht dem, was der VfB in der Vergangenheit kommuniziert hat. Das postulierte Anforderungsprofil wird auf einmal relativiert, ein externer Kandidat abgelehnt und stattdessen noch rechtzeitig vor der Präsidentenwahl ein amtierendes Vorstandsmitglied kurzerhand eine Stufe nach oben gehievt. Die Beförderung eines kürzlich erst Beförderten. Die Erweiterung des Aufgabengebiets des Vorstands Sport um zwei weitere Bereiche. Einfach eine neue Visitenkarte.

Man kann das alles natürlich für eine weise Erkenntnis halten, aber die Risiken sind nicht wegzudiskutieren und zudem könnte vereinspolitisches Kalkül eine Rolle spielen. Gaiser erläutert, man brauche keinen zusätzlichen frischen Wind von außen, und mehr als drei Vorstände halte er bei einem Zweitligisten nicht für angemessen. Diese Neubewertung der Situation kommt genauso überraschend wie spät. Hat der Präsidialrat nicht zuletzt mit der Unterstützung einer Personalagentur ein aufwändiges Auswahlverfahren durchgeführt, um eben diese Erweiterung des Vorstands vorzunehmen? Gab es da nicht namhafte Kandidaten wie Klinsmann oder Heusler, die zusätzliche Expertise und Denkanstöße in die AG einbringen sollten?

Derweil ist allen klar, dass der CEO einige der im Vorfeld formulierten Anforderungen auf dem Papier nicht erfüllt – da wäre ihm so mancher der kolportierten Mitbewerber überlegen. Trotzdem habe er den Aufsichtsrat von allen Kandidaten am meisten überzeugt, gibt ein strahlender Bernd Gaiser zu Protokoll. Ja, überzeugen, das kann Thomas Hitzlsperger ohne Frage. Elan und Glaubwürdigkeit sprechen ebenfalls für ihn, aber auch sein Tag hat nur 24 Stunden und der Vorstandsvorsitz ist vielleicht nicht das geeignetste Umfeld für einen Lernenden.

Der neue starke Mann beim VfB möchte „weiterhin ganz nah an der Mannschaft sein“, gleichzeitig aber neue Aufgabenfelder erschließen. Kann das gut gehen? Die Doppelspitze im Bereich Sport wurde ja schließlich nicht zuletzt deshalb installiert, weil sein Vorgänger mit den vielfältigen Aufgaben überfordert war. Hitzlsperger führt aus, dass der große Umbruch im Sommer bereits vollzogen worden sei und er nun viele Aufgaben ruhigen Gewissens in die Hände seiner Mitarbeiter legen könne. Damit widerspricht er sich eigentlich selbst. Entweder du bist auf dem Trainingsplatz oder bei Verhandlungen zum Verkauf weiterer Anteile. Beides gleichzeitig ist selbst für einen wie Hitz schwierig.    

Und was ist mit dem Korrektiv bei sportlichen Entscheidungen, für das man nach den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit unbedingt sorgen wollte? Gaiser erläutert, dass durch die zusätzliche Sportkompetenz des noch zu wählenden dritten Präsidiumsmitglieds (Mutschler oder Gass) und der geplanten Ergänzung des Aufsichtsrats genügend „Sparringspartner“ zur Verfügung stünden. Eine geradezu naive Vorstellung, wenn man bedenkt, dass der VfB vor acht Monaten noch einen Sportvorstand beschäftigte, der die zweite Mannschaft mit der Diskussion über ihre Abschaffung erheblich schwächte, ohne dass ihm irgendjemand in Verein oder AG entschieden entgegentrat.

Bliebe da noch die Frage nach dem Zeitpunkt. Wenn der Aufsichtsrat der Ansicht ist, dass eine externe Lösung für den Vorstandsvorsitz momentan nicht vernünftig sei und die funktionierende Zusammenarbeit zwischen Hitzlsperger und Mislintat nicht aufs Spiel gesetzt werden solle, warum hat man die Besetzung des Postens nicht einfach bis nach der Präsidentenwahl verschoben? Gaiser hält dem entgegen, dass man den bereits begonnenen Auswahlprozess nicht unterbrechen wollte und der im Dezember zu wählende Präsident ja bereits im Herbst 2020 bestätigt werden müsse. Argumente, die mich – wie so einiges an diesem Nachmittag – ratlos zurücklassen.

Manche mögen mir jetzt entgegenhalten: Sei doch froh, dass wir einen so sympathischen und vertrauenswürdigen Mann an der Spitze der AG haben. Der schafft das schon, so wie er andere Herausforderungen in der Vergangenheit auch bewältigt hat. Ich würde an dieser Stelle nicht widersprechen, weil ich den frischen Wind verspüre, den er in den Club bringt.

Gleichzeitig gebe ich aber zu bedenken, dass Strukturen nicht für Personen geschaffen werden. Die Verknüpfung des Vorstandsvorsitzes mit dem wichtigen Posten des Sportvorstands sorgt nicht für die ausgewogene Struktur, die wir uns nach den Erfahrungen der vergangenen Saison gewünscht haben. Nachdem der Bereich Sport mit den Personalien Hitzlsperger, Mislintat und Krücken zurecht breiter aufgestellt wurde, schwächt man ihn nun wieder. Das gleiche gilt für den neu geschaffenen Vorstandsvorsitz, der nicht hauptamtlich und nicht mit der angemessenen Expertise und Erfahrung besetzt wird. 

Herr Gaiser appelliert an die Pressevertreter, nicht nur über die Risiken, sondern auch über die Chancen zu schreiben, die diese mutige Besetzung bietet. Chancen, für wen? Wer profitiert denn noch von der Entscheidung? Ich nehme dem Aufsichtsrat einfach nicht ab, dass er diese Entscheidung komplett uneigennützig getroffen hat. Indem man einen Neuling nominiert, der die Stelle nur in Teilzeit besetzt, zementiert man die derzeitigen Machtstrukturen im Aufsichtsrat. Der neue Vorstandschef wird eine längere Einarbeitungszeit benötigen und sich zumindest anfangs gewiss leichter aus dem Hintergrund lenken lassen als ein alter Hase. Sichern sich also hinter den Kulissen andere ihre Pfründe, während Hitz im Rampenlicht steht?

Die Unterstützung und der Vertrauensvorschuss, den die VfB-Verantwortlichen, Fans und Beobachter Thomas Hitzlsperger entgegenbringen sind gewaltig. In einer Umfrage auf der Plattform „Mein VfB“ bewerten 73% seine Berufung als „sehr gut“ und zeigen sich optimistisch. Auch ich wünsche Hitz natürlich nur das Beste und hoffe, dass er sein Führungsverständnis und seine Innovationskraft erfolgreich einbringen kann. Doch wir sollten nicht vergessen: Der Blick durch die rosarote Brille hat uns zuletzt einen Doppelabstieg mit äußerst unangenehmen Nebengeräuschen beschert.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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