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Master of Puppets

Mein Beitrag zur Einstimmung auf die Mitgliederversammlung am Sonntag liegt schon seit Tagen in der Schublade. „Der Neuanfang ist tot, es lebe der Neuanfang“, heißt er. Eine kritische Analyse der „Aufarbeitung“ der Abstiegssaison seitens des VfB, ein paar Einordnungen zum Thema „Dialog“ mit den Fans und zur Position der Ultras, schließlich ein Szenario für die Versammlung selbst. Doch dann kommt gestern Abend die Pushmeldung: „Morddrohungen gegen Dietrich – Berthold wirft seinen Hut in den Ring“. Im Geiste knülle ich meinen Entwurf zusammen und ordne die Gedanken.

Aus einer Abstiegssaison, die an Peinlichkeit kaum mehr zu überbieten sein dürfte, folgt eine Schlammschlacht um Wolfgang Dietrich, für die das gleiche zu gelten scheint. „Wir sind doch kein Chaosclub“, ließ der noch amtierende Präsident bei der Veranstaltung „VfB im Dialog“ wissen, und meinte damit eigentlich nur, dass seine vorzeitige Abwahl ins Chaos führen würde. Verfolgt man die Ereignisse der letzten Tage, bekommt seine Aussage eine satirische Färbung. Die Wasserwerfer für die ordentliche Mitgliederversammlung stehen bereit, die Stuttgarter Nachrichten veröffentlichen im Stundentakt Breaking News mit neuen Anschuldigungen gegen die Fanszene und im Hintergrund bastelt Thomas Berthold an einem Schattenkabinett für den Umsturz. Die Zutaten für einen echten Krimi stehen bereit.

„Master of puppets I´m pulling your strings,
twisting your minds and smashing your dreams“

Metallica

Ich sage es gleich vorneweg: Pauschale Medienschelte und Vorwürfe wie „Lügenpresse“ liegen mir absolut fern. Unabhängige Medien sind sehr wichtig für unsere Meinungsbildung. Dass die regionale Presse, insbesondere die Stuttgarter Nachrichten, beim Krimi um Wolfgang Dietrich allerdings noch objektiv berichtet, bezweifeln inzwischen nicht nur notorische Verschwörungstheoretiker.   

Teile der lokalen Sportredaktionen sind bekannt dafür, dass sie die Führungsfiguren aus der Mercedesstraße eher sanft anfassen. Sie tun sich schwer, die Kritik am VfB-Präsidenten klar zu formulieren, obwohl die Argumente bereits sauber recherchiert auf dem Tisch liegen. So machte zum Beispiel Benni Hofmann vom Kicker mit seinen brisanten Quattrex-Enthüllungen weit über das Schwabenland hinaus Schlagzeilen.

Aber das Pressehaus in Möhringen serviert weiterhin Gefälligkeitsartikel: Zuerst kommt der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Wilfried Porth Ende April exklusiv zu Wort, dann darf der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende Martin Schäfer im Interview eine Lanze für den Präsidenten brechen. Dem Exklusiv-Autor und Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten Gunther Barner ist es vorbehalten, dem Ganzen die vorläufige Krone aufzusetzen, indem er gezielt versucht die Ultras als scharfe Kritiker des Präsidenten zu diskreditieren. Seitdem glühen die Drähte. Der „Master of Puppets“ bewegt seine Marionetten in den Redaktionsstuben. Morddrohungen gegen den Präsidenten? Der Spalter-Doppelhalter steht im Fokus der polizeilichen Ermittlungen. Der Stempel könne auch als Fadenkreuz und damit als Morddrohung gesehen werden. „Honorige“ Persönlichkeiten wie Staudt, Haas und – man höre und staune – Martin Kind melden sich zu Wort, um Dietrich die Stange zu halten.

Aber auch der VfB selbst bleibt nicht untätig. Den aktiven Mitgliedern einiger Abteilungen geht schriftlich eine ziemlich eindeutige Wahlempfehlung zu. Die Daimler AG in Person von Wilfried Porth schickt ein Schreiben an die dort beschäftigten Mitglieder, um nachdrücklich für Dietrich zu werben. Zur Erinnerung: Porth ist stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrat der VfB Stuttgart AG, bezüglich der Entscheidungen im e.V. aber nicht mehr als du und ich. Ein gewöhnliches Mitglied.

Für mich drängt sich die Frage auf: Wie schlecht muss es um einen Präsidenten bestellt sein, wenn er wenige Tage vor der Abstimmung über seine Abwahl eine derartige Unterstützung benötigt?

Die Wunden der Abstiegssaison und die gegenseitigen Vorwürfe der letzten Tage haben die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern des Präsidenten weiter verhärtet. Eine Versöhnung der zerstrittenen Lager war nie weiter entfernt. Selbst wenn die Wasserwerfer am Sonntag nicht zum Einsatz kommen (was ich inständig hoffe), wird diese Mitgliederversammlung einen Schatten auf die nächsten Monate an der Mercedesstraße werfen. Dietrich zieht mit seiner Schmutzkampagne alle Register und bringt damit selbst gemäßigte Beobachter gegen sich auf. Entweder seine Amtszeit ist am Sonntagabend Geschichte oder wir werden eine äußerst unangenehme Zeit bis zur turnusmäßigen Wahl des neuen Präsidenten erleben. Dass der dann nicht mehr Wolfgang Dietrich heißen wird, dürfte selbst ihm inzwischen klar sein.  

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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