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Mañana, mañana

Um ungenügende Leistungen in der Gegenwart zu kaschieren, verweisen die Verantwortlichen beim VfB gerne auf die Zukunft. Nach der schwierigen Hinrunde setzte man auf die Rückkehr der Verletzten, nach dem enttäuschenden Rückrundenstart auf die Spiele gegen „Mannschaften auf Augenhöhe“. Heute hat es nicht geklappt, aber MORGEN werden wir es besser machen.

Vor dem brisanten Abstiegsduell in Berlin spielt der Cheftrainer die Bedeutung der Partie bewusst herunter: „Wenn es das letzte Spiel wäre, dann wäre es ein Endspiel. Aber es kommen noch Spiele, in denen alles möglich ist – unabhängig davon, wie die Partie in Berlin ausgeht.“ Der Sportdirektor spricht in einem Interview mit DAZN davon, dass man zur Not auch über die Relegation den Klassenerhalt schaffen könne. Eingefleischte Mislintat-Fans haben sogar schon einen möglichen Abstieg eingepreist, um den „Stuttgarter Weg“ zu verteidigen.

Welche Krise hätten Sie denn gerne?

Im Fußball geht mit der Krise eines Klubs meistens einher, dass Plattitüden verbreitet, Trainer gefeuert und Kurzschlussreaktionen vollzogen werden. So gesehen hatte der VfB in dieser Saison noch keine Krise.

Das griechische Wort krísis bedeutet eigentlich Entscheidung, also eine gefährliche Lage, in der man einen Ausweg wählen muss. Die Zeit um das Trainingslager in Marbella könnte man im ursprünglichen Wortsinn als Krise bezeichnen, denn da entschieden sich Matarazzo und sein Team für einige grundlegende Veränderungen in ihrer Herangehensweise. Heraus kam die Viererkette, das Mittelfeldpressing und der Verzicht auf hohe Ballbesitzanteile. Karazor und Stenzel sind seither Stammspieler, andere in der Versenkung verschwunden.

Im Verbund mit der Rückkehr von Sasa Kalajdzic und der Leihe von Tiago Tomás sollte dieser Weg zum direkten Klassenerhalt führen. 20 Punkte aus der Rückrunde wurden angepeilt, nur 11 Zähler stehen bisher zu Buche. Drei Spieltage vor Schluss bedeutet das Platz 16 mit 4 Punkten Rückstand auf das rettende Ufer. Steckt der VfB jetzt also in einer Krise?

Der Münchner Privatier

Dieser Eindruck überkommt einen nicht, wenn man Thomas Hitzlsperger zuhört. Der präsentiert sich beim Bild-Podcast „Phrasenmäher“ in bester Laune, mit sich und der Welt im Reinen. Er sei froh, dass er jetzt nicht mehr 24 Stunden am Tag diese große Verantwortung spüre. Aber er drücke dem VfB aus der Ferne natürlich weiter die Daumen. Wir kennen diese Tonalität zur Genüge: verbindlich, geschliffen – und ein bisschen selbstgerecht. Denn während der ehemalige CEO in München den entspannten Privatier mimt, droht sein Projekt in Bad Cannstatt auf Grund zu laufen. 

Genau 25 Tage ist es her, dass Hitzlsperger mit Blumen und vielen Hammer-Emojis von Bord ging. Ein Unternehmensführer wird aber nicht an netten Bildern sondern am Output gemessen. Und die Lage der VfB Stuttgart AG ist nach der Niederlage in Berlin ziemlich kritisch. Der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren droht. Daran ist ein Sportvorstand respektive Vorstandsvorsitzender nicht ganz unbeteiligt, möchte man meinen.

Verein für Behäbigkeit

Doch kommen wir zum Spiel in den schaurigen Gemäuern des Berliner Olympiastadions. Da holt Matarazzo schon nach 20 Minuten das Tablet raus. Während Pascal Stenzel behandelt wird, ruft er gleich eine ganze Gruppe von Spielern zu sich, um taktische Anweisungen zu geben. Kurze Zeit später rückt Erik Thommy für den angeschlagenen Rechtsverteidiger auf die rechte Wingback-Position. Wir erleben die Wiedergeburt der Dreierkette.

Auf das Spiel haben die Umstellungen zunächst keine belebende Wirkung. Der Aufbau bleibt behäbig, im Mittelfeld bekommen Endo und Mangala keinen Zugriff, die Außen sind genauso abgemeldet wie der Mittelstürmer. Ob es daran liegt, dass Felix Magath wie erwartet die Kreisligataktik auspackt? Hinten dicht und vorne … Davie Selke!

Kann das reichen? Leider ja, denn die VfB-Offensive strahlt die Gefährlichkeit einer Schmusekatze aus. Es ist müßig, einzelne Spieler aus der desorientierten Mannschaft im Brustring herauszupicken. Finanzvorstand Ignatzi kann nur hoffen, dass bei möglichen Interessenten für die Transferkandidaten der Stream geruckelt hat. Weder Kalajdzic noch Sosa oder Mangala rechtfertigen in dieser Form eine Investition in zweistelliger Millionenhöhe.

Während die sportliche Führung der Öffentlichkeit – und vielleicht auch sich selbst – lange vorgaukelte, noch genügend Trümpfe in der Hinterhand zu haben, muss man in der Endphase der Saison plötzlich befürchten, gar keinen Stich mehr zu machen. Das einzig realistische Ziel heißt nun Relegation.

Die schwächste Bank der Liga

Die Presse packt vor dem „Kellerkrimi“ die alten Gassenhauer aus. Das große Duell der „Skipper“ wird angekündigt: der schillernde Prince gegen den stillen Samurai. Man erwartet einen Kampf auf Biegen und Brechen, den großen Showdown.

Nichts davon tritt dann am frühen Sonntagabend ein. Die beiden vermeintlichen Protagonisten haben kaum Einfluss auf das Spiel und die Gäste sind zu harmlos, um die schlechteste Abwehr der Liga in Verlegenheit zu bringen. Über weite Strecken sehen die knapp 55 000 im Olympiastadion ein Spiel auf äußerst schwachem Niveau. Die einen müssen nicht, da sie ab der 4. Minute in Führung liegen, die anderen können nicht.

Hertha BSC: Der Linienrichter hob zwar die Fahne, aber ein wenig später durfte Herthas Angreifer Davie Selke seinen frühen Treffer zum 1:0 bejubeln.
Selke trifft zur frühen Führung. Sosa schaut zu. (Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Über 90 Minuten spielt sich das Team von Pellegrino Matarazzo kaum eine klare Torchance heraus. Die Bälle werden immer wieder planlos nach vorne geschlagen, wo Sasa Kalajdzic auf verlorenem Posten steht. Nicht nur er, sondern auch andere Leistungsträger präsentieren sich zum ungünstigsten Zeitpunkt außer Form.

In solchen Momenten täte ein Impuls von außen gut. Ein Spieler, der die Statik des Spiels noch einmal verändert, der die Teamkollegen aufrüttelt. Doch auf der schwächsten Bank der Liga sitzt keiner mit diesen Merkmalen. Egal wie schlecht sich die erste Elf präsentiert, jeder Wechsel senkt das Niveau weiter.

Bleibt die Erkenntnis: Den Klassenerhalt in der Bundesliga muss man sich erarbeiten. Mit Reden alleine ist noch keiner in der Liga geblieben. Ruhe ist hilfreich, wenn ein Projekt in die richtige Richtung läuft. Wenn nicht, muss irgendwann jemand die lähmende Harmonie aufbrechen.

Hertha hat in dieser Spielzeit fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Im vorentscheidenden Spiel im Kampf um den Klassenerhalt ist die Mannschaft jedoch entschlossener als ihr Gegner und gewinnt am Ende mit einfachsten Mitteln – völlig verdient.

Wer hält dem Druck stand?

Statt beruhigender Worte sind in Bad Cannstatt jetzt also Taten gefragt. Eine Krise erfordert Entscheidungen. Mit dem ewigen „mañana, mañana“ kommt der VfB nicht mehr weiter.

Welche Spieler bringen die notwendige Schärfe und Resilienz mit, um in dieser Drucksituation zu bestehen? Wie muss das Trainerteam seine Ansprache verändern, damit auch der Letzte versteht, dass die Feelgood-Atmosphäre endgültig vorbei ist? Wie kann aus dem verkrampften Hoch-und-Weit in wenigen Wochen ein offensiver Plan entstehen, der Darmstadt, St. Pauli oder den HSV in Verlegenheit bringt?

Der VfB braucht im kommenden Heimspiel gegen Wolfsburg dringend drei Punkte, um zumindest den Relegationsplatz zu verteidigen. Der 1. FC Köln hat in der vergangenen Saison bewiesen, dass man eine Relegation mit fußballerischer Überlegenheit dominieren kann. Der Weg dahin ist nach der ernüchternden Leistung in Berlin ziemlich weit.

Hertha BSC Berlin – VfB Stuttgart 2:0

Anmerkung: Über den VfB und die kritische Situation im Abstiegskampf könnt ihr an anderer Stelle mehr lesen. Die verlinkten Texte habe ich selbst gerne und mit Erkenntnisgewinn gelesen.

Das bedeutet aber nicht, dass die Autoren der Blogbeiträge sich untereinander abstimmen oder aus dem Hintergrund gesteuert werden. Wir maßen uns auch nicht an, mit unseren Einschätzungen richtig zu liegen. Gedanken von Fans für Fans – ihr könnt sie lesen oder es lassen.

So sind wir, so isch dr VfB – Rund um den Brustring

Mutlos wie Matarazzo – Vertikalpass

VertikalGIF #BSCVfB: Wie ein Unfall – Vertikalpass

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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