Allgemein

Eine zarte Flamme

Selbst die jüngeren sportlichen Peinlichkeiten verblassen vor dem Ausmaß der Blamage bei der Mitgliederversammlung am 15. Juli 2019 und dem darauf folgenden stillosen Abgang des Präsidenten, der den Club wie kaum ein anderer zuvor gespalten hat. Obwohl wir uns wohl selten so sehr für unseren Verein geschämt haben wie an diesem Tag, empfinden ihn im Nachhinein viele als einen Wendepunkt zum Guten. Eine zarte Flamme der Hoffnung begann zu brennen, dass der VfB den autoritären Crashkurs nun endlich verlassen und wieder näher an seine Mitglieder und Fans heranrücken würde.  

Neuer Tiefschlag

Am vergangenen Sonntag setzte es nun einen weiteren Tiefschlag: Der VfB soll massenhaft Mitgliederdaten an eine halbseidene Marketingagentur weitergegeben haben, um die Ausgliederung durchzudrücken, und das Meinungsbild in der Öffentlichkeit zu manipulieren. Ist uns der böse Geist von Wolfgang Dietrich noch einmal erschienen? Je mehr wir über die Datenaffäre erfahren, desto deutlicher wird: Der in der Öffentlichkeit immer sehr machtbewusst auftretende Ex-Präsident war selbst nur eine Marionette derjenigen, deren Interessen er vertrat. So beginnt die Geschichte der veruntreuten Daten bereits ein halbes Jahr bevor der Quattrex-Fürst mit hauchdünner Mehrheit gewählt wurde.

Die Übergangs-Führung

Im Mai 2016 brannte es an der Mercedesstraße lichterloh. Die neue Führungsriege stand vor dem Scherbenhaufen des ersten Abstiegs seit 1975. Dutt wurde als Sportvorstand entlassen, Wahler trat als Präsident zurück und überließ die Geschicke des Vereins den verbliebenen Vorständen und Aufsichtsräten: Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) sowie Würth-Vertriebschef Martin Schäfer, Daimler-Vorstand Wilfried Porth und Kärcher-Boss Hartmut Jenner. Auch damals schon eine wichtige Figur in der VfB-Führung: Oliver Schraft, Leiter der Kommunikationsabteilung und Mitglied der Geschäftsführung. Was diese Männer vereint? Von Fußball haben sie keine Ahnung, dafür umso mehr von Machtspielchen und Beeinflussung des öffentlichen Diskurses. Die im März begonnene Zusammenarbeit mit Schlittenhardts Marketingagentur wird intensiviert, zehntausende Mitgliederdaten übermittelt. Das große Ziel heißt Ausgliederung. Der designierte Investor: die Daimler AG.

Großer Einfluss vom großen Stern

Ein halbes Jahr vor diesen turbulenten Wochen war der VfB schon einmal durchgeschüttelt worden: Der damals mächtigste Mann im Verein trat im Oktober 2015 zurück, nachdem ihm die Mitglieder zum wiederholten Male die Entlastung verweigert hatten. Aber warum erzähle ich euch von Dr. Joachim Schmidt? Nun, der Nachfolger von Dieter Hundt war nicht nur von 2013 bis 2015 Vorsitzender des Aufsichtsrats, sondern gleichzeitig auch Vertriebs- und Marketingchef beim Nachbarn mit dem großen Stern. Man sagt ihm nach, dass er nicht nur Aufsicht führte, sondern sich – durchaus selbstgefällig – auch ins Tagesgeschäft einmischte.

Wenn wir mit dem Wissen von heute die Ereignisse aus der Vergangenheit rekapitulieren, müssen wir stutzig werden. Es wird immer klarer, dass wir uns nicht damit beschäftigen sollten, wie die Ära Dietrich zu überwinden ist, sondern dass wir die Rolle des großen Stuttgarter Autobauers beim VfB von Grund auf hinterfragen müssen. Die Veruntreuung der Mitgliederdaten war ein Vehikel zur Durchsetzung der Ausgliederung und zum Machterhalt der führenden Figuren in der Mercedesstraße. Bei VfB-Leaks geht es also nicht um die Fehler einiger übereifriger Mitarbeiter, auch nur am Rande um die juristische Bewertung der Ordnungswidrigkeiten nach Datenschutzverordnung, sondern im Kern um ein etabliertes Machtsystem, in dem der VfB Stuttgart 1893 e.V. höchstens noch die zweite Geige spielt.

Die Hoffnung hat einen Namen: Hitzlsperger

Kommen wir wieder zurück zum Flämmchen der Hoffnung, das seit Dietrichs Abgang bei vielen Anhängern brennt. Es hat nämlich einen Namen und heißt Thomas Hitzlsperger. Ihr wisst schon: „Hitz the Hammer“, der Bundesverdienstkreuzträger. Endlich macht uns ein VfB-Funktionär wieder stolz, weil er authentisch ist und sich für wichtige Anliegen einsetzt: Vielfalt, Kampf gegen Diskriminierung und soziale Projekte. Höchsten Respekt dafür, Herr Hitzlsperger!

Über seinen steilen Aufstieg beim VfB wurde schon oft geschrieben. In der aktuellen Diskussion könnten allerdings einige Aspekte noch einmal interessant werden: Hitzlsperger wird im Juni 2016 – also mitten im Chaos der Nach-Wahler-Zeit – dem Vernehmen nach von einem gewissen Oliver Schraft zum VfB gelotst. Direkt nach der Ausgliederung beruft ihn Wolfgang Dietrich ins Präsidium und macht ihn später zum Sportvorstand. Nach Dietrichs Rücktritt bereitet der Vereinsbeirat fieberhaft die außerordentliche Mitgliederversammlung vor. Ein neuer Präsident muss gewählt werden. Der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Dr. Bernd Gaiser hat aber große Eile, noch vor der Wahl den Posten des Vorstandsvorsitzenden zu besetzen. Da die Wahl auf Hitzlsperger fällt, sind die kritischen Stimmen nicht besonders laut. Aber die Argumentation von Herrn Gaiser bei der Vorstellungs-PK des neuen CEO überzeugt nicht wirklich. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Aufsichtsrat seinen Einfluss auf die VfB AG sichern will, bevor ein neuer Präsident womöglich die alten Seilschaften zerschlagen kann.

VfB AG vs. VfB e.V. 1:0

Geht man die Mannschaftsaufstellung der AG mit ihren Hintermännern im Aufsichtsrat durch, stößt man auf die gleichen Namen, die zweieinhalb Jahre vorher den Übergang zwischen Wahler und Dietrich gestaltet und die Ausgliederung eingefädelt haben. Schade für alle, die gerne in Gut-Böse-Dimensionen denken, dass Sankt Hitzlsperger bei der falschen Mannschaft spielt. Er ist nämlich ihr Frontrunner. Derjenige, der die Menschen mitzunehmen weiß und den sportlichen Neuanfang orchestrieren soll.

Wenn Hitzlsperger jetzt also verlauten lässt, der VfB nehme die Vorwürfe im Zusammenhang mit der Datenaffäre sehr ernst, kann man das unterschiedlich interpretieren. Geht den Strippenziehern plötzlich der Arsch auf Grundeis? Oder stellt der CEO nach viereinhalb Jahren als Funktionär im Verein plötzlich fest, dass seine Kameraden ihrerseits wahrscheinlich keine Anwärter für irgendwelche Ehrennadeln sind? Dass sie, ganz im Gegenteil, die Mitglieder und Anhänger, die ihn selbst so sehr verehren, über Jahre hinweg belogen und betrogen haben?

Klug wie unser Vorstandsvorsitzender ist, können wir davon ausgehen, dass er wenig überrascht und auch nicht schockiert über die Enthüllungen ist. Allerdings steht er jetzt unter Zugzwang: Kann er mit seinen Mentoren und Förderern brechen, und seine Ankündigungen zu Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe einlösen? Oder versucht er die Affäre möglichst unbeschadet auszusitzen, um schnell wieder über schönere Themen sprechen zu können?

Viele Fragen auch an den e.V.

Aber auch im Verein sind noch immer einige Personen tätig, die sich vehement für die Ausgliederung eingesetzt und Wolfgang Dietrich trotz aller Ungereimtheiten bis zum Schluss die Stange gehalten haben. Welche Rolle spielte beispielsweise Rainer Mutschler, seinerzeit Geschäftsführer der VfB Marketing GmbH, beim Projekt Fokus VfB? Warum ließ Interimspräsident Gaiser zu, dass der Posten des Vorstandsvorsitzenden noch vor der Präsidentenwahl neu besetzt wurde? Wie sind all jene einzuordnen, die sich bei der Mitgliederversammlung im Juli 2019 für Wolfgang Dietrich in die Bresche warfen?

Die Flamme ist zwar noch nicht erloschen, aber sie flackert bedenklich. Claus Vogt als Vertreter der Mitglieder und Vorsitzender des Aufsichtsrats könnte sie am Leben halten, indem er in dieser Angelegenheit sein Profil schärft und den Mitgliedern zu ihrem Recht verhilft. Denn er weiß als ehemaliger Vorsitzender und Mitgründer des FC PlayFair!: Auch in einem Club mit ausgegliederter Profiabteilung muss der eingetragene Verein mit seinen Mitgliedern die Hosen anbehalten. Wer´s nicht glauben will, hebe den Blick gen Himmel und sehe die roten Bullen vorbeifliegen.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.