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Die Kaderstruktur

Nach den Beiträgen über die Mannschaft (Defensive und Offensive) und das Trainerteam wollen wir heute einen Blick auf den Kader werfen. Ein Perspektivkader, einer der interessantesten Kader der Bundesliga, ein echter Mislintat, sagen die einen. Andere verdrehen die Augen, wenn sie hören, dass zu viel Qualität in der Mannschaft stecke um abzusteigen. 2016 und 2019 lassen grüßen. Was darf uns Hoffnung machen, dass die Mannschaft in der Rückrunde zulegt?

Der Traum vom Profidebüt

Alexis Tibidi ist ein Spieler, der die Herzen der Fans höher schlagen lässt. Toll, wie er in der U19-Bundesliga die Verteidiger umkurvt und dabei manchmal so verwegen abhebt, dass die Schiedsrichter vor lauter Staunen in ihre Pfeife blasen. Auch im Profitraining, so liest man, habe der 18-jährige Junge aus Lille überzeugt. Andererseits fehlen ihm noch taktisches Verständnis und die für das Profigeschäft notwendige Disziplin – Lektionen, die er bei Nico Willig lernen soll.

Im November kommt Tibidi in Dortmund zu seinem Bundesligadebüt. Der VfB hat gerade durch Massimo ausgeglichen, da ersetzt ihn in der 68. Minute der französische Jugendnationalspieler. „Wenn einer wie Tibidi in einer solchen Spielsituation deine erste Option für einen offensiven Wechsel ist, pokerst du entweder sehr hoch oder du hast ein Problem mit der Kaderstruktur“, kommentierte damals mein mexikanischer Kollege, der viel von Fußball versteht, aber nichts vom VfB weiß. Hat er Recht?

Dass Sven Mislintat und Thomas Krücken den flinken Angreifer vom FC Toulouse vergangenen Sommer zur VfB U19 holten, war sicher eine gute Entscheidung. Nur: Als Tibidi eingewechselt wird und der VfB das Spiel in Dortmund noch aus der Hand gibt, heißen die Alternativen auf der Bank Daniel Didavi, Hamadi Al Ghaddioui, Teto Klimovicz und Wahid Faghir. Traut der Trainer diesen Spielern weniger zu als einem U19-Kicker, der erst ein paar Einheiten bei den Profis mitgemacht hat? Natürlich musste Matarazzo über längere Zeit auf wichtige Offensivkräfte verzichten, aber im Laufe der Hinrunde wird immer deutlicher, dass dem Kader im Angriff Substanz fehlt.

Großer Kader – wenige Alternativen

Schon zu Saisonbeginn war der VfB auf den offensiven Positionen eher dünn besetzt. Die sportliche Leitung erhoffte sich wohl von Nachwuchskräften wie Sankoh, Klimovicz und Coulibaly einen Entwicklungsschub, vielleicht auch von Momo Cissé und Ahamada. Nach den verletzungsbedingten Ausfällen im August entschieden sich die Verantwortlichen dann, die entstandene Lücke mit der Leihe von Omar Marmoush und der Verpflichtung des 18-jährigen Wahid Faghir zu füllen. Eine riskante Wette, die bislang nicht aufgeht.

Matarazzo verfügt mit 34 Spielern insgesamt über einen üppigen Kader. Da in der abgelaufenen Hinrunde jedoch einige Spieler keine nennenswerte Rolle spielten und zu wenige Impulse von der Bank kamen, muss man sich fragen, ob die Qualität der zweiten Reihe ausreicht. Hat der VfB zu viele Perspektivspieler und zu wenige, die den Unterschied machen?

Drei Generationen Nachwuchshoffnung

Seit Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat angefangen haben, den Abstiegskader der Saison 2018/19 zu „entrümpeln“, wurden drei Generationen hoffnungsvoller Talente verpflichtet.

Lernten sich in Paris kennen: Sven Mislintat und Silas Wamangituka.
Sven Mislintat hat zu seinen Spielern ein besonderes Verhältnis. (Foto: picture alliance)

Aus der ersten Generation hat Silas Katompa Mvumpa im zweiten Jahr voll eingeschlagen. Mit 11 Toren und 5 Vorlagen begeisterte er in der vergangenen Saison die VfB-Fans, bevor er sich im März schwer am Knie verletzte. Klimovicz und Coulibaly tun sich aus unterschiedlichen Gründen schwerer. Ob sie zeitnah den Durchbruch schaffen, darf man aus heutiger Sicht bezweifeln. Auch der so vielversprechend gestartete Clinton Mola kann sich noch nicht nachhaltig aufdrängen.

Das Supertalent Mohamed Sankoh gehört zur zweiten Generation. Beim Saisonauftakt gegen Fürth erwischte es ihn so übel am Knie, dass er um seine Profikarriere bangen muss. Seine Mannschaftskollegen Naouirou Ahamada und Momo Cissé hatten auch mit Verletzungen zu kämpfen und sind derzeit weit davon entfernt, zu einem Faktor im Abstiegskampf zu werden. Bei Cissé steht eine Leihe im Raum.

Aus der dritten Generation sticht Hiroki Ito heraus. Der 22-jährige Japaner hat sich auf Anhieb einen Stammplatz bei den Profis erkämpft, obwohl er eigentlich für die zweite Mannschaft vorgesehen war. Seine noch jüngeren Mitspieler Beyaz, Faghir und Millot kamen mit deutlich mehr Vorschusslorbeeren an den Neckar, haben aber Schwierigkeiten, auf Bundesliganiveau zu kommen. Nikolas Nartey ist da schon weiter, aber auch er blieb bei seinen 7 Einsätzen meistens blass.

Alternativlos?

Die Bilanz nach drei Generationen Mislintat-Transfers fällt zwar insgesamt gut aus, aber ist dieser Weg wirklich so alternativlos, wie manche behaupten? In Freiburg und Mainz sowie bei Union Berlin zeigen die Verantwortlichen, dass man auch mit anderen Strategien zum Erfolg kommen kann. Die Mannschaften von Streich, Svensson und Fischer zeichnen sich in erster Linie durch Geschlossenheit und Robustheit aus.

Spielertypen wie Lucas Höler, Dominik Kohr oder Grischa Prömel lassen Feinschmecker nicht mit der Zunge schnalzen, doch sie helfen dir in der Bundesliga weiter. Auch der VfB wird in der Rückrunde eher die Qualitäten eines Anton, Karazor oder Förster brauchen, um die Klasse zu halten. Erst wenn diese Arbeiter mit Ausnahmekönnern und Künstlern zu einer schlagkräftigen Einheit zusammenwachsen, entsteht ein rundes Bild. Für die Anzahl vielversprechender Nachwuchstalente im Kader gibt es keine Punkte.

Hoffnung für die Rückrunde

Letzte Saison hat Matarazzos Mannschaft gezeigt, dass durchaus ein Gerüst aus Spielern vorhanden ist, die Verantwortung übernehmen können. Einige dieser Leistungsträger fehlten in der Hinrunde entweder, oder sie kamen nicht an die Form des Vorjahres heran. Waldemar Anton und Orel Mangala gehören zu denjenigen, die in der Rückrunde beweisen müssen, dass sie eine Mannschaft führen können. Silas und Kalajdzic haben zunächst damit zu kämpfen, wieder in Tritt zu kommen, bevor sie ihre herausragende Vorsaison bestätigen können.

Wenn der Traum von einer Bundesligakarriere für die vielen Nachwuchskräfte im Kader wahr werden soll, müssen sie sich öfter zeigen als in der Hinrunde. Dass der Aufstieg manchmal ganz schnell geht, kann ihnen zum Beispiel ihr Mannschaftskollege Borna Sosa erzählen. Vom Bruder Leichtfuß mit Ballettschühchen hat sich der inzwischen 23-jährige Kroate plötzlich in die A-Nationalmannschaft und auf die Notizzettel der großen Klubs katapultiert. Das Talent dazu haben sicher viele, die momentan an der Mercedesstraße trainieren. Wer sich wirklich durchbeißen kann, werden wir sehen.

Noch nichts erreicht

Sven Mislintat hat bei Teilen der Anhängerschaft den Status eines Erlösers. Seine Leidenschaft auf der Bank, die Identifikation mit der von ihm zusammengestellten jungen Mannschaft und seine Scouting-Erfolge sind in der Tat bemerkenswert.

Sportdirektor Sven Mislintat jubelt nach dem 2:3 für den VfB Stuttgart. Foto: Bauma/n
An der Seitenlinie zeigt der Sportdirektor Feuer für seine Aufgabe. (Foto: Baumann)

Andererseits hat das im Sommer 2019 begonnene Projekt nach der wackeligen Zweitligasaison gerade seine zweite Durststrecke zu überstehen. Dass der Weg, für den sich Mislintat öffentlich so vehement einsetzt, wirklich in eine erfolgreiche Zukunft führt, müssen er und sein Team im zweiten Bundesligajahr erst noch beweisen.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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