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Der Nachwuchs

Zu den größten Verdiensten von Thomas Hitzlsperger gehört, dass er den sportlichen Bereich personell neu aufgestellt und dabei hochqualifizierte und teamfähige Führungskräfte für den VfB gewonnen hat.

NLZ-Leiter Thomas Krücken gehört zu diesen Schlüsselpersonalien. Der ehemalige Jugend-Cheftrainer beim FSV Mainz ist mit seinen Mitarbeitern dabei, die Nachwuchsabteilung des VfB umzustrukturieren.

Thomas Krücken (re.) leitet beim VfB seit Juli 2019 das NLZ. (Foto: vfb.de)

Das Leitbild „Jung und wild“

Nachwuchsarbeit ist natürlich kein Selbstzweck, sondern eine Strategie, um mittelfristig ein konkurrenzfähiges Bundesligateam aufzubauen. „Jung und wild“ heißt das Leitbild, das sich der VfB gegeben hat. So unumstritten die Stärkung der traditionsreichen VfB-Jugend ist, so kontrovers wird bisweilen die Umsetzung des Leitbilds diskutiert. Wie viele Talente aus anderen deutschen Nachwuchsleistungszentren oder sogar aus dem Ausland muss man verpflichten, um ausreichend Qualität aus den U-Mannschaften in den Profikader zu bringen? Versperrt man eigenen Jugendspielern damit den Weg oder fördern die Neuzugänge den Konkurrenzkampf?

Zuletzt suchte Sportdirektor Sven Mislintat den Weg an die Öffentlichkeit, um für seinen Weg zu werben. Nach dem Ausscheiden Hitzlspergers soll seiner Ansicht nach einer der Direktoren den vakanten Sportvorstandsposten besetzen. Neben ihm selbst kämen also Markus Rüdt (Direktor Sportorganisation) und Thomas Krücken (Direktor NLZ) in Frage.

Mit Letzterem führten jüngst das Mitgliedermagazin „Dunkelrot“ und die Sportredaktion der StN/StZ Interviews, ohne das Thema Sportvorstand auch nur zu erwähnen. Womöglich ist man sich einig, dass Krückens besondere Qualitäten bei der Arbeit mit Jugendlichen im NLZ nicht so leicht zu ersetzen sind. Erste Erfolge seiner Neuausrichtung sprechen jedenfalls dafür.

Mit neuen Strategien zurück an die Spitze

In der Ausgabe 4/2021 der „Dunkelrot“ erläutern Hitzlsperger und Krücken noch einmal die neue Idee der Nachwuchsarbeit beim VfB. Dabei geht es nicht wie früher in erster Linie um Ergebnisse und Meisterschaften, sondern um die Entwicklung der einzelnen Spieler.

Spielerzentrierung heißt das Zauberwort. Das Konzept beinhaltet, dass bis zu 50 % der Trainingszeit für individuelles Potenzialtraining verwendet werden. Die Kinder und Jugendlichen bis zur U16 sollen auf Kleinfeldern weitgehend frei von taktischen Zwängen Fußball spielen. Viele Ballkontakte, Eins-gegen-eins-Situationen und Torabschlüsse entwickeln Fähigkeiten, die wir früher auf dem Bolzplatz erworben haben.

Außerdem werden mit dem Aufbau regionaler Partnervereine die Scouting-Aktivitäten verstärkt, um Bewegungstalente aus der Umgebung früh zu erkennen. Auch die Fortbildung der Trainer spielt eine wichtige Rolle.

Wenn die Strategie funktioniert, spiegelt sich das natürlich auch in den Ergebnissen der Jugendmannschaften wider. Die U19 und U17 mit dem Brustring präsentieren sich in der laufenden Junioren-Bundesligasaison in guter Verfassung und scheinen einige interessante Talente hervorzubringen. Die neuen Trainingsformen tragen also offensichtlich erste Früchte.

Trotzdem warnt Hitzlsperger vor Ungeduld: „Das, was wir hier seit zweieinhalb Jahren machen, ist ein Prozess, der Jahre dauert“. Und er fügt hinzu: „Was die Infrastruktur betrifft, können wir mit vielen Konkurrenten nicht mithalten“. Stattdessen müsse der VfB seine Alleinstellungsmerkmale zur Geltung bringen, die der Vorstandsvorsitzende und der Nachwuchschef wie folgt benennen: das Multi-Sport-Konzept im Kinderbereich, das Schulkonzept samt VfB-Akademie, das oben erwähnte Potenzialtraining und der gute Übergang zwischen NLZ und Profis.

Die Schnittstelle

Mit Peter Perchtold beschäftigt der VfB einen Trainer, der für die Schnittstelle zwischen Nachwuchs und Profimannschaft zuständig ist. Jede Woche setzt er sich mit den Cheftrainern und sportlichen Leitern zusammen, um zu erörtern, welche Spieler Einsatzzeiten bekommen sollen.

Jeder, der selbst Sport treibt, weiß: Du kannst noch so viel trainieren, den Wettkampf kannst du nicht simulieren. Beim VfB stehen unter der Woche viele hoffnungsvolle Nachwuchstalente auf dem Trainingsplatz, bekommen aber am Wochenende kaum Einsatzminuten. Können sich die jungen Spieler so weiterentwickeln?

Von den 16 Spielern im Alter bis 21 Jahre, die (perspektivisch) zum Profikader gehören, haben nur drei regelmäßige Einsätze in der Bundesliga vorzuweisen, drei weitere in der Regionalliga (siehe Tabelle). Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass sich die Nachwuchsspieler körperlich, taktisch und mental schwer tun, Bundesliganiveau zu erreichen.  

Für Rekonvaleszenten wie Li Egloff ist die Regionalliga genau das richtige Pflaster, um sich nach seiner langen Verletzungspause Wettkampfhärte zu holen. Im letzten Spiel vor der Winterpause erzielte er in Walldorf sein erstes Saisontor, beeindruckte aber vor allem mit einer Energieleistung. Die Abwehr des FC-Astoria jagten ihn mit erlaubten und unerlaubten Mitteln 90 Minuten über den Platz.

Ein ähnliches Stahlbad würde einigen seiner jungen Kollegen gut tun, die den Schritt in den Bundesliga-Spieltagskader kaum einmal schaffen. Gleichzeitig helfen Verstärkungen aus dem Profikader Frank Fahrenhorst, mit seiner Regionalligatruppe nicht in akute Abstiegsnot zu geraten.

Mit Mola, Beyaz und Momo Cissé bekommen allerdings drei Nachwuchskräfte als Nicht-EU-Ausländer aufgrund der Regularien keine Spielerlaubnis für die Regionalliga. Dass Momo Cissé beispielsweise seit Sommer 2020 insgesamt nur 33 Minuten auf dem Platz stand, hemmt natürlich seine Entwicklung. Eine Leihe ist für diese Spieler wohl die einzige Möglichkeit, regelmäßig Spielpraxis zu sammeln.  

Erste Schritte im „Männerfußball“

Nach 22 Spieltagen liegt die VfB U21 in der Regionalliga Südwest mit 24 Punkten auf Platz 14 und damit gefährlich nahe an den Abstiegsplätzen. In vielen Spielen konnte man beobachten, dass sich das Fahrenhorst-Team mit der Anpassung an den „Männerfußball“ schwer tut.

Die Verantwortlichen des VfB verwenden gerne diesen Begriff, um zu beschreiben, wie körperlich und ausgebufft in dieser Spielklasse zu Werke gegangen wird. Mannschaften wie Offenbach, Ulm, Elversberg oder Steinbach Haiger streben den Aufstieg in die dritte Liga an und sind personell entsprechend aufgestellt. Aber auch der VfR Aalen, FSV Frankfurt oder SC Bahlingen wissen, wie man einer jungen Mannschaft den Schneid abkauft.

Für Spieler wie Maglica, Suver, Polster oder Kuol ist die Regionalliga auch deswegen der richtige Entwicklungsschritt auf dem Weg zu einer Profikarriere. Sie sollen sukzessive ihre Leistungen stabilisieren, müssen sich im letzten Saisondrittel aber noch steigern. Nicht immer kann man von außen erkennen, dass da Talente auf dem Platz stehen, die schon bald die große Fußballbühne betreten wollen. Mitunter fehlen der nötige Biss und Durchschlagskraft im Angriff.

Die Pechvögel der laufenden Saison sind Kevin Grimm, Jordan Meyer, Sebastian Hornung und Marco Wolf mit ihren schweren Verletzungen; Jayden Bennetts kommt erst langsam wieder zurück. Julian Kudala überraschte dagegen auf der rechten Außenbahn positiv. Der 19-Jährige gehört zu den Spielern mit den meisten Einsätzen und liegt mit drei Toren und drei Vorlagen hinter Alou Kuol (7/0), Manuel Polster (5/2) und Falko Michel (3/8) auch in der internen Scorerliste weit vorne.

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Thomas Krücken gibt zu, dass die Saison für die U21 bisher auch aufgrund der Verletzungen und Abstellungen für den Profikader enttäuschend verläuft, zweifelt aber keinesfalls an der grundsätzlichen Ausrichtung. Der 44-jährige Rheinländer erinnert daran, dass die Mannschaft von Frank Fahrenhorst immer noch in erster Linie eine Ausbildungsmannschaft ist. Außerdem bestärken ihn die guten Ergebnisse der U17 und U19 sowie das nach wie vor hohe Ansehen der VfB-Nachwuchsabteilung, dass er und sein Team allen Widrigkeiten trotzen werden: „Wir sind die jungen Wilden, wir kriegen das hin.“

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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