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Die Defensive

Aus der Reihe Rückblick auf die Hinrunde lest ihr heute den ersten Teil. Fangen wir hinten an.

Trotz der vielen Gegentore haben zwei Defensivspezialisten in der laufenden Saison die größten Entwicklungsschritte gemacht. Dinos Mavropanos (24) und Hiroki Ito (22) gehörten gleichzeitig zu den besten VfB-Spielern im vergangenen Halbjahr.

Spieler der Hinrunde

Dass Mavropanos wuchtig und schnell ist, wussten wir schon vorher. Allerdings fehlte ihm im Zweikampf oft das richtige Timing und sein verletzungsanfälliger Körper machte regelmäßige Einsätze unmöglich. In den letzten Monaten hat sich der griechische Nationalspieler zum „Aggressive Leader“, zur sicheren Bank als rechter Halbverteidiger und zum besten Torschützen entwickelt.

Komm her, lass dich drücken: VfB-Verteidiger Konstantinos Mavropanos (24/l.) gratuliert seinem Abwehrkollegen Hiroki Ito (22/M.) zum Traumtor gegen Mainz. Daneben: Stürmer Omar Marmoush (22./r.).
Gut gemacht! Dinos Mavropanos gratuliert Hiroki Ito. (Foto: Tom Weller/dpa)

Eigentlich kann ihm nur Ito den Titel als Spieler der Hinrunde streitig machen. Für die U21 vorgesehen überzeugte der aus der zweiten japanischen Liga verpflichtete Innenverteidiger vom ersten Training an und fand sich beim Pokalspiel im Jahn-Sportpark überraschenderweise auf der zentralen Position der Abwehrkette wieder. Er machte ein Bombenspiel und hat inzwischen sogar dem 110-fachen Bundesligaspieler Marc Oliver Kempf den Rang abgelaufen.

Vorne hui, hinten pfui

Der VfB hatte schon früher Abwehrrecken, die auch vor dem gegnerischen Tor für Gefahr sorgten. Guido Buchwald war so einer, auch Georg Niedermeier (was gibt´s da zu lachen?) und Marcelo Bordon bleiben uns mit ihren Toren in Erinnerung. In der laufenden Saison erzielten die Innenverteidiger genauso viele Treffer wie die gesamte Offensivabteilung zusammen: Mavropanos (4 Tore/1 Vorlage), Kempf (3/0), Ito (1/0). Dazu kommen die Scorerpunkte der Wingbacks Massimo (2/0), Sosa (1/3) und Coulibaly (0/2).

Bei ihrer Kernkompetenz machte die Hintermannschaft allerdings keine so gute Figur. Mehr Gegentore als der VfB (31) mussten nur Schlusslicht Fürth (49), Hertha (35) und Gladbach (32) hinnehmen. Erfahrungsgemäß ist eine solide Abwehr aber die beste Versicherung gegen den Abstieg. Wo kann das Trainerteam um Pellegrino Matarazzo ansetzen?  

Die Außen: Waffe oder Schwachpunkt?

In einer Dreierkette mit offensiv ausgerichteten Flügelverteidigern können die Außenpositionen zu Schwachstellen werden, vor allem, wenn sie von Spielern besetzt werden, die fast nur nach vorne denken. Sosa und Silas konnten sich in der vergangenen Saison im Defensivverhalten steigern, die gegnerischen Außen aber auch oft mit ihren eigenen Vorstößen binden. In der abgelaufenen Halbserie musste der VfB seinen rechten Wingback ersetzen.

Dadurch hat Roberto Massimo viel Spielzeit bekommen, die er nicht nachhaltig nutzen konnte, um dem Kongolesen den Stammplatz streitig zu machen. Trotz seiner beiden schön herausgespielten Tore und einer Leistungssteigerung im Vergleich zur Vorsaison fehlen dem deutschen U21-Nationalspieler im Angriffsspiel oft Präzision und Durchschlagskraft, in schwierigen Spielen taucht er unter.

Auch Tanguy Coulibaly durfte seinen verletzten Mannschaftskollegen sieben Mal als rechter Flügelverteidiger vertreten. Dabei wurde immer wieder deutlich, dass es dem 20-jährigen Franzosen noch an taktischem Verständnis und Disziplin mangelt. Im Spiel nach vorne agiert Coulibaly nach wie vor zu verspielt, anstatt schnörkellos bis zur Grundlinie durchzulaufen oder direkt den Weg zum Tor zu suchen.

Borna Sosa hat sich in dieser Saison zum Führungsspieler gemausert. Obwohl seine Flanken – anders als in der Rückrunde der vergangenen Saison – mangels Abnehmer kaum Gefahr erzeugten, wird er von seinen Mitspielern immer häufiger im Spielaufbau gesucht. Zu einem richtig guten Außenspieler fehlt ihm nur noch, dass er situativ nach innen zieht und auch mit dem schwächeren rechten Fuß den Torabschluss sucht.

Die offensiven Flügelverteidiger sind ein Markenzeichen von Matarazzos Spielsystem. Die defensive Anfälligkeit über außen ist allerdings nur dann zu verschmerzen, wenn die Wingbacks vorne für Torgefahr sorgen. Davon darf es in der Rückrunde gerne mehr sein.

Gegentore nach Kontern

Im modernen Fußball beginnt die Verteidigung mit dem Anlaufen der Offensivspieler. Viele Fehlerketten haben ihren Ursprung im Mittelfeld, bevor die Abwehrreihe und der Torhüter die Suppe auslöffeln müssen. Der VfB hat seine stabilsten Spiele mit dem „Mittelfeldtrichter“ Karazor – Endo – Mangala abgeliefert.

Die relativ hohe Positionierung von Endo und/oder Mangala als Achter hat allerdings den Nachteil, dass der VfB die Räume nach Ballverlusten nicht immer schnell genug schließen kann. Konterabsicherung und das Vermeiden von Ballverlusten in gefährlichen Räumen dürften auf der To-Do-Liste des Trainerteams weit oben stehen. Dabei geht es um Positionsspiel und cleveres taktisches Verhalten – notfalls auch einmal einen langen Schlag oder ein Foul, das den Konter unterbindet.

Schwäche nach Standards

Der zweikampfstarke Atakan Karazor schließt mit seiner guten Antizipation nicht nur Lücken vor der Abwehr, sondern organisiert auch die Zuordnung bei Standards. Im Gegensatz zu seinen eher ruhigen Kollegen im defensiven Mittelfeld kann er die Mannschaft auch verbal mitreißen.

Der 1,91 m große Deutsch-Türke könnte ein Schlüssel sein, um die Schwächen bei Defensivstandards abzustellen. Zusammen mit Kempf und Mavropanos gehört er zu den kopfballstärksten Spielern im Team. Seine besten Partien im Trikot mit dem Brustring hat Ata meiner Ansicht nach als zentraler Innenverteidiger gemacht – eine Variante, die wir in dieser Saison noch nicht gesehen haben.

Auch Florian Müller kann seinen Teil dazu beitragen, für mehr Sicherheit nach hohen Bällen zu sorgen. In der Strafraumbeherrschung muss sich der Kobel-Nachfolger genauso steigern wie bei Distanzschüssen, die er zu häufig nicht festhalten oder zumindest aus der Gefahrenzone bringen kann.

Fazit

Nominell ist der VfB in der Defensive ausreichend gut besetzt. Weniger Gegentore als in der Hinrunde zuzulassen, ist also eher eine Frage der inviduellen Form und der mannschaftstaktischen Weiterentwicklung als der Qualität. Doch vielleicht ist gerade deswegen Vorsicht geboten. Es wäre nämlich nicht das erste Mal, dass eine Mannschaft den Gang in die zweite Liga antreten muss, der zuvor allenthalben Bundesligaformat attestiert wurde.  

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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