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Diener statt König

Nachdem Herr Steiger im ersten Teil des Interviews über den Freundeskreis, die Bewerbungen von Silvio Meißner und Hubert Deutsch sowie die Bedeutung der Mitglieder und Fans für den VfB gesprochen hat, erfahren wir im zweiten Teil, wie er die Rolle des Präsidenten sieht und was er von den öffentlichen Attacken auf Claus Vogt und von der Daimler AG als Ankerinvestor hält.

Herr Steiger, seit der Ausgliederung hat sich die Rolle des e.V. innerhalb des Klubs verändert. Welche Entwicklungen bewerten Sie positiv, welche sehen Sie kritisch?

Die Ausgründung der Profifußball-Abteilung hat in der Tat zunächst Differenzen darüber ausgelöst, was dieser Schritt rechtlich bedeutet und wie Zuständigkeiten und Verantwortung der Funktionsträger zwischen einem gemeinnützigen Verein und einer Kapitalgesellschaft umgesetzt werden müssen. Ich denke, dass es hier künftig jemanden braucht, der seit Jahren gewohnt ist, genau diesen Spagat zwischen Gemeinnützigkeit und Kapitalgesellschaft täglich zu beachten und auch vorzuleben.

Wir müssen das Thema Sponsoring im VfB e.V. unabhängig von der AG aufbauen. Um das erfolgreich zu machen, sind wir darauf angewiesen, eine eigene Finanzierungsbasis in den anderen Abteilungen nachhaltig aufzubauen. Das wurde im VfB noch nie gemacht. Jetzt ist dies eine große Chance für die Abteilungen, die im Verein nicht mehr mit dem Fußball konkurrieren müssen. Dafür müssen wir konkrete Strategien und Projekte auflegen. Ich denke beispielsweise daran, eine gesonderte Sponsorenpyramide für die einzelnen Abteilungen aufzusetzen: Nicht einen Sponsor für den gesamten Verein, sondern für jeden Sport-Bereich im e.V. der passende Sponsoring-Partner.

„Der Verein muss sich aus der „Klammer“ der AG emanzipieren.“

Negativ ist, dass im Ausgliederungsvertrag bisher angeblich festgelegt ist, dass der e.V. kein eigenes Sponsoring betreiben darf. Das kann nicht sein. Denn das ist nicht zeitgemäß. Damit entgehen unseren Abteilungen viele Einnahmen. Denn es gibt viele Unternehmen, die sich auf Sportarten abseits vom Fußball fokussieren. Firmen, die ganz bewusst etwa nur in Tischtennis oder Hockey investieren. Das ist bei anderen Vereinen schon längst möglich. Der Verein muss sich aus der „Klammer“ der AG emanzipieren und eigenständiger werden. Damit steigt auch automatisch sein Stellenwert gegenüber der AG.

Auf Ihrer Homepage sprechen Sie von einem Spagat zwischen Verein und Kapitalgesellschaft. In welcher Rolle sehen Sie den Präsidenten in diesem Spannungsfeld?

Der Präsident muss Glaubwürdigkeit und Transparenz verkörpern und es in den Amateur- und Profisport-Bereichen vorleben. Das bedeutet, er muss im Verein für die „Kleinen“ da sein und die Stimme aller im Verein sein. Und er muss wichtige Wettkämpfe und Spiele aller Abteilungen begleiten und nicht nur die Mercedes-Benz Arena genießen. Er muss den Fans weiterhin das Gefühl geben können, das sie am Fußball in der AG beteiligt sind und gehört werden. Er muss glaubhaft zwischen Kurve und Loge, zwischen Trikot und dunklem Anzug verbinden können. Und er muss in der AG zwischen den Interessen des Vereins und Interessen der Investoren die Balance bewahren, zum Wohle des VfB.

Immer wieder werden Stimmen aus der AG und dem Aufsichtsrat laut, die den amtierenden Präsidenten öffentlich kritisieren. Wie bewerten Sie das?

Ich bin kein Mitglied dieser Gremien und kann deren Arbeit und die intern geführten Diskussionen nicht umfassend und objektiv bewerten. Generell bin ich aber überzeugt, dass Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit für die Reputation des VfB abträglich sind. Wenn wir nicht respektvoll miteinander umgehen in den Führungsebenen von Verein und AG, kann der VfB keine wirklich anerkannte Größe im Fußball werden.

Sie haben im Pressegespräch deutlich gemacht, dass es dem Vorstand der AG nicht zusteht, Mitglieder des Aufsichtsrats öffentlich zu kritisieren. Welche Konsequenzen für ein solches Vorgehen halten Sie für angemessen?

Ich gehe davon aus, dass sich solche nicht angemessenen Vorgänge der Vergangenheit künftig nicht wiederholen. Ich bin zuversichtlich, dass man im VfB durch Schaden klug geworden ist!

„Der VfB braucht Ruhe.“

Der Verlierer öffentlicher Auseinandersetzungen hinsichtlich der Reputation war bedauerlicherweise der VfB. Wir sollten den Punkt abschließen und nicht immer und immer wieder diskutieren, denn es ist hinlänglich von allen, alles gesagt. Der VfB braucht Ruhe und damit ist der Punkt für mich beendet.

Mit dem Vorsitz und einem weiteren Sitz im Aufsichtsrat hat das Präsidium auch die Aufgabe, den Vorstand der AG zu beraten und zu kontrollieren. Wie würden Sie im Falle Ihrer Wahl diese Aufgabe interpretieren?

Die Kompetenzen dieser Organe und die konkreten Aufgaben und Pflichten des Vorstandes gegenüber dem Aufsichtsrat sind im Aktiengesetz klar definiert und in der Satzung und den Geschäftsordnungen für Vorstand und Aufsichtsrat eindeutig geregelt. Da gibt es auch für den Präsidenten keinen Interpretationsspielraum.

Der VfB-Präsident ist Aufsichtsratsvorsitzender in der AG und natürlich ein wichtiger Repräsentant der Profimannschaft. In dieser Funktion hat der Präsident ein Veto-Recht bei Entlassung oder Einstellung eines Trainers. Wie das Vetorecht allerdings in der Geschäftsordnung definiert und ausformuliert ist, kann ich abschließend noch nicht bewerten, da die Geschäftsordnung in diesem Bereich leider nicht öffentlich einsehbar ist.

Der Aufsichtsrat hat im Wesentlichen zwei Hauptaufgaben: Er prüft und genehmigt die vorgelegten Finanzpläne und kontrolliert den Vorstand und benennt und entlässt die Vorstands-Mitglieder. Es ist dem Aufsichtsrat gesetzlich beispielsweise nicht erlaubt, unmittelbar in Personalentscheidungen oder andere Entscheidungen des operativen oder sportlichen Bereichs einzugreifen. Die operative Zuständigkeit liegt beim Vorstand der AG.

Ungeachtet der momentan erfreulichen sportlichen Entwicklung haben die Verantwortlichen in der Vergangenheit viele falsche Entscheidungen getroffen und dem Ansehen des VfB geschadet. Wie wollen Sie verhindern, dass Ähnliches in Zukunft wieder passiert?

In der Regel macht keiner freiwillig Fehler und bedauerlicherweise lassen sich Fehler auch nicht gänzlich verhindern. Allerdings sollte nach einem Fehler eine ausführliche, sachliche und transparente Analyse stattfinden, um Wiederholungen zu vermeiden.

„Alles beim Alten zu lassen ist keine Lösung.“

Wir müssen uns beim VfB die Frage stellen, wie wir auf allen Ebenen zu einem produktiven Umgang mit Fehlern kommen und unsere Regeln nachjustieren – das Stichwort lautet richtigerweise Fehlerkultur. Aber wir müssen sicherlich auch analysieren, welche strukturellen und organisatorischen Probleme beim VfB bestehen und welche Strukturen wir etablieren müssen – Stichwort Compliance – damit fehlerhaftes Verhalten unwahrscheinlicher wird. Darüber würde ich mit allen Gremien besonnen diskutieren und entscheiden. Bei mir steht das auf der Agenda. Alles beim Alten zu lassen ist jedenfalls keine Lösung.

Der Ankerinvestor ist im Aufsichtsrat mit zwei Sitzen vertreten, obwohl er nur 11,75% der Anteile an der VfB AG hält. Ist der Einfluss der Daimler AG auf den VfB zu groß?

Eindeutig nein. Das aktuelle Stimmenverhältnis mit 2:7 ergibt keine Mehrheit des Investors. Ich kann die Diskussion deshalb nicht nachvollziehen. Einerseits wünscht man sich starke Investoren und möchte weitere Finanzquellen durch zusätzliche Investoren erschließen. Andererseits wird das Engagement der Daimler AG bei Teilen der Mitglieder des VfB sehr kritisch diskutiert. Das macht die Suche nach neuen Investoren nicht einfacher.

Das könnte der Hauptgrund sein, dass es heißt, wir finden in unserer wirtschaftlich starken Region, die auch reich ist an führenden Familienunternehmen ist, niemanden, der bereit ist zusätzlich unseren wunderbaren Verein zu unterstützen. Ich bin überzeugt, der wahre Grund, warum wir derzeit niemanden finden ist, dass die öffentlich ausgetragenen Querelen auch um Daimler andere potenzielle Investoren abschrecken. Ich bin überzeugt, dass sich mögliche strategische Partner derzeit mit einem Engagement schwertun, weil keiner weiß, was in dem Überraschungsei VfB auch anderweitig wieder hochkommt. Die Unruhe in den letzten Jahren war ein großer Hemmnis-Faktor für potenzielle Partner hier aus der Region.

„Wir sollten dem Konzern für sein Engagement dankbar sein.“

Zur Wahrheit gehört aber auch, ohne die Stabilität durch die Daimler AG hätte der VfB die beiden Abstiege im Vergleich zu anderen Abstiegsvereinen niemals so glimpflich überstehen können. Viele Vereine, dazu zählt auch der BVB, beneiden den VfB um seine Verbindung zur Daimler AG. Wir sollten dem Konzern für sein Engagement dankbar sein und Kritik am Unternehmen nicht an einem einzelnen Vertreter festmachen. Auch das schadet am Ende nur dem VfB.

Einige Mitglieder des AR sind schon sehr lange in diesem Gremium vertreten. Dadurch entsteht die Gefahr von Verkrustungen. Wünschen Sie sich an dieser Stelle eine Auffrischung?

Über die Zusammensetzung des Aufsichtsrates entscheiden die Eigentümer der AG. Aufgrund einiger aktuellen Unternehmens- und Vereinsentwicklungen rechne ich damit, dass einige Positionen des nächstgewählten Aufsichtsrats neu besetzt werden. Somit werden wir sehr wahrscheinlich neue Gesichter im Aufsichtsrat sehen.

Sie betonen immer wieder, dass Sie sich für ein Amt bewerben, aber nicht gegen Claus Vogt antreten. Am Ende müssen sich die Mitglieder trotzdem für einen der beiden Kandidaten entscheiden. Was haben Sie, was Herr Vogt nicht hat?

Es steht mir nicht zu, zu sagen was Herr Vogt nicht hat. Aber gerne mache ich deutlich, wofür ich stehe: Durch meinen beruflichen Werdegang in unterschiedlichen Unternehmen und in der Stiftungsarbeit bringe ich erprobte Managementfähigkeit in Leitungsfunktionen mit sowie praktische Marketing-Qualifikationen und -Erfahrungen. Dank meiner Stiftungstätigkeit habe ich zudem profunde Kenntnisse im gemeinnützigen Bereich und verfüge über ein großes Netzwerk, das alle gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Bereiche umfasst.

„Ich kann einen aktiven Beitrag zu einem besseren Miteinander leisten.“

Zwei gesellschaftsrechtliche Konstellationen sind beim VfB in etwa vergleichbar mit der Stiftungsarbeit: Das komplexe Verhältnis zwischen einer gemeinnützigen Einrichtung wie dem VfB e.V. und einer Kapitalgesellschaft wie der VfB AG. Den Spagat, den man zwischen den beiden Polen machen muss, zwischen ehrenamtlichen engagierten Vereinsmitwirkenden und den bezahlten Angestellten in der AG. Das kenne ich und kann hier einen aktiven Beitrag zu einem besseren und produktiveren Miteinander leisten.

Wir brauchen beim VfB neben klaren Organisationsstrukturen auch eine neue Umgangskultur. Der Respekt eines jeden Einzelnen ist mir wichtig. Ich suche aktiv den Dialog mit allen und versuche auch zwischen den einzelnen unterschiedlichen Interessen zu vermitteln. Man muss die Kunst beherrschen, sich in die andere Seite und vor allem auch, sich in die Gegenseite hineinzuversetzen und deren Position zu verstehen. Nur dadurch findet man in Konflikten auch Lösungen und kann ein stabiles Fundament aufbauen.

Und zu guter Letzt: Ein gewählter Amtsträger, gleichgültig in welcher Position oder Organisation, ist kein König, sondern ein Diener derer, denen er vorsteht, und das sind alle! Von den Mitgliedern über die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter bis zu den Vorständen der AG. Das ist meinem Verständnis für die Rolle des VfB-Präsidenten.

Vielen Dank noch einmal an Herrn Steiger für seine Bereitschaft, die Fragen so ausführlich zu beantworten. In den kommenden Wochen werden wir die Möglichkeit haben, die Positionen der beiden Kandidaten bei verschiedenen Veranstaltungen zu hinterfragen und uns eine Meinung zu bilden. Am 18. Juli sind dann alle wahlberechtigten Mitglieder dazu aufgerufen, an der Mitgliederversammlung teilzunehmen und ihre Stimme abzugeben.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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