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Auf der Sympathiewelle

Noch bevor die erste Kerze auf dem Adventskranz brannte, durften die VfB-Fans schon drei Türchen ihres Adventskalenders öffnen. Die strahlenden Gesichter ihrer Lieblinge González und Endo kamen zum Vorschein, am Freitag dann engelsgleich Borna Sosa. Doch seit wann führen Vertragsverlängerungen an der Mercedesstraße zu allgemeiner Glückseligkeit?

Zur Erinnerung: Die Unterschriften von Korkut und Badstuber unter verbesserte Arbeitspapiere gelten heute als erste Schritte auf dem Weg in den Abgrund. Das war im Sommer 2018. Der eine musste drei Monate später seine Sachen packen, der andere präsentiert sich inzwischen vornehmlich auf Instagram als teuerster Freizeitkicker aller Zeiten.

Die drei aus dem Adventskalender weisen allerdings zwei Eigenschaften auf, die ein anderes Licht auf die Sache werfen: Sie sind entwicklungsfähig und begehrt. Der Deal könnte ungefähr so lauten: Wir legen ordentlich was auf euer Gehalt drauf, dafür halten wir bei zu erwartenden Anfragen die Zügel in der Hand. Mit einem González-Transfer könnte man beispielsweise auf einen Schlag die roten Zahlen der VfB AG aus dem laufenden Geschäftsjahr ausgleichen. Nicht romantisch, aber durchaus clever.

Zudem sorgen die vorweihnachtlichen Videobotschaften aus der Führungsetage für Wohlbehagen. Der VfB kommuniziert proaktiv mit seinen Mitgliedern und Fans und bringt dabei so etwas wie Wertschätzung rüber. Vor nicht allzu langer Zeit wäre das der Schenkelklopfer eines jeden VfB-Fanabends gewesen.

Claus Vogt betont den Zusammenhalt und bittet um die Verschiebung der ordentlichen Mitgliederversammlung 2021. Die beiden letzten Events hätten ein großes Loch in die Vereinskasse gefressen. Aber wäre es dann nicht klüger, die Gremien zeitnah so zu besetzen, dass außerordentliche Versammlungen und teure Anwälte künftig gar nicht mehr nötig werden? Der ganze Ärger ist dem Verein ja nicht zufällig auf den Kopf gefallen. Beim Thema Datenschutz gibt sich der Präsident pflichtbewusst, ohne viel zu sagen. Thomas Hitzlsperger erwähnt das leidige Thema erst gar nicht. Dabei verdankt die AG den zweifelhaften PR-Kampagnen ja genau genommen ihre Existenz. Manchmal sind die Dinge, die nicht gesagt werden, aussagekräftiger als die Ansprache selbst.

Ein weiteres Zuckerl für alle Taktikfans bietet Trainer Matarazzo auf der Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen die Bayern, als er mit einem jungen Journalisten in eine Fachdiskussion über In-Game-Coaching und taktische Reife einsteigt. Man merkt ihm an, dass auch intern intensiv über das Thema debattiert wurde, und er es keinesfalls als Majestätsbeleidigung auffasst. Über die Entwicklung seiner Mannschaft spricht Rino einfach gerne, es sei denn, über Nachwuchsspieler, die von außen zu stark gehypt werden. Da bekommt Li Egloff schon einmal den öffentlichen Auftrag, an seiner Fitness zu arbeiten, während sich Mo Sankoh eine Erwähnung erst verdienen soll.

Während vorweihnachtliche Lobeshymnen über den neuen Weg des VfB einsetzen, pulverisieren sich andernorts ambitionierte Traditionsvereine selbst. Wie lange ist es her, dass der hoch eingeschätzte David Wagner mit einer jungen Truppe eine tolle Hinrunde spielte und auf Platz 5 der Tabelle stand? Schalke 04 – vom heißen Scheiß zum Failed Club in einem guten halben Jahr. Rassismus-Skandale und Provinzpossen inklusive. Es sollte uns eine Warnung sein.

Der VfB steht nämlich erst am Beginn einer Entwicklung, die nach langer Durststrecke zarte Hoffnung weckt. Aber noch ist nichts erreicht. 11 Punkte nach 9 Spielen sind okay, aber kein Polster, auf dem man sich ausruhen kann. Heute las ich, man müsse mit der Leistung gegen die Bayern auch einfach mal zufrieden sein. Widerspricht nicht gerade diese Haltung dem Leistungsgedanken, der in Cannstatt so dringend wieder etabliert werden muss? Für gutes Mitspielen gibt es im Fußball leider keine Punkte. Je früher die junge Mannschaft das begreift, desto besser.

Auf einer Sympathiewelle schwebt der VfB also in den Advent. Ambitionierte Projekte gibt es viele: Klassenerhalt, Entwicklung junger Spieler, Umsetzung eines nachhaltigen Gesamtkonzepts und nicht zuletzt die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit des Clubs. Wenn die Verantwortlichen schön ein Türchen nach dem anderen öffnen, stehen die Chancen auf eine bessere Zukunft nicht schlecht. Dazu müssen sie aber der Strategie der kleinen Schritte und leisen Töne treu bleiben. Das Christkind lässt grüßen.

VfB – FC Bayern München 1:3

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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