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Der Junge aus Belén de Escobar

Was für ein Tor! Flanke Didavi, Kopfball González – Latte, Nachschuss Silas – Pfosten, wieder Silas – 2:1. Alle jubeln, doch Nico González schreit vor Schmerz. Es ist nicht genau zu erkennen, ob er nach seinem gewaltigen Sprung zum Kopfball unglücklich aufkommt, oder ob der auf ihn stürzende Verteidiger sein Knie verletzt. Innenbandanriss lautet später die Diagnose. Zwei bis drei Wochen Pause ausgerechnet für den argentinischen Shooting-Star, der zurzeit die wohl beste Phase seiner jungen Karriere erlebt.  

Foto: Tom Weller/dpa

Ende August wollte ich den Artikel endlich raushauen. „Should he stay or should he go?“ überschrieb ich meine González-Story, die schon seit anderthalb Jahren in der Pipeline steckte. Bevor der Junge wechselt, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, ihn wenigstens einmal zu besingen. Der erste Satz:

Wenn es in der abgelaufenen Spielzeit beim VfB Stuttgart einen Helden gibt, dann Nicolás González.“

Als sich abzeichnete, dass der Transfer doch nicht zustande kommen würde, ließ ich den Artikel wieder in der Schublade verschwinden. Zum dritten Mal. Der erste Textentwurf aus dem Januar 2019 trug den Titel: „Wann zündet „El Turbo?“. Im Juni 2020 überarbeitete ich ihn: „El Turbo auf Hochtouren“.

Seit seiner Verpflichtung fasziniert mich dieser Spieler. Er spielt einfach immer so gut, wie er kann. Man kann ihm Übereifer oder fehlende Cleverness vorwerfen, aber ganz sicher nicht den unbedingten Willen, alles zu geben. Die Diskussionen über seinen Abgang im Sommer tun weh. Erst Santi und dann auch noch Nico?

„Ich brauche frische Luft. Ich möchte Stuttgart verlassen“, wurde er auf einem italienischen Sportportal zitiert. Sein Vertrag beim VfB läuft noch bis 2023, stellte Mislintat daraufhin entspannt fest. Die Angebote müssten finanziell schon sehr attraktiv sein, damit man überhaupt darüber nachdenke.

Halten oder abgeben? Viele VfB-Fans hatten González die vergebenen Großchancen und die dumme Abseitsstellung aus der Relegation noch nicht vergeben. 20 Mio. Ablöse für einen unfertigen Spieler wie ihn, empfand auch ich als angemessenes Trostpflaster. Andere warnten, dass es schwierig werde, einen Ersatz mit ähnlichen Qualitäten zu verpflichten.

Um das Phänomen González zu verstehen, müssen wir uns auf eine Zeitreise in den Sommer 2018 begeben.

Eine Delegation des kleinen Vereins Argentinos Juniors reist nach Stuttgart. Angeführt von dem stolzen Präsidenten Cristian Malaspina begleiten sie „ihren Jungen“ zu seinem neuen Arbeitgeber und nehmen den höchsten Transfererlös der Vereinsgeschichte in Empfang. 8,5 Mio. Euro legt der VfB für die Dienste des 20-jährigen Nicolás Iván González auf den Tisch.

Der aus der Metropole Buenos Aires stammende Club hat zuletzt vor 36 Jahren einen so lukrativen Transfer abgewickelt. Damals wechselte kein geringerer als Diego Armando Maradona für 8 Millionen Dollar zum FC Barcelona. Auch für die Schwaben ist das Geschäft mit Señor Malaspina nicht alltäglich, handelt es sich doch (zu diesem Zeitpunkt) um die zweithöchste Summe, die der VfB je für einen Spieler bezahlt hat.

Wisst ihr noch, wer die Reisegruppe aus Argentinien seinerzeit in Empfang nahm?

Michael Reschke ist voll und ganz von dem argentinischen Stürmer überzeugt, warnt jedoch schon damals vor überzogenen Erwartungen: „Wir müssen und werden ihm Zeit zum Reifen geben und dürfen in den ersten Monaten nicht zu viel von ihm erwarten.“

An diese Worte hätte man Trainer (Achtung: Plural!), Verantwortliche (dito), Journalisten und Fans in der Premierensaison gerne häufiger erinnert. Aber es kam, wie es beim VfB meistens kommt.

Ein halbes Jahr später schlägt der Sportvorstand zusammen mit knapp 60 000 im Spiel gegen Schalke die Hände vors Gesicht, als González aus 18 Metern das leere Tor nicht trifft. „Der Junge ist in Abschlusssituationen verunsichert.“ Schon im Heimspiel gegen Bremen verpasste der junge Angreifer mehrere glasklare Einschussmöglichkeiten und brach nach Abpfiff auf dem Platz in Tränen aus.

Dabei kann sich die Bilanz für seinen argentinischen Heimatclub durchaus sehen lassen: 11 Tore in 44 Spielen, darunter das entscheidende 1:0 gegen Gimnasia de Jujuy zum Aufstieg in die erste Liga. Bereits mit 18 Jahren feierte er sein Debüt in der Primera B Nacional und überzeugte seine Trainer mit unermüdlichem Einsatz sowie Vielseitigkeit: Stoßstürmer, Links- oder Rechtsaußen, hängende Spitze. Seine Treffer in den Testspielen gegen Sandhausen und Illertissen sowie die im Internet kursierenden Zusammenschnitte seiner schönsten Tore zeigen durchaus eindrucksvoll, dass seine Kopfballstärke und der beidfüßige Abschluss den Gegnern Respekt einflößen können.

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Bei seiner fußballerischen Ausbildung wurde offensichtlich versäumt, dem talentierten Kicker zu erklären, dass auch bei direkten Freistößen die Abseitsregel gilt. Vor dem Tor rumhampeln gilt nur auf dem Bolzplatz.

„Ich habe von Kindesbeinen an gelernt, dass ein paar Tritte und blutige Schrammen im Fußball einfach dazugehören. Mich wirft das nicht um.“ Bei wenigen Spielern klingen diese Sätze so glaubwürdig wie bei Nico González. Der Ronaldinho-Fan wurde in der 170 000 Einwohner Stadt Belén de Escobar 50 km von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt geboren und war schon als Teenager oft mehr als eine Stunde mit dem Zug zum Training unterwegs. Er weiß, dass es im modernen Fußball nur wenige schaffen, an die Spitze zu kommen.

Heute spielt er an der Seite eines Mario Gomez, der im internationalen Fußball schon so einiges erlebt hat. „Früher an der Playstation war ich selbst oft Gomez, jetzt sind wir Kollegen.“ Es trifft sich gut, dass Mario Spanisch spricht und die Mate-Tee-Fraktion in der Mannschaft dem Hoffnungsträger die Integration erleichtert: Santi Ascacibar nimmt ihn die ersten Wochen in seiner Wohnung auf, Pocho Insua und die Familie Sessa verhindern mit ihren argentinischen Grillabenden, dass zu viel Heimweh aufkommt.

Grüße an die Banda Argentina gehen raus nach Kalifornien, Berlin und Kaiserslautern.

Auf dem Spielfeld muss sich „El Turbo“, wie er von seinen Landsleuten gerufen wird, allerdings alleine durchsetzen. Und das fällt ihm in der Hinrunde nicht leicht. An die Geschwindigkeit, die erforderliche Passgenauigkeit und taktischen Anforderungen in der Bundesliga gewöhnt sich González nur langsam. Zu häufig ist sein erster Kontakt unsauber, sodass er Bälle nicht verarbeiten kann, immer wieder verpasst er den richtigen Moment zum Abspiel und verheddert sich in unnötige Zweikämpfe.

Wenig hilfreich für den Anpassungsprozess sind dabei auch die allgemeine Verunsicherung der Mannschaft und die dünne Personaldecke, was dazu führt, dass er häufig auf der ungewohnten linken Mittelfeldposition defensive Aufgaben übernehmen muss und selten in Abschlusssituationen kommt. „Ich sehe ihn auf der linken Seite, wo er seine Lauf- und Zweikampfstärke einbringen kann. Ein junger Spieler sollte nicht zu oft die Position wechseln“, verteidigt Weinzierl seine Entscheidung. Erste Stimmen werden laut, die seine Entwicklungsmöglichkeiten beim VfB kritisch sehen.

 „Ich bin natürlich hierher gekommen, um wie schon in Argentinien Mittelstürmer zu spielen. Aber der Trainer entscheidet, wo und ob ich überhaupt spiele“, ließ González seinerzeit in einem Pressegespräch wissen. Und er formulierte selbstbewusst seine Erwartungen für die Rückrunde: „Sieben Tore wären schön.“

Es wurde genau eins, bei der Niederlage im ersten Spiel gegen Mainz.

Eines lässt sich bei der Personalie González sicher nicht abstreiten: Er hat Charakter und ist hart im Nehmen. Bereits VfB-Scout Markus Lösch wusste seinerzeit zu berichten, dass „diesem jungen Kerl ganz schön auf die Socken gestiegen wird“, er aber auch nach härtesten Attacken immer wieder aufsteht, um den nächsten Sturmlauf zu starten.

Diese Eigenschaften in Verbindung mit seiner großen Liebe zum Fußball sprechen dafür, dass sich das Talent aus Belén de Escobar früher oder später auch in der Bundesliga durchsetzen wird. Hilfreich wäre dabei sicher, wenn sich die VfB-Verantwortlichen daran erinnern würden, dass ein junger Spieler behutsam aufgebaut werden muss. Er soll schließlich nicht umsonst vor jedem Spiel den Ball küssen und auch nach seiner ersten Saison in der Fremde noch sagen: „Fußball ist das Schönste, was es gibt.“

Doch die Gemütslage unserer Nummer 22 war nach dem Scheitern in der Relegation eine völlig andere. Er hätte sich wohl am liebsten vergraben oder wäre zu seinen Argentinos Juniors zurückgekehrt. Die Entscheidung trotz allem in Stuttgart zu bleiben, sollte sich dann in der folgenden Zweiligasaison auszahlen.

González hat in den vergangenen anderthalb Jahren nämlich bewiesen, dass sich beim VfB doch noch junge Talente entwickeln können, auch wenn er diesen Weg eher trotz der Umstände beim Verein gegangen ist. Was Einsatz- und Siegeswillen betrifft, spielt Nico schon lange in der ersten Liga, in punkto Abgeklärtheit und Entscheidungsfindung hat er inzwischen viel dazugelernt.

Weltspitze, nicht weniger ist sein Anspruch. Lionel Scaloni hat ihn bereits mehrfach in den Kader der A-Nationalmannschaft berufen, nachdem González im Sommer 2019 mit der U23 Gold für sein Heimatland bei den Panamerikanischen Spielen geholt hatte. Die beiden Tore für die Albiceleste von vergangener Woche dürften das Selbstbewusstsein von „El Turbo“ auf eine neue Stufe gehoben haben. Die großen Clubs des europäischen Fußballs müssen das Ziel sein, wenn man sich auf Dauer in einer der besten Auswahlmannschaften der Welt etablieren möchte. Stuttgart ist da nur eine Durchgangsstation.

Allerdings gab es letzten Sommer auch gute Gründe, noch ein Jahr beim VfB dranzuhängen. Gonzalez ist bei Matarazzo gesetzt und trifft jetzt auch regelmäßig in der Bundesliga. Außerdem kann er im kommenden April die Scharte an der Alten Försterei auswetzen und sich vor hoffentlich voll besetzten Tribünen die Finger in die Ohren stecken. So ist das nun einmal heute: Bevor man den Namen der Spieler zum ersten Mal hört, posten sie schon Insta-Stories wie die Weltmeister, und bevor sie richtig trocken hinter den Ohren sind, haben sie schon ihren Signature-Jubel.

Nico González ist an diesem sonnigen Novembernachmittag in Sinsheim nur der humpelnde Abgang nach 30 Minuten vergönnt, in denen er aber einen Hauch von Messi durch die PreZero-Arena wehen ließ. Das präzise abgeschlossene Solo zum Ausgleich darf er in seine Bewerbungsmappe legen, die sich im kommenden Sommer auf dem Schreibtisch mancher Spitzenclubs wiederfinden wird. Bis dahin wollen wir gemeinsam mit dem Jungen aus Belén de Escobar aber noch viele Tore im Brustring bejubeln. Dafür stecke sogar ich mir gerne die Finger in die Ohren.

TSG Hoffenheim – VfB Stuttgart 3:3

Foto: Tom Weller/dpa

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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