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Gestörte Harmonie

Neu ist es nicht, dass beim VfB Informationen aus einer vertraulichen Sitzung den Weg in die Presse finden. Dass auf Grundlage eines wahrscheinlich gezielt gestreuten Gerüchts ein ausführliches Zeitungsinterview mit den Schlagwörtern „neuer Machtkampf“ und „der VfB am Scheideweg“ erscheint, ist dann aber selbst für die Intrigenmeister vom Neckar bemerkenswert.

Abgetaucht

Seit der Mitgliederversammlung im Juli hat man vom neu gewählten Präsidium des VfB, das gleichzeitig drei Posten im Aufsichtsrat besetzt, in der Öffentlichkeit nicht viel gehört. Dabei stehen einige wichtige Entscheidungen an.

Wie soll beispielsweise der Aufsichtsrat künftig aussehen? Nach dem Rücktritt von Wilfried Porth ist der Sitz des Ankerinvestors vakant. Es würde durchaus Sinn machen, ihn neu zu besetzen, bevor in der Frage des Vorstandsvorsitzes eine Entscheidung getroffen wird. Ob die darüber hinaus kursierenden Namen zur Ergänzung des Gremiums mehr sind als Stochern im Nebel, darf bezweifelt werden. Cem Özdemir kümmert sich künftig eher um Agrarpolitik, während Günther Oettinger damit beschäftigt ist, hoch und heilig zu beteuern, dass seine zahlreichen neuen Posten überhaupt nichts mit seiner ehemaligen Rolle als EU-Haushaltskommissar zu tun haben.

Immerhin wissen wir seit den exklusiven Informationen aus der Sport-Bild, dass der Aufsichtsrat tagt und dabei auch über das derzeit wichtigste vereinspolitische Thema berät: Wer soll auf Thomas Hitzlsperger als Vorstandsvorsitzender der VfB AG folgen? Auch Sven Mislintat hat Zeitung gelesen und fühlte sich daraufhin bemüßigt, der Lokalpresse ausführlich seinen Standpunkt mitzuteilen. Ein Hilferuf, sagen die einen, die unselige Fortsetzung der öffentlichen Diskussion interner Themen, kritisieren die anderen. Die Vereinsführung will sich bisher nicht dazu äußern und gerät dadurch einmal mehr unter Druck.

Der unsichtbare Sportvorstand

Auch wenn die Öffentlichkeit kaum etwas davon mitbekommt, bekleidet Hitzlsperger neben dem Vorstandsvorsitz auch den Posten des Sportvorstands. Selbst intern muss man anscheinend erst einmal überlegen, welche Lücken im sportlichen Bereich durch seinen Abschied entstehen.

Mislintat antwortet wie so oft: Wir können das aus der Gruppe heraus lösen. Gruppe bedeutet in diesem Fall: Markus Rüdt, Direktor Sportorganisation und schon im NLZ Hitzlspergers rechte Hand, Thomas Krücken, NLZ-Direktor und ausgewiesener Fachmann für Nachwuchsentwicklung, und er selbst, der mächtige Entscheider in sportlichen Fragen.

Mislintat fordert aber ausdrücklich nicht, das Amt des Sportvorstands selbst zu übernehmen. Aus Bescheidenheit? Oder wäre es ihm am liebsten, wenn er weiterhin seine Funktion als Sportdirektor mit weitreichenden Befugnissen ausüben könnte, während sich andere mit dem nervigen Verwaltungskram herumschlagen?

Das Vorgehen hat sich aus seiner Sicht bewährt: Er entscheidet, ein Strohmann leistet als Vorstand die nötigen Unterschriften. Dass der Aufsichtsrat zögert, dieses Modell zu institutionalisieren, ist nachvollziehbar.

Was dem meinungsstarken Sportdirektor offensichtlich nicht gefällt, ist das Gerücht über einen neuen, eigenständigen Vorstand Sport. Er selbst hat sich seine Rechte und Freiheiten zwar längst schwarz auf weiß geben lassen, aber eine solche Person hätte ja sicher eine profunde Expertise und in manchen Fragen vielleicht auch eine abweichende Meinung. Das könnte die Harmonie der Gruppe stören, in der Mislintat bisher der uneingeschränkte Platzhirsch ist.

Darf der Aufsichtsrat also über die Position des Sportvorstands beraten, ohne den Sportdirektor bei jedem Schritt einzubinden? Selbstverständlich ist das Gremium einem Angestellten keinerlei Rechenschaft schuldig, allerdings sollte man die Befindlichkeiten eines funktionierenden Teams nicht ignorieren. Im Grunde ist es wie beim Jenga: Du musst ein Stäbchen rausziehen, ohne dass der ganze Turm zusammenkracht.  

Der herbeigeschriebene Machtkampf

Nach den vor Jahresfrist öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten zwischen AG und Verein sind die Glutnester noch nicht ganz erloschen, da gießt ein Feuerteufel wieder Öl in die Flammen. Er ruft laut „Machtkampf“ – und wundert sich hinterher, dass schon wieder über einen Machtkampf gesprochen wird. Wer aber profitiert von der neuerlichen Unruhe?

Sicher nicht die Anhänger, die sich tapfer durch eine sportliche Durststrecke gequält haben. Auf einmal beginnen wieder die kindischen Kabbeleien: Wenn du zwischen Mislintat und Vogt entscheiden müsstest, wen würdest du wählen? Alte Animositäten werden gepflegt und die jeweiligen Heiligenbilder poliert. Ein Profiklub ist aber kein Autoquartett, wo eine Karte die andere aussticht. Eine solide und nachhaltige Entwicklung ist nur im Verbund von AG und Verein möglich. Öffentliche Forderungen und herbeigeschriebene Konflikte sind dabei alles andere als hilfreich.

Bislang gibt es auch keine Anzeichen dafür, dass der Aufsichtsrat hinter den Indiskretionen stecken könnte. Im Gegenteil, das Präsidium und der Aufsichtsrat haben immer wieder bekräftigt, dass sie gerne mit den sportlich Verantwortlichen weiterarbeiten möchten.

Auffällig ist, dass plötzlich wieder Stimmen auftauchen, die seit der Mitgliederversammlung verstummt sind. Alte Vorwürfe gegen Claus Vogt werden aufgewärmt, die immer gleichen Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Gunter Barner hätte seine helle Freude und bestimmt gleich eine Anektdote über geklaute Fanschals auf Lager.

Ob sich Mislintat mit dem Interview einen Gefallen getan hat, wird sich zeigen. Seine Identifikation mit dem von Hitzlsperger und ihm initiierten Projekt ist zweifellos riesig. Dass er zur Durchsetzung der eigenen Interessen das Aufbrechen der alten Konflikte in Kauf nimmt, zeigt allerdings, dass ihm ein geschlossenes Auftreten des Klubs insgesamt nicht so wichtig ist. Man könnte auf die Idee kommen, dass er sich und sein Projekt mehr liebt als den VfB.

Kommunikation ohne Umwege

Der Verkauf weiterer Anteile sei für den VfB überlebenswichtig, betont Mislintat im Interview und sieht hier offensichtlich den Präsidenten in der Pflicht. Ob er weiß, dass für eine Kapitalerhöhung in erster Linie der AG-Vorstand zuständig ist? Wahrscheinlich schon, aber in der AG schiebt man dieses schwierige Thema gerne anderen zu und begibt sich selbst in die Opferrolle.

Indiskretionen, öffentlich gestellte Forderungen und bereitwillige Anheizer an der Seitenlinie bringen den VfB zur Adventszeit wieder einmal in unruhiges Fahrwasser. Der mit großer Mehrheit im Amt bestätigte Präsident und der Aufsichtsrat sollten dafür sorgen, dass ihnen die Lage nicht aus den Fingern gleitet. Sie könnten zum Beispiel damit beginnen, Mitglieder und Fans regelmäßig über den aktuellen Stand der Projekte und Entscheidungsprozesse zu informieren. Natürlich ohne den Umweg über das Pressehaus in Möhringen zu nehmen.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

2 Kommentare

  • Thomas Obermüller

    „Ob er weiß, dass für eine Kapitalerhöhung in erster Linie der AG-Vorstand zuständig ist?“
    Ist das so? Eine Kapitalerhöhung liegt meines Erachtens hier nicht vor. Es geht darum, Anteile an der AG zu einem zu verhandelnden Preis zu verkaufen. Da sehe ich in erster Linie den Eigentümer der Anteile zuständig und das ist der e.V.
    Da es aber auch für die AG von Bedeutung ist, wer ihre Anteilseigner sind, sollte der neue Anteilseigner selbstverständlich vom e.V. und der AG gemeinsam ausgesucht werden.

    • reybucanero74

      Danke für den Kommentar!

      Beim Verkauf von weiteren Anteilen würde es sich um eine Kapitalerhöhung handeln. Das habe ich mir mal von Leuten sagen lassen, die mehr davon verstehen als ich. Natürlich ist ein solches Geschäft zustimmungspflichtig, das heißt, der AR muss sein Ok geben. Insofern sind AG-Vorstand und Vereinspräsidium gefordert. Das Thema zu benutzen, um weiteren Druck auf den AR auszuüben, halte ich für kontraproduktiv.

      Grüße!

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