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Verein für Wechselbäder der Gefühle

Die Aufstiegssaison unter Trainer Hannes Wolf wird gerne verklärt. Am liebsten erinnern wir uns an den frühsommerlichen Tag im Mai, als ausgerechnet Zimbo gegen Würzburg den Bann brach und Maxim auf dem Dach der Ersatzbank tanzte. Das Gastspiel in Fürth an einem nasskalten Samstag im März werden die meisten verdrängt haben. Kaminski – Pavard – Baumgartl hieß damals die Dreierkette, im Angriff bekamen Ginczek, Mané und Terodde kaum ein Bein auf den Boden. Ja, genau der Terodde, nach dem heute so mancher ruft, der angesichts der schlechten Chancenverwertung verzweifelt. Jetzt also das Déjà-vu: Wieder reist der VfB mit einer Serie im Rücken nach Fürth, wieder wähnt man sich auf direktem Weg in die Bundesliga – und wieder geht es in die Hose.

Im Spiegel der Hinrunde

Angesichts der guten Bilanz unter Pellegrino Matarazzo wurde bereits der Umschwung besungen: Eine stabil wirkende Mannschaft besiegt in Bochum ihren Auswärtsfluch und gewinnt zu Hause endlich souverän. Aber ihr wisst, wie das beim VfB mit der Selbstzufriedenheit ist. Selbst die kleinste Dosis wirkt wie ein lähmendes Gift.

Vergleicht man die Bilanz der ersten sieben Spiele der Hinrunde mit der Rückrunde, kommt man zu einem durchaus interessanten Ergebnis: Unter Trainer Tim Walter standen Ende September 17 Punkte und 13:7 Tore zu Buche, in der Rückrunde sind es 14 Punkte bei 12:5 Toren. Ebenfalls auffällig: Gegen die Kleeblätter bekam die Mannschaft schon im Heimspiel keinen Zugriff und schrammte mit viel Glück an der ersten Saisonniederlage vorbei. Die gab es jetzt für Matarazzo, dessen Spielplan gegen das hohe Pressing der Hausherren nicht aufging. Auch wenn der VfB laut Mislintat „die erste Hälfte aufgrund der Chancenvielzahl, die wir uns erarbeitet haben, klar gewonnen“ habe, darf sich am Ende niemand ernsthaft beschweren, dass man erneut mit leeren Händen aus der Denkmalstadt heimkehrt.

Rückkehr der Routiniers

Nicht wenige schielten schon vor dem Auswärtsspiel in Fürth auf das Duell mit dem Tabellenführer und fürchteten aufgrund einer drohenden Gelbsperre um unsere Abwehrformation. Die aus der Not geborene Dreierkette um Atakan Karazor, der glücklicherweise keine Verwarnung erhielt, hat in den vergangenen Spielen insgesamt sehr solide verteidigt, doch jetzt melden sich Badstuber und Kaminski wieder einsatzbereit. Zwei erfahrene Abwehrrecken mit starkem linken Fuß, Lufthoheit und guter Spieleröffnung. Auch die offensiven Außen haben ihre Sache zuletzt nicht schlecht gemacht. Allerdings könnte Massimo, seiner uninspirierten Leistung in Fürth nach zu urteilen, eine Pause vertragen und bei Silas bleiben in der Rückwärtsbewegung viele Wünsche offen. Soll Matarazzo ausgerechnet gegen den besten Angriff der Liga die Abwehrkette umstellen? Wenn ich Trainer wäre, würde ich Nat Phillips eine Pause gönnen und die Erfahrung eines Holger Badstuber in die Waagschale werfen. Pascal Stenzel könnte dann wieder auf seine angestammte rechte Seite zurückkehren. Aber ehrlich gesagt beneide ich unseren Gentleman an der Seitenlinie nicht um diese Entscheidung.

Die unendliche Geschichte

Chancenverwertung ist spätestens seit dem Spiel gegen den SV Wehen-Wiesbaden ein Reizwort in Bad Cannstatt. Nichts wünschen wir uns sehnlicher als einen echten Knipser. Eine Wiedergeburt des Harry Decheiver. Eigentlich sind Mario Gomez oder Hamadi Al Ghaddioui für diese Rolle vorgesehen, aber gerade einmal 11 Tore aus 24 Spielen – für beide zusammen wohlgemerkt – sind eine unbefriedigende Bilanz. Den gleichen Wert weisen die Nachwuchshoffnungen Silas Wamangituka und Nicolas González auf. Sie bringen zwar viel Talent und Geschwindigkeit, aber wenig Kaltschnäuzigkeit im Abschluss mit. Und so blieb auch in Fürth die drängende Frage unbeantwortet: Wer soll denn die Tore schießen? Wenn ich mir die Abschlüsse von Silas (4., 67.), Didavi (9.), Mangala (21.), Al Ghaddioui (31.), Churlinov (86.) und Förster (90.+6) anschaue, überkommt mich Ratlosigkeit. Denn selten widerfährt einer Mannschaft das Glück der Kleeblätter, die das Spiel ohne einen wirklich gelungenen Torschuss für sich entscheiden. Merke: Wer seine Chancen vorne nicht nutzt, sollte den Gegner hinten nicht zu Treffern einladen.    

Good times, bad times

Bevor am nächsten Spieltag die entscheidende Phase der Saison beginnt, muss der VfB kühlen Kopf und einen kritischen Blick auf sich selbst bewahren. Nicht erst die Niederlage in Fürth hat gezeigt, dass die Mannschaft lange nicht so überlegen ist, wie wir Fans es gerne hätten. Der Aufstieg ist nur mit einem Kraftakt zu schaffen. Damit meine ich zum Beispiel eine Aufholjagd wie nach dem 0:3-Rückstand gegen Dynamo Dresden vor drei Jahren. Nur eine Woche nach dem blutleeren Auftritt im Fränkischen riss der VfB damals das Ruder herum und das Publikum von den Sitzen. So ist er eben, unser Verein für Wechselbäder der Gefühle.

SpVgg Greuther Fürth – VfB 2:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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