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Bitte alle aussteigen!

Das Spiel gegen den Tabellenführer aus Ostwestfalen fühlt sich an wie noch ein letztes Mal Karussell fahren, bevor der Freizeitpark schließt. Ein Gefühl der Leere wie sonst vor der Sommerpause, wenn höchstens irgendwelche Länderspiele über den Bildschirm flackern und wir jedes Wochenende das Kribbeln auf den Treppen zum Block vermissen. Den Herzschlag der Trommeln, das vertraute Olé-Olé-Ola. Nur, dass man sich jetzt noch nicht einmal mit Strandurlaub oder Grillpartys trösten kann. Fußballpause im März. Es ist zum Heulen.   

Unseren täglichen Spahn gib uns heute

Währenddessen berichtet ein Kollege aus Bologna, dass er seit fast einer Woche das Haus nur noch in dringenden Fällen verlassen darf. Ausgangssperre inzwischen in ganz Italien. Kein Capuccino mit Freunden, keine Tour mit der Vespa, kein Flanieren auf der Piazza. Nur Homeoffice, Skype und Netflix. Gibt es vielleicht doch noch etwas Schlimmeres als ein 1:1 gegen Bielefeld nebst bevorstehenden Geisterspielen? Ich muss an tägliche Pressekonferenzen des Gesundheitsministers und hyperventilierende besorgte Bürger vor den Supermärkten denken. Habe ich eigentlich genug Klopapier? Porca miseria.

Eine Frage der Mentalität?

Sven Mislintat war letzte Woche in Fürth ziemlich angefressen, weil ein Zuschauer der Mannschaft fehlende Mentalität vorwarf. Am Montagabend baute er dann gleich mal vor: „Wir haben heute ein sehr gutes Zweitliga-Spiel gesehen, taktisch und individuell auf hohem Niveau.“ Nicht von allen Akteuren war er allerdings restlos begeistert: „Es ist schon mehrfach so in dieser Saison gewesen, dass wir benachteiligt wurden. Für mich war das ein klares Foul an Pascal Stenzel und eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters.“ Mir wird klar, dass man beim VfB gar kein Mentalitätsproblem haben kann, denn schuld sind sowieso die anderen. Der kollektive Tiefschlaf nach einem Einwurf? Die Passivität nach dem Führungstor? Die misslungenen Wechsel des Trainers? Die fehlende Vertikalität und Geschwindigkeit im Spiel? Hört mir doch auf mit dem kleinkarierten Scheiß, höre ich den Sportdirektor wüten. „Beide Mannschaften haben sich belauert und auf den ersten Fehler gewartet.“ Schade nur, dass wir den letzten gemacht haben.

Neuer Trainer – alte Probleme

Stimmungstechnisch war bei mir nach dem Schlusspfiff jedenfalls eine Menge Luft nach oben. Und da wir in eine längere Pause ohne echten Fußball gehen, erlaube ich mir ein kleines Zwischenfazit nach drei Vierteln der Saison. Die beiden letzten Spiele haben gezeigt, dass die Dominanz des Matarazzo-Systems nicht allzu schwer zu brechen ist. Dann greift das Pressing nicht mehr und die Mannschaft verliert die Spielkontrolle. Außerdem sind die Probleme der Hinrunde nicht behoben: schlafmütziges Abwehrverhalten und schlechte Chancenverwertung. Hinzu kommen technische Fehler und Konzentrationsschwächen im Passspiel, die ein druckvolles Angriffsspiel erschweren. Nach dem Duell mit dem Tabellenführer muss man konstatieren, dass eine Mannschaft wie Arminia Bielefeld, die mit einem wesentlich kleineren Budget solide und leidenschaftlich arbeitet, unserer ambitionierten Mannschaft nicht nur überlegen ist, sondern auch zurecht sechs Punkte und dreizehn Tore Vorsprung hat.

We´ll be back!

Das Karussell kommt zum Stehen. Die bevorstehende Stadionabstinenz fühlt sich falsch an, obwohl sie nach allem was die Liveticker zum Coronavirus ausspucken wohl notwendig ist. Hoffentlich dürfen die Fanszenen wenigstens ihre Spruchbänder in die leeren Blöcke hängen. Statt „Dietmar Hopp ist ein Timo Werner“ könnte es dann heißen: „Ist das der Fußball, den ihr wollt?“ oder „Don´t worry, DFB. We´ll be back“. Bleibt die Enttäuschung über den verpassten Sieg gegen die Arminia und die Sorge, dass wir selbst im Falle eines Aufstiegs nur am Bildschirm feiern dürfen. Gibt es dann statt einem Erstklassig-Shirt ein Erstklassig-Gif?   

VfB – DSC Arminia Bielefeld 1:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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