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Schock beim Schützenfest

Als die Fahrt zu den Heimspielen noch an den Samstagsunterricht anschloss, nahmen wir gerne den Eilzug, weil es da Abteile gab, in denen man rauchen durfte und schon mal so richtig anheizen konnte. Am Hauptbahnhof stiegen wir aus, um unser Liedgut der Königsstraße zu präsentieren und kurz mal bei Lerche reinzuhören, ob die neue CD von Guns´n Roses etwas taugte. Heute fährt der Regionalexpress Richtung Tübingen durch bis Bad Cannstatt. Die modernen Wagen von Abellio lassen allerdings den vertrauten Geruch nach kaltem Rauch und verschüttetem Bier vermissen.

Endlich wieder Stadion

Keine dreißig Meter entfernt dehnt sich bereits Florian Müller, als wir unsere Plätze einnehmen. Der Vergleich mit Fabian Bredlow aus dem Barcelona-Spiel steht an. Wer hat die bessere Technik? Was kann sich ein U13-Nachwuchskeeper von den Großen abschauen? Und wer ist der Torwart mit der Glatze? Steffen Krebs feuert die neue Nummer eins im Tor des VfB immer wieder an und nimmt kleine Korrekturen vor. Die Herrschaften zwei Reihen vor uns haben sich nach anderthalb Jahren Pandemie viel zu erzählen, tun dies lautstark und im Stehen, sodass wir uns erheben müssen, um keinen Schuss zu verpassen.

Als schließlich die Mannschaft von Kapitän Endo angeführt das Feld betritt, brandet warmer Applaus auf. Die Vorfreude auf das erste Spiel nach vielen Monaten der Entbehrung mischt sich mit Respekt vor der Leistung der Truppe aus der letzten Saison. Der Beziehungsstatus zwischen der jungen Mannschaft und ihren Fans steht zu Beginn der zweiten Bundesligasaison nach dem Wiederaufstieg immer noch auf frisch verliebt.

Jaa, der VfB

Die Stimmung erinnert an ein Leichtathletik-Festival. Das weite Rund ist gleichmäßig aber spärlich besetzt. Bei gelungenen Aktionen stehen die Zuschauer auf und klatschen. Die Trommeln und die Lieder der Kurve fehlen. Nur ein paar Dutzend Ultras haben sich direkt hinter dem Tor versammelt und melden sich vereinzelt mit Sprechchören zurück. Aber auch aus anderen Ecken werden Klassiker wie „Jaa, der VfB“ oder „Immer wieder VfB“ angestimmt. Große Lust auf Bundesligafußball liegt in der Luft.

Schon nach wenigen Spielminuten geht das erste Raunen durchs Neckarstadion: Atakan Karazor muss mit Kreislaufproblemen (andere Quellen berichten von muskulären Problemen im Oberschenkel) vom Platz und wird durch den stets eleganten Philipp Klement ersetzt. Die meisten haben den mit großen Erwartungen vor zwei Jahren aus Paderborn verpflichteten Linksfuß schon abgeschrieben. Doch gegen den überforderten Aufsteiger aus Fürth zeigt der 28-jährige Sportmanagement-Student, warum er in dieser Saison noch ganz wichtig werden kann. Technisch versiert und ballsicher übernimmt er gemeinsam mit Wataru Endo den Spielaufbau. Viele kluge Pässe, präzise Standards und endlich auch die Torgefährlichkeit, deretwegen die sportliche Leitung damals auf ihn aufmerksam geworden ist, machen ihn zu einem der Spieler des Spiels.

Der Aufsteiger wird überrollt

Als der VfB nach einer knappen halben Stunde beginnt, Druck aufzubauen, geraten die Grün-Weißen schnell ins Schwimmen. Burchert geht nach einem Steckpass von Förster zu schnell auf den Boden und wird von Endo clever überlupft – die Führung in der 30. Minute. Danach scheitern Klimovicz, Kempf und Al Ghaddioui, bevor Klement nach schönem Außenristpass von Klimovicz mit links aus spitzem Winkel ins lange Eck trifft. Wir fachsimpeln, ob der gegnerische Torwart da noch rankommen kann. Aus achtzig Metern Entfernung sieht es nicht so aus. Zur Pause ist die Partie trotzdem noch nicht entschieden – so unser Eindruck – denn die Franken gewinnen vor der Halbzeit wieder mehr Kontrolle über das Spiel.

Nach der Pause muss Mavropanos kurz vor der Torlinie retten, bevor die Schwarzhosen dann Ernst machen. Die Fürther Hintermannschaft zeigt sich bei zielgenauen Flanken noch nicht erstligareif und kassiert zwischen der 55. und 76. Minute drei Kopfballtore, bei denen die Verteidiger nur Begleitschutz leisten. Al Ghaddioui kommt zu seinem ersten Bundesligatreffer, der abwanderungswillige Marc-Oliver Kempf schlägt sogar gleich zweimal zu. 

Sankohs tragischer Auftritt

Aus der wohwollenden Ausflugsstimmung ist auf den Rängen inzwischen eine mittlere schwäbische Euphorie geworden. „Einer geht noch, einer geht noch rein“ gefolgt von „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ und ein aus voller Kehle geschmettertes „Oh wie ist das schön“ sind zu vernehmen. Auch die Einwechslungen von Didavi und Sankoh werden gefeiert. Der Altmeister und das Verprechen für die Zukunft. Alle Sorgen, die ein geübter Bruddler vor Saisonstart haben konnte, sind wie weggeblasen. Fehlt nur noch die Krönung: Der 17-jährige Mohamed Sankoh wird mit einem Steilpass aus der eigenen Hälfte auf die Reise geschickt, lässt die Fürther Restverteidigung problemlos stehen und steuert alleine auf das gegnerische Tor zu.

Film Stop. Könnte man in diesem Moment mit dem jungen Niederländer sprechen, der in der vergangenen Spielzeit schon bei der U19 und U21 glänzte, würde ich ihm raten: Bleib cool, Junge. Versuch nichts Verrücktes. Schau, wo der Keeper steht und leg die Kirsche an ihm vorbei. Nur einer kann die vollständige Explosion der Mercedes-Benz-Arena noch verhindern: der 31-jährige Sascha Burchert im Tor der Spielvereinigung aus Fürth. Mo könnte fast sein Sohn sein.

Der erfahrene, beim Hertha-Nachwuchs ausgebildete Torwart weiß genau: Sobald sich der Angreifer den Ball auch nur einen halben Meter zu weit vorlegt, muss er zuschlagen. Wie ein Raubtier lauert er auf den Moment, in dem der Stürmer einen Fehler begeht. Die Körperhaltung, mit der ein Torspieler in einen solchen Ball hineinspringt ist tausendfach geübt. Falls der Angreifende zuerst an die Kugel kommen sollte, muss die Körperfläche so groß wie möglich sein, um den Einschlag zu verhindern. Für Burchert Business as usual, für Mo Sankoh ein erster schmerzhafter Knick in seiner jungen Karriere. Band- und Kapselapparat im Knie sind schwer beschädigt. Mindestens ein halbes Jahr Pause. Im Stadion ist es auf einmal sehr still.

Nur ein Pflichtsieg

Und wie hat sich die neue Nummer eins des VfB geschlagen? Wer könnte das besser beurteilen als ein kritischer Nachwuchstorwart, der mit Argusaugen jede Szene des 23-jährigen Neuzugangs beobachtet hat? Das Urteil fällt (vielleicht etwas zu) harsch aus: zu viele lange, ungenaue Bälle, Unsicherheit beim Rauslaufen, Faustabwehr ins Zentrum statt nach Außen, und beim Ehrentreffer sieht Florian Müller auch nicht besonders gut aus. Er kommt früh aus seinem Kasten, aber nicht an den Ball, bleibt am Elfmeterpunkt stehen und kann nur noch zusehen, wie Leweling ihn umkurvt und einschiebt. Wenn du rauskommst, musst du ihn haben. Andernfalls machst du dich am Fünfer groß und den Gegner damit nervös. Wir haben ja gesehen, dass man so ein Ding dann erst einmal machen muss.

Insgesamt kann man der jungen Mannschaft aber eine sehr konzentrierte und engagierte Leistung attestieren. Ob das Mittelfeldzentrum in dieser Besetzung auch einem größeren Kaliber gewachsen ist, und ob Förster, Klimovicz und Al Ghaddioui sich gegen eine stabilere Abwehrreihe durchsetzen können, bleibt abzuwarten. Solange der Zusammenhalt in der Truppe so gut ist, muss einem selbst bei Rückschlägen nicht bange sein. Euphorie lässt Trainer Matarazzo gar nicht erst aufkommen. Auch für ein 5:1 gibt es nämlich nur drei Punkte.

Die Heimfahrt verläuft genauso reibungslos wie der Hinweg. Entweder liegt es am funktionierenden Hygienekonzept, oder wir haben einfach mehr Glück als Verstand. Der Mund-Nasen-Schutz hängt jedenfalls Rummenigge-like am Kinn, während wir lässig im fast leeren Großraumwagen als Tabellenführer aus der Landeshauptstadt rollen. Ich kann euch sagen: Da schmeckt selbst ein lauwarmes Bitburger aus der Dose.

VfB – SpVgg Greuther Fürth 5:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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