Allgemein

Präsidentendämmerung

„Stuttgart kämpfen – Dietrich raus!“ In der Allianz Arena war der Protest am Sonntag wieder deutlich zu vernehmen. Sind das nur primitive Reflexe aufgrund der schlechten sportlichen Lage? Oder handelt es sich um ein berechtigtes Ansinnen angesichts beunruhigender Fehlentwicklungen in der Führung? Wolfgang Dietrich ist Kritik gewohnt. Seit jeher polarisiert der in Backnang aufgewachsene Unternehmer und hat sich daher den Spalter-Stempel redlich verdient. Will man ihm also gerecht werden, muss man seine Anhänger und seine Gegner zu Wort kommen lassen.

Die Dietrich-Jünger schätzen den 71-Jährigen als kompromisslosen Macher und behaupten wie Christian Gentner zuletzt im Pressegespräch: „Er ist mit seinem Netzwerk, seinem Herzblut, das er einbringt, ein Riesengewinn für den VfB.“ Die Geschichte beginnt ungefähr so: Im Herbst 2016 sehnen sich nach den kurzen und farblosen Amtszeiten der Präsidenten Mäuser und Wahler viele in Bad Cannstatt nach einem starken Mann. Ihr wisst schon, wie sie weitergeht: Ja zum Erfolg, starke regionale Partner, 5-Jahres-Plan, hervorragende Rahmenbedingungen. Man kann dem in Stetten im Remstal geborenen VfB-Präsidenten durchaus bescheinigen, dass er beherzt anpackt und mit seinen Visionen den Verein nach dem Abstieg aus einer Starre erlöste. Das schwäbische Selbstverständnis ist ihm auf den Leib geschneidert: heimatbewusst und traditionell, aber gleichzeitig ehrgeizig und international. Der Aufsichtsrat schätzt Dietrich, weil er jemand sei, „der nicht Entscheidungen vor sich herträgt, sondern schnell trifft“ und auch bei heftigstem Gegenwind aufrecht steht.  

Die Geschichte seiner Kritiker ist schon so oft erzählt worden, zuletzt im Dezember in sehr ausführlicher Weise im Cannstatter Blättle, dass sie manchem zu den Ohren herauskommt. Quattrex – Stuttgart 21 – Ausgliederung – „Drecksäcke“ – Schindelmeiser-Entlassung – Bayern-Geklüngel – Lügen – Narzissmus – Steinhoefel-Essen. Man könnte eine neue Version von Billy Joels Welthit „We didn´t start the fire“ aufnehmen: Dietrich is a no-go. Der VfB liegt nicht nur tabellarisch am Boden, sondern auch moralisch. Dass der Präsident zwar polarisieren, aber nicht integrieren kann, wird uns, nicht ganz unerwartet, zum Verhängnis. Wenn Markus Weinzierl bald das Schicksal seiner Vorgänger ereilt, überweisen wir nicht nur einem weiteren Übungsleiter ein horrendes Gehalt ohne Gegenleistung, sondern bekommen langsam arge Probleme überhaupt noch einen zu finden, der bereit ist, beim VfB zu arbeiten. Nicht-Stuttgarter brechen in lautes Lachen aus, wenn sie Reschke in einer Fernsehsendung erspähen oder der Rekordeinkauf Maffeo öffentlich nach allen Regeln der Kunst demontiert wird. Spötter kommentierten schon damals: „Erst den Bahnhof tiefer legen und jetzt den VfB.“

Klingt lustig, ist aber verdammt ernst: Dietrich ist dabei, den VfB gegen die Wand zu fahren. Einer seiner größten Fehler war, Reschke als Alleinherrscher im Bereich Sport schalten und walten zu lassen. Trainer kommen und gehen, die Ausgliederungsmillionen fliegen wie Papierschnipsel durch die Luft, es fehlt aber nach wie vor ein sportliches Gesamtkonzept. So kritikwürdig manche Entscheidungen in Dietrichs Amtszeit auch waren, in den Gremien wurden sie immer einstimmig getroffen. Die neuen Strukturen der AG vereinen sehr viel Macht auf seine Person. Die Entscheider um ihn herum verblassen bis zur Unkenntlichkeit. Nach den Chaos-Jahren mit dem Abstieg als Tiefpunkt setzt man beim VfB alles auf ein Pferd: Entweder Dietrichs 5-Jahres-Plan geht auf oder … nein, so weit wollen seine Anhänger nicht denken. Ein erneuter Abstieg wäre das Jüngste Gericht für die gesamte Führung.

Eine Frage, die oft gestellt wird, lautet: Kann man dem Präsidenten denn die Fehler der Angestellten ankreiden? Schließlich ist es doch die Mannschaft, die Spiel um Spiel vergeigt. Hier setze ich dann gerne zu einem Vortrag über die Grundsätze moderner Führung an, den ich euch an dieser Stelle ersparen möchte. Sicher ist: Ein Chef muss für alles geradestehen, was die Mitarbeiter verbockt haben. Dafür hat er die Möglichkeit, entsprechend geeignetes Personal auszuwählen. Übrigens: Wenn man Dietrichs Bilanz anhand der Grundsätze moderner Führung zieht, droht man die Notenskala zu sprengen. Fairerweise muss aber angemerkt werden, dass die Investitionen in die Infrastruktur des Trainingsgeländes, die Neuaufstellung des NLZ samt VfB Stuttgart Akademie und die Ausstellung zum 125-jährigen Jubiläum Lichtblicke seiner Amtszeit darstellen. Nichtsdestotrotz wird Wolfgang Dietrich eines Tages Rechenschaft ablegen müssen über die Fauxpas seines Sportvorstands, die versenkten Transfermillionen und das beschädigte Image des VfB.

Wäre also eine personelle Veränderung in der Führungsetage in der momentanen Situation förderlich? Und: Was für eine Person wünschen wir uns an der Spitze des VfB? Zunächst können wegweisende Entscheidungen schwerlich mitten im Abstiegskampf korrigiert werden. Ohne Dietrich und Reschke wären die dringend benötigten Punkte nicht einfacher zu holen. Auf der anderen Seite ist es sicher nicht hilfreich, wenn sich die Gräben zwischen Fans und Vereinsführung in dieser kritischen Phase weiter vertiefen. Besserwisserei und Sturheit sind die falschen Berater.

Der VfB braucht dringender denn je eine Identifikationsfigur, die in der Lage ist, Mitglieder und Fans emotional mitzunehmen, Werte zu vermitteln und in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten. Wir erwarten eine Spielphilosophie, die konsequent und nachhaltig umgesetzt wird, und eine enge Verzahnung der Nachwuchsmannschaften mit dem Bundesligateam. Wenn nicht heute, dann eben nach Abschluss der schon jetzt verkorksten Saison. Erste Kandidatenvorschläge schwirren umher: Wäre Cem Özdemir willens und in der Lage? Hat Jürgen Klinsmann nicht schon bewiesen, dass er „jeden Stein umdrehen kann“?

Letzten Endes geht es auch darum, die angeknackste Beziehung zwischen dem tief in der Region verwurzelten Traditionsverein und seinen treuen Anhängern zu reparieren. Die strukturellen Voraussetzungen des VfB sind besser als die mancher Konkurrenten, das Einzugsgebiet gewaltig, die Zugkraft erstaunlich. Ein paar Dinge muss sich Dietrichs Nachfolger jedoch gleich ins Stammbuch schreiben: Wir sind keine Kunden. Steigende Mitgliederzahlen und Marketingerlöse machen uns nicht glücklich. Wir wollen die Seele des VfB Stuttgart wieder erkennen. Auch auf dem Platz.   

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.