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Hosen runter

Der Deutsche Fußball Liga drängt in diesen Tagen im Interesse ihrer Mitglieder, den 36 Klubs der 1. und 2. Bundesliga, vehement auf eine möglichst baldige Fortsetzung der Saison. Doch der Profifußball gerät unter öffentlichen Rechtfertigungsdruck: Sind Fußballspiele zurzeit gesundheitspolitisch überhaupt vertretbar? Welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine längere Unterbrechung oder gar ein Abbruch der Saison? Wie ist eine Sonderbehandlung der Bundesliga den Menschen zu vermitteln? Und wie steht es um die Rolle des Profifußballs in der Gesellschaft insgesamt?

DFL-Präsident Christian Seifert, verschiedene Klub-Funktionäre und Politiker haben sich zu diesen Fragen geäußert. Schauen wir uns ihre Argumentationslinie doch einmal genauer an.

Gesundheit

Die DFL hat in einer Task-Force das „Medizinische Konzept für Training und Spielbetrieb im professionellen Fußball in den Monaten April bis Juli 2020“ erarbeitet. Kernproblem: Sollte sich ein Spieler oder ein Mitglied des Betreuerstabs mit COVID-19 infizieren, würden nach den geltenden Regeln des Infektionsschutzes sofort alle Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt. Die betroffenen Mannschaften wären somit erstmal zwei Wochen raus aus dem Wettbewerb. Das Konzept sieht eine umstrittene Sonderlösung vor: Nur der Infizierte selbst muss in Quarantäne, während bei allen anderen Beteiligten durch regelmäßige Tests sichergestellt wird, dass keine Ansteckungsgefahr besteht. Pikantes Detail: Die Klubs werden dazu aufgerufen, eine mögliche Infektion nicht öffentlich zu kommunizieren. Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion sehen anders aus.

Bezüglich der regelmäßigen Tests steht zudem der Vorwurf im Raum, Kapazitäten an anderer Stelle zu blockieren. Die DFL hält dagegen, dass der Bedarf bei nur „0,4 Prozent der gesamt in Deutschland durchgeführten Tests“ liege. Außerdem bezahle man selbst und schaffe zusätzliche Laborkapazitäten. Aber auch wenn die Kapazitäten in den letzten Wochen deutlich erhöht wurden, habe ich den Eindruck, dass Corona-Tests nach wie vor ein knappes Gut sind. Würde denn nicht jedes Unternehmen, jede Schule und erst Recht jedes Pflegeheim seine Mitarbeiter, Schüler oder Patienten gern regelmäßig testen, um den Betrieb ohne großes Infektionsrisiko wieder hochfahren zu können? Mindestens zwanzigtausend Tests ausgerechnet für den Profifußball sind da in meinen Augen schwer zu vermitteln.

Neben der Infektionsgefahr in den Stadien besteht auch außerhalb ein erhöhtes Risiko. Sicherheitskräfte haben bereits Bedenken geäußert, im Stadionumfeld verstärkten Kontakten ausgesetzt zu werden. Auch wenn die organisierten Fangruppen vernünftig bleiben und keine Zusammenkünfte organisieren, werden sich Fußballfreunde treffen, um die Spiele gemeinsam im Fernsehen zu verfolgen. Es ist weltfremd zu glauben, dass wir die Übertragungen im stillen Kämmerlein „genießen“.   

Wirtschaftliche Folgen

„Geisterspiele ab Mai sind die einzige Alternative, um das Bundesliga-Geschäft irgendwie am Leben zu halten. Sonst gibt es die Bundesliga, wie wir sie kennen, nicht mehr.”

Christian Seifert, DFL-Präsident

Die DFL verkauft ihren Plan zur Fortsetzung der Saison als alternativlos und warnt vor der drohenden Insolvenz von bis zu 13 Erst- und Zweitligisten. Seiferts Aussage bedeutet im Klartext: Von 36 mittelständischen Unternehmen mit Jahresumsätzen im dreistelligen Millionenbereich steht ein gutes Drittel vor dem Aus, weil sich eine Tranche der TV-Gelder in Höhe von 10-20 Mio. Euro verzögert. Übrigens: Inzwischen haben die Rechte-Inhaber den Großteil des Geldes überwiesen und damit die akuten Nöte bereits gelindert.

Insider haben es schon länger gewusst, jetzt lässt der Profifußball für alle sichtbar die Hosen herunter. Bereits der DFL-Wirtschaftsreport aus dem Jahr 2019 weist bei Rücklagen und Eigenkapitalquoten teilweise erschreckend niedrige Zahlen auf. Üppig sind dagegen die Spielergehälter und Transfersummen sowie die Honorare für Spielervermittler (2017/18 insgesamt ca. 200 Mio. Euro)

Während der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern in der Öffentlichkeit aus Sorge um den Fußball Krokodilstränen weint, verlängert der Klub den Vertrag mit Thomas Müller zu Konditionen, die uns in der Krise noch obszöner vorkommen als ohnehin schon. Mehr als 15 Mio. soll der Alt-Internationale im Jahr verdienen, also in etwa die Summe, derentwegen zur Zeit die Existenz mancher Vereine, laut Rangnick sogar die der ganzen Menschheit, auf dem Spiel steht. Außerdem kündigt der Sportdirektor weitere Multimillionen-Transfers an. Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige, der diese Widersprüche nicht mehr auflösen kann.

Richtig ist allerdings auch, dass inzwischen ungefähr ein Drittel der Einnahmen der Profiligen aus der medialen Verwertung stammen. TV-Übertragungen sind das wichtigste Standbein des Geschäfts. Das Bestreben, den Spielbetrieb so bald wie möglich wieder aufzunehmen, ist aus wirtschaftlicher Sicht also durchaus verständlich. Allerdings ist die Unterhaltungsbranche wohl die letzte, die mit Lockerungen rechnen kann. Dies betrifft Konzertveranstalter, Festwirte, Eventagenturen und Vereine anderer Sportarten in gleicher Weise.      

Sonderbehandlung für den Profifußball?

Die meisten Menschen lehnen eine Sonderrolle des Profifußballs ab. Das hat auch Christian Seifert verstanden und betont deshalb immer wieder, dass es keinen Sonderweg geben soll. Man sei von der Politik abhängig und warte auf ein entsprechendes Signal. Selbiges lässt nicht lange auf sich warten: Die Ministerpräsidenten Laschet und Söder machen öffentlich die vollmundige Ansage, dass unter Umständen ab dem 9. Mai wieder gespielt werden könne. Ehrgeizige Politiker erspüren die Volksseele. Ein Wochenende mit Fußball sei besser als eines ohne. Wer möchte da widersprechen?

Fragt sich nur, ob die Zeit für einen Neustart des aufgeblasenen Fußballzirkus schon reif ist. Solange viele Geschäfte, Hotels, Gaststätten und Bildungseinrichtungen geschlossen sind oder nur im Notbetrieb arbeiten, kann man mir nicht erklären, dass die Bundesliga wieder spielen muss. Wissenschaftler, Vertreter aus dem Gesundheitswesen und die Polizeigewerkschaft sehen das genauso. Je lauter die Fußball-Funktionäre bestreiten, dass sie eine Sonderrolle beanspruchten, desto offensichtlicher wird ihre Hybris.

Und was heißt überhaupt Neustart? Wir sprechen über Spiele ohne Publikum unter strengsten Gesundheitsauflagen, bei denen die lange Wettkampfpause und mögliche Ausfälle aufgrund von Quarantäne zu Bedingungen führen werden, die mit einem normalen Spielbetrieb wenig zu tun haben. Vorsichtshalber empfiehlt die DFL, „frühzeitig für einen ausreichend großen Kader im Saisonfinale zu sorgen“.   

Rolle in der Gesellschaft

Der Fußball hat eine gesellschaftliche Bedeutung. Was grundsätzlich sicher richtig ist, wird immer häufiger als Argument für die Durchsetzung eigener Interessen missbraucht. Wie passen Fußballspiele im Fernsehen zu den Existenzängsten und sozialen Dramen, die wir zurzeit in vielen Familien erleben? Die Fürsprecher eines schnellen Neustarts argumentieren hier gerne mit dem positiven Einfluss des Fußballs auf die Psyche. Er sei ein Freudenspender. Auch wenn sie damit im Grunde nicht ganz falsch liegen, wirkt ihre Argumentation ziemlich eigennützig, wenn man bedenkt, wie vehement die gleichen Personen noch vor kurzem einen Kleinkrieg gegen die Kurven geführt haben. Auch jetzt ignorieren sie die deutliche Ablehnung ihrer Pläne aus der organisierten Fanszene.

Und was ist mit den „normalen Fans“, zum Beispiel den Familien? Bolzplätze sind seit Wochen gesperrt, Schulen geschlossen. Die Kinder lechzen nach sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen, Bewegung und Abwechslung. Welches Signal ginge für sie von Fußball-Übertragungen im Fernsehen aus? Warum dürfen sich in den Strafräumen Spielertrauben bilden, in denen sich schwitzende Männer gegenseitig fast das Trikot ausziehen, während unsere Kleinen noch nicht einmal den Ball hin und her bolzen dürfen?

Wenn der Fußball seine Vorbildfunktion wirklich wahrnehmen will, sollte er genau das tun, was von uns allen erwartet wird: Disziplin üben und anderen helfen. Ich würde die Profikicker in den nächsten Wochen lieber in Krankenhäusern, sozialen Einrichtungen oder Schulen sehen. Dort könnten sie uns Freude spenden und sich als äußerst privilegierte Gruppe mit den Schwachen solidarisch zeigen.

Fazit

Der Profifußball will gerettet werden und braucht dafür uns Kunden, die horrende Summen für Pay-TV-Angebote bezahlen. Als Gegenleistung bieten sie uns „Freude“, die angesichts der Umstände wenig euphorisch ausfallen dürfte. Sie wollen angeblich Vorbild sein, schielen aber in Wirklichkeit gierig auf den Mammon, ohne den ihr krankes Business in sich zusammenfällt. Am Ende entscheiden wir, ob die Bundesliga in ihrer jetzigen Form weiter existiert. Für manche mag es ein Schreckensszenario sein, andere sehen darin vielmehr eine Chance zur grundlegenden Erneuerung.

Karlsruher SC – VfB (abgesagt)

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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