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Die verlogene Fußballliebe der Profiteure

„Daheim eingesperrt, und das ohne Fußball, das hält keine Fan aus.“ Fast schon rührend, wie viele Leute sich in letzter Zeit um unseren Gemütszustand sorgen. Sie tun alles dafür, um uns den verdammt kranken Millionenzirkus wieder ins Wohnzimmer zu bringen. Was wie eine selbstlose Wohltat aussehen soll, entpuppt sich ziemlich schnell als Eigennutz. Die selbst ernannten Retter der Gesellschaft sind nämlich direkt oder indirekt Profiteure des taumelnden Fußballbusiness. Ihnen geht schlicht die Düse.

Schritt in die Normalität

„Bundesligaspiele wären für Millionen Fußballfans wieder ein Stück Normalität.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Die Fürsprecher einer Fortsetzung der Saison argumentieren gerne aus der Perspektive der „Fans“, um ihre Position zu legitimieren. Eine am 28. und 29. April von Infratest dimap durchgeführte repräsentative Umfrage spricht eine andere Sprache: 49 Prozent der Befragten sind gegen die Pläne der DFL, nur 33 Prozent dafür.

In der öffentlichen Diskussion drängen sich andere in den Vordergrund: Funktionäre, Medienvertreter und Politiker auf Stimmenfang. Der gemeinsamen Stellungnahme der Fanszenen Deutschlands wird dagegen wenig Gewicht beigemessen. Ihr Handeln sei „auf die Zerstörung der Strukturen des modernen Profifußballs ausgerichtet“, befindet der Sportkolumnist der Stuttgarter Zeitung.

Aber über welche Normalität sprechen wir eigentlich? Über die Einnahmesituation hochriskant wirtschaftender Profiklubs? Über die Ambitionen überehrgeiziger Politiker? Oder über das Seelenheil von Sportjournalisten in der Sinnkrise? Ganz sicher jedoch nicht über den Alltag von Eltern, die zwischen Home-Schooling und Kurzarbeit fast den Verstand verlieren.

Sportliche Relevanz

Gehen wir einmal davon aus, dass die Ministerpräsidentenkonferenz am kommenden Mittwoch grünes Licht für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der 1. und 2. Bundesliga geben wird. Der Kampf um die Meisterschaft, um Auf- und Abstiegsplätze sowie die Qualifikation für internationale Wettbewerbe würde also auf dem Platz ausgetragen. Aber wie steht es eigentlich um die sportliche Relevanz der Geisterspiele?

Seit nunmehr sieben Wochen können die Profis kein Mannschaftstraining mehr durchführen. Zur Einordnung: Die Sommerpause dauert normalerweise vier bis fünf Wochen, bevor eine intensive sechswöchige Saisonvorbereitung mit zahlreichen Testspielen und allem Pi-pa-po beginnt. Und nun sollen zwei Wochen Mannschaftstraining ohne Härtetests unter Wettkampfbedingungen ausreichen, um spielbereit zu sein? Dürfen wir also Fußball auf dem Niveau eines besseren Freibadkicks erwarten?

Hinzu kommt die gesundheitliche Situation. Neben Verletzungen, die aus der plötzlichen Belastungssteigerung resultieren, sind trotz aller Maßnahmen Infektionen mit COVID-19 nicht auszuschließen. Wie gerecht ist ein sportlicher Wettbewerb, bei dem manche Teams aus diesem vorhersehbaren Grund längere Spielpausen von Leistungsträgern verkraften müssen? Eine Infektion im Mannschaftskreis könnte zu einer Kettenreaktion und einem klaren Wettbewerbsnachteil führen.

Fußball ohne Zuschauer stellt auch aus psychologischer Sicht eine völlig neue Situation für die Spieler dar. Der Heimvorteil verliert an Gewicht, und Mannschaften, die über den Kampf und die Emotionen kommen, werden ihrer Stärken beraubt. Statt Fußballfeste werden wir wohl eher Technokratenfußball erleben. Ballgeschiebe am Mittelkreis. Grüße an die Herren Hopp und Rummenigge.

Ode an die Freude

Wenn uns also ein Schritt zurück in die Normalität versprochen wird, geht es nicht um ein saftiges Steak, sondern eher um eine verbrannte Aramark-Wurst mit dem faden Beigeschmack, den die Selbstüberhöhung des Profifußballs mit sich bringt. Keine Emotionen, dafür umso mehr Hybris. Der gerne zitierte Ausspruch „lieber Geisterspiele als gar keinen Fußball“ könnte so manchem noch im Hals stecken bleiben. Oder glaubt ihr ernsthaft, dass die Leute auch noch im Herbst eure Magerkost konsumieren werden? Fragt mal bei Sky, wie viele Abos schon gekündigt wurden. Und dass ihr ohne TV-Gelder schnell untergeht, wissen wir ja inzwischen.

Ich stimme jedem zu, der sagt, dass ein Wochenende mit Fußball besser ist als eines ohne. Allerdings ziehe ich dann den Amateursport nebst einer liebevoll gegrillten Roten und einem echten Bier vor. Ein paar hundert Zuschauer werden sich vielleicht mit Abstand und Maske bis zur neuen Saison wieder auf den Sportplätzen tummeln dürfen. Da ist dann ein Tor wenigstens wieder ein Tor und der Pfiff des Schiris Gesetz.

Über eure Geisterliga werde ich nicht einmal mehr in der Zeitung lesen. Denn lieber keine Kolumne als eine voller Ressentiments und Selbstbezogenheit. Vielleicht treffe ich ja eines Tages den pensionierten Oskar Beck auf einer Dorfsportanlage. Dann entzünde ich mein obligatorisches Bengalo und philosophiere mit ihm im rötlichen Schein der Fackel über die psychologische Bedeutung des Fußballs und die komplizierte Vereinsliebe der Fundis.

VfB – SV Sandhausen (abgesagt)

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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