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Expedition Bundesliga

Im Trainingslager ist die Welt noch in Ordnung. Wirkungsmächtige Bilder der schweißtreibenden Einheiten wechseln mit Feel-Good-Vibes ab. Flachsende Spieler und Betreuer battlen sich unter dem Basketballkorb oder erfrischen ihre austrainierten Körper in der eiskalten Ache. Holger Laser quasselt sich in der Kitz-Corner um Kopf und Kragen. Die resultierenden Schlagzeilen kennen wir bereits auswendig: Es wurde „intensiv gearbeitet“. „Da wächst etwas zusammen“. „Die Mannschaft hat einen Entwicklungsschritt gemacht“. Die Vorbereitungsidylle wird dieses Jahr allerdings von humpelnden Spielern mit schmerzverzerrtem Gesicht getrübt. Ellbogenbruch oder Teilruptur der vorderen Syndesmose sind keine Diagnosen, die zum Postkartenpanorama von Kitzbühel passen.

Der Kader

Mit analytischem Blick lässt sich das gestern mit dem Gewinn des Heldencups beendete Trainingslager besser bewerten. Zu den Gewinnern gehört fraglos der 20jährige „Teto“ Klimovicz, der sich mit Beweglichkeit und Spielwitz vorerst in die Stammelf gearbeitet hat. Auch der frisch gekürte Kapitän „Gonzo“ Castro hat das vielköpfige Trainerteam offensichtlich auf seine alten Tage noch einmal überzeugt. Neuzugang Anton scheint als Rechtsfuß in der Innenverteidigung unumstritten und Borna Sosa profitiert davon, dass mit Clinton Mola sein schärfster Konkurrent auf der Linksverteidigerposition wegen einer Verletzung gar nicht erst anreisen konnte.

Auch Trainer Matarazzo kann man zu den Gewinnern zählen. Von verschiedenen Seiten wird ihm attestiert, dass er sein Profil geschärft habe. In den Testspielen konnte man verschiedene Inhalte seiner Trainingsarbeit unter Wettkampfbedingungen erkennen. Er hat dem Team mehr taktische Flexibilität vermittelt.

Als Verlierer sind natürlich zunächst die Verletzten zu nennen: Thommy, Massimo, Egloff und Förster mussten vorzeitig abreisen, Mavropanos und Karazor trainierten kaum mit der Mannschaft. Auch der abgesetzte Kapitän Marc-Oliver Kempf wird enttäuscht sein, obwohl er nach seiner schweren Schulterverletzung schneller als gedacht wieder auf dem Damm ist. Er muss mit Marcin Kaminski um einen Platz in der Innenverteidigung kämpfen. Die groß gewachsenen Angreifer Al Ghaddioui und Kalajdzic spielen in den Überlegungen des Trainers momentan keine große Rolle. Beiden mangelt es (noch) an Beweglichkeit und Spritzigkeit, um eine Bundesligaabwehr in Verlegenheit zu bringen.

Das Spielsystem

Während im Vorfeld viele mit einer Dreierkette und hoch stehenden Wingbacks rechneten, ließ Matarazzo hauptsächlich ein 4-2-3-1 einstudieren. In den Tests bekamen wir variable Pressinghöhen zu sehen: gegen Liverpool und den HSV häufig Abwehrpressing aus einer tief stehenden Formation, phasenweise kombiniert mit aggressivem Mittelfeldpressing und schnellem Umschaltspiel. Daraus resultierten einige sehenswerte Konter. Gegen Bielefeld zeigte die Mannschaft dann, dass sie ein Spiel auch dominieren und den Gegner bereits an dessen Strafraum effizient anlaufen kann.

Im Angriff setzt der Trainer in Ermangelung eines geeigneten Stoßstürmers auf eine falsche Neun, die von einer offensiven Dreierreihe unterstützt wird. Sobald Mavropanos und Karazor wieder fit sind, wird die defensive Dreierkette im Saisonverlauf voraussichtlich wieder eine Option. Mit Sosa, Massimo, Thommy, Churlinov und González stehen offensiv orientierte Außenspieler im Kader, die gut zu diesem Spielsystem passen. Auch ein 4-3-3 mit zwei echten Außenstürmern dürfte zum Repertoire gehören.

Was macht Hoffnung?

In der Innenverteidigung und im zentralen Mittelfeld ist der Kader breit aufgestellt. Erfahrung und Talent sind in einer ausgewogenen Mischung vorhanden. Neuzugang Anton wirkt mit seinem sachlichen Stil stabilisierend und besetzt die in der Vorsaison vakante Stelle des rechten Innenverteidigers. Gemeinsam mit Kobel und Endo traut man ihm zu, eine defensive Achse zu bilden, die den Herausforderungen einer Bundesligasaison gewachsen ist.

Im defensiven Mittelfeld stehen mit Mangala, Karazor und Mola genügend Alternativen zur Verfügung. Auch Klement hat gezeigt, dass er als Sechser den Spielaufbau beleben kann. Auf der Achter- und Zehnerposition kämpfen neben ihm Didavi, Thommy, Egloff und Förster um ihren Platz. Castro ist im Mittelfeld auf allen Positionen einsetzbar. 

Die bereits angesprochene neue taktische Variabilität kann in der Bundesliga zu einem Trumpf werden. Je nach Spielverlauf und Gegner wird die Mannschaft die Pressinghöhe variieren und damit auch besser besetzte Teams vor Probleme stellen.

Mit González, Silas, Coulibaly und Cissé befinden sich einige Spieler mit hoher Grundschnelligkeit im Kader. Werden sie von ihren Mitspielern richtig eingesetzt, sind sie bei Kontern immer gefährlich.

Was macht Sorgen?

Im Gegensatz zum Zentrum sind die defensiven Außen dünn besetzt. Massimo und Churlinov stellen (noch) keinen zuverlässigen Ersatz für Stenzel und Sosa dar. Mola wird voraussichtlich länger ausfallen. Gegen Mannschaften, die verstärkt über die Flügel angreifen, kann die Abwehr schnell ins Wanken geraten.

Zudem hat der VfB keinen Strafraumstürmer mit Bundesligaformat im Kader. Sasa und Hama können die Position zwar spielen, sind aber zurzeit eher zweite Wahl und pflegen einen Stil, bei dem sie sich gerne in den Rückraum fallen lassen. Sollten González oder Silas ins Zentrum rücken, fehlen ihre Schnelligkeit und ihr Trickreichtum auf den Außen. Wie bereits in der vergangenen Saison gibt es keinen Spieler, dem man ohne weiteres zehn oder mehr Saisontore zutraut. Ausgerechnet der torgefährlichste Angreifer liebäugelt zudem mit einem Wechsel. Je später ein solcher Transfer stattfindet, desto schwieriger wird es, für adäquaten Ersatz zu sorgen.

Im Kader stehen viele junge Spieler, die sich in der Bundesliga erst beweisen müssen. Man hofft, dass sie sich schnell entwickeln und die Erwartungen übertreffen. Realistisch ist allerdings, dass viele von ihnen – zumindest zu Beginn – mit der Intensität und Geschwindigkeit zu kämpfen haben. Aber auch hinter den erfahrenen Akteuren, die der Mannschaft Stabilität verleihen sollen, stehen Fragezeichen. Die Leistungen von Didavi und Castro waren in den letzten beiden Jahren nicht dazu angetan, sie als große Hoffnungsträger zu handeln.

Fazit: Wenn alles zusammenpasst, kann die Mannschaft in der Bundesliga für die eine oder andere Überraschung sorgen. Die Gefahr, dass Formschwankungen und Negativerlebnisse das Team ins Schlingern bringen, ist andererseits erheblich. Von einer ruhigen Saison auszugehen, scheint realitätsfremd. Also wie immer eigentlich beim VfB.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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