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Endlich wieder Fußball!

Der Montag war eine Art Brustlöser. Am Tag nach der denkwürdigen Mitgliederversammlung ist Wolfgang Dietrich Geschichte beim VfB und endlich sieht auch ein Großteil der Presse ein, dass er nicht mehr tragbar war. Ein toller Erfolg für die Fans und Mitglieder — nicht nur des VfB, sondern übertragen auch derer anderer ausgegliederter Vereine. Ist deswegen nun alles gut und wir blicken einer rosigen Zukunft entgegen? Mitnichten. Es gibt noch viel zu tun, Dietrich war „nur“ ein Puzzleteil im großen Ganzen, der Kampf gegen die Windmühlen und für die Mitgliederrechte wird weitergehen (besonderen Gruß an Wilfried Porth, stellv. Vorsitzender des AG-Aufsitzrats und Dieter Hundt, Ehrenvorsitzender des VfB-Freundeskreises). Für den Moment aber können wir uns endlich wieder ein bisschen auf den Fußball konzentrieren. Der Zeitpunkt könnte kaum bessern sein, denn bereits nächste Woche Freitag steigt die Mannschaft im Heimspiel gegen Hannover in die Zweitligasaison ein.

Auch abseits des Präsidenten ist vieles neu beim VfB: Für Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat ist es die erste Transferperiode als Verantwortliche. Es gibt mit Tim Walter einen neuen Cheftrainer, der verglichen mit seinen Vorgängern offensichtlich einiges anders machen will. Die Mannschaft hat sich bereits deutlich verändert und weitere Wechsel sind wahrscheinlich. Und die Liga ist natürlich auch eine andere als zuletzt. Der Abstieg und die schlechte letzte Saison haben bei vielen Fans eine große Leere hinterlassen. Ich habe von einer Reihe Leidensgenossen gehört, dass sie die Vorbereitung kaum verfolgt haben und die Neuzugänge kaum auseinanderhalten können. Aber zumindest bei mir ist seit Montag die Lust auf Fußball wieder da, die Vorfreude auf die neue Saison hat endlich begonnen!

Was erwartet uns?

Der große Umbruch im Kader hat vor allem einen Hintergedanken: Einen neuen Stil zu etablieren. Man will wieder spielbestimmend, leidenschaftlich und offensiv spielen, mit viel Ballbesitz. Und dem Nachwuchs sollen wieder regelmäßige Chancen gegeben werden. Dazu braucht es Mut und ein intaktes Team. Die Umsetzung traut man Tim Walter zu, der den ersten Eindrücken nach ein sehr spezieller Typ ist: Ehrgeizig, angriffslustig, emotional und herzlich. Und er lässt mit seinen Teams eine sehr radikale Interpretation des von Hitzlsperger ausgegeben Stils spielen.

Walters System ist vor allem auf Gier ausgerichtet: Die Gier, gewinnen zu wollen. Die Gier, zu attackieren. Die Gier jedem Ball hinterher zu jagen und ihn zurück zu erobern. Dazu fordert er eine ständige Bereitschaft von jedem einzelnen. Wenn er die nicht erkennt, kann er auch schon mal ruppig werden. Gleichzeitig hat er aber auch eine besondere Nähe zu seinem Team, ist klar in der Ansage und hat einen einleuchtenden Ansatz, den Spielern die Gier beizubringen: Jedes Training ist ein Wettkampf. Es wird unheimlich viel mit Ball trainiert und bei nahezu jede dieser Übungen gibt es am Ende einen Gewinner und einen Verlierer. Und damit das Verlieren auch etwas schmerzt, gibt es auch immer Bestrafungen für das unterlegene Team. Das können zum Beispiel Ohrschnipser sein, oder das bereits berüchtigte Arschbolzen. Das spornt an.

Ballbesitz und Risiko

Ballbesitz ist ein weiterer wichtiger Faktor in Walters Spiel. Nur wer den Ball hat, kann Tore erzielen, lautet die einfache Wahrheit dahinter. Und das Toreverhindern fällt auch leichter, wenn der Gegner den Ball nicht hat. Dazu trainiert Walter einen sauberen Spielaufbau von hinten, zieht vor allem Torhüter und Innenverteidiger deutlich vor und interpretiert auch andere Positionen extrem variabel. Der Gedanke dabei ist immer offensiv, immer mit Risiko verbunden und meist äußert unterhaltsam. Um eigene Ballverluste zu vermeiden, sind daher lange Bälle weitestgehend tabu. Auch Abschläge und Ecken werden kurz ausgeführt, auch um Konter zu verhindern. Denn eines haben auch die Testspiele bereits gezeigt: Ballverluste bei solch offensiver Ausrichtung bringen dem Gegner oft in aussichtsreiche Positionen. Gleichzeitig spielt die Mannschaft zum ersten Mal seit Jahren aber auch endlich wieder Fußball. Das Konzept ist deutlich zu sehen und es ist offensiv geprägt. Darauf haben wir lange gewartet. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis das Team Walters Ideen ordentlich umsetzt. Bis dahin könnte es die ein oder andere Niederlage geben.

Wer sich dabei an Ex-Trainer Alexander Zorniger erinnert fühlt, liegt sicher nicht ganz falsch. Der Unterschied ist aber, dass Walter viele Spieler dazu bekommen hat, die sein System mit Leben füllen können. Daher bin ich überzeugt, dass wir eine attraktive Saison erleben und viele Tore sehen werden. Mir ist ein packendes 5:3 sowieso lieber, als ein glückliches 1:0. Und obwohl wir als Aufstiegsfavorit den Druck auf unserer Seite haben, sieht Walter das wohl ähnlich. Alternativlos, quasi.

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