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Ein schiefer Schlussstrich

Wie lange haben wir eigentlich Claus Vogt in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen? Von dem Mann, der im Dezember 2019 als frisch gewählter Präsident in die Kameras strahlte, ist nicht viel übrig. Er wirkt angespannt und gleichzeitig ausgelaugt. Der wochenlange öffentliche Machtkampf hat an ihm gezehrt. Die schlimmsten Monate seines Lebens nennt er diese Zeit – und zumindest das nehme ich ihm voll und ganz ab.

Q&A zur Datenaffäre

Im Minutentakt schenkt sich der Aufsichtsratsvorsitzende Wasser nach, obwohl sein Glas noch fast voll ist. Was er und sein Vorstandsvorsitzender den versammelten Pressevertretern – und damit indirekt den Mitgliedern und Fans – einschenken, geht kaum über das bereits Bekannte hinaus. Ein Befreiungsschlag war nicht zu erwarten, wohl aber mehr als das, was die beiden obersten Repräsentanten des VfB der gespannten Öffentlichkeit zu bieten haben.

Angesichts der Absage an die Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse und den sehr dürren Informationen zur Abberufung der Vorstände macht es wahrscheinlich mehr Sinn, die Punkte aufzulisten, die nicht beantwortet werden. Nicht in der Presserunde und auch nicht in der Mitteilung auf der klubeigenen Webseite. „Fragen und Antworten zur Datenaffäre“ haben sie die Zusammenstellung größtenteils bereits bekannter Informationen genannt. Nur welche Fragen eigentlich? Jedenfalls nicht die, die seit inzwischen einem halben Jahr im Raum stehen.

Die dicken Hunde der „Führungskräfte“

Der offiziellen Erklärung, die an Stelle der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts „Transparenz“ herstellen soll, entnehmen wir, dass „Führungskräfte des VfB Stuttgart“ die bisherige Online-Kommunikation für unzureichend hielten und deswegen begannen – nennen wir das Kind beim Namen –  die Mitglieder und Fans nach Strich und Faden zu verarschen. An diese rechtlich und moralisch fragwürdigen Mittel kann sich beim VfB allerdings geheimnisvollerweise keiner mehr erinnern.

Am liebsten sprechen die Protagonisten über die Zusammenarbeit mit dem Landesdatenschutzbeauftragten Dr. Stefan Brink. Vorbildlich sei die gewesen, zitiert der VfB stolz. Wer den Podcast „Die Akte VfB – Liebling Bosman meets Dr. Stefan Brink“ gehört hat, weiß jedoch, dass seine Behörde nur den Datenschutzverstoß aus dem Jahr 2018 untersuchen durfte, bei dem das wichtigste Beweisstück erst nach Abschluss des Verfahrens auftauchte. Wer die E-Mail mit rund einhunderttausend Datensätzen von Mitgliedern und Fans verschickte und an wen? Offiziell unbekannt, aber im Grunde weiß jeder, welche E-Mail-Adressen in den Feldern Absender und Empfänger geschwärzt wurden. Die Verstöße aus den Jahren 2016 und 2017 bewertet der Spezialist für Datenschutzrecht im Podcast so: „Da hat der VfB einen dicken Hund gebraten.“

Geheimnisvolle Amnesie

Wer wohl Licht ins Dunkel bringen könnte? Vielleicht Andreas Schlittenhardt? Der wurde laut Vogt von Esecon zur „Zeitzeugenbefragung“ gebeten, Genaueres wisse er aber nicht. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Mann, der die meisten offenen Fragen, um die seit Monaten ein Eiertanz sondergleichen veranstaltet wird, im Handumdrehen beantworten könnte, hat nichts zu den sündhaft teuren Ermittlungen beigetragen?

Und Wolfgang Dietrich? Dieses Detail ist Herrn Vogt gerade entfallen. Wusste ausgerechnet der Sonnenkönig, der Schlittenhardt in der fraglichen Zeit wahrscheinlich häufiger sah als seine eigene Familie, nichts von besagten Umtrieben?

Nur damit wir die Dinge einmal ins rechte Licht rücken: Die „Führungskräfte“, die für diese ganzen Betrügereien verantwortlich sind, verweigerten jeden Beitrag zur Aufklärung, klagen aber jetzt aus allen Rohren gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, was wiederum dazu führt, dass die Ermittlungsergebnisse nicht veröffentlicht werden dürfen. Im Grunde tut dem VfB dieses ganze Missverständnis sogar wahnsinnig leid, „denn die betroffenen Mitarbeiter haben sich abgesehen von ihrem Fehlverhalten in Bezug auf die Datenaffäre stets engagiert für unseren Verein eingesetzt“. Es fehlt eigentlich nur noch, dass ein Priester erscheint und virtuelle Heiligsprechungen vornimmt.

Und was ist mit den Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung zur Ausgliederung? „Sorry, vor unserer Zeit“, antwortet Vogt eilig. Hitzlsperger schweigt. Das verzweifelte Bemühen, dieses Thema unter der Decke zu halten, ist bemerkenswert. Und wieder kommt der Gedanke auf, der bereits zu Beginn des Schmierentheaters präsent war: Veranstaltet ihr das alles nur wegen unsachgemäß bearbeiteter Mitgliederdaten?   

Hauen und Stechen und Verbiegen

Da sitzen sie nun, die beiden mit Hoffnungen und Erwartungen überfrachteten VfB-Repräsentanten. Claus Vogt, der „Fanpräsident“, singt dem Ankerinvestor ein Loblied und spricht dem ersten Putschisten eine Jobgarantie aus. Er muss sich ganz schön verbiegen, um allen Erwartungen gerecht zu werden. Von der versprochenen Transparenz bei der Aufklärung ist nach wochenlangem juristischem Hauen und Stechen leider nicht mehr viel geblieben.

Und Thomas Hitzlsperger hat immer noch nicht verstanden, welche Rolle er da im Oktober 2019 übernommen hat. Am liebsten würde er „den ganzen Tag über Fußball reden“, aber das geht als Vorstandsvorsitzender nun einmal nicht. Wie ungebührlich seine öffentliche Kritik am Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden war, ist ihm viel zu spät aufgefallen. Immerhin räumt er im Pressegespräch ein, dass er sich als Vorstand nicht aussuchen könne, welche Personen über ihn Aufsicht führen. Ein erster Schritt der Erkenntnis, doch im Gegensatz zu Vogt fällt ihm ein klares Bekenntnis zur gedeihlichen zukünftigen Zusammenarbeit spürbar schwer.

Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen, dass es zwischen den beiden Männern auf dem Podium höchstens einen mühsam konstruierten Burgfrieden gibt. Die verkrampfte Bemühung, ein sichtbares Zeichen des Neuanfangs zu senden, ist mit Händen zu greifen. Mit Transparenz haben die Aussagen der beiden so wenig zu tun wie der ganze Skandal mit einer „Datenschutzaffäre“. Es ist der Versuch, den Schlussstrich unter eines der unwürdigsten Kapitel der Vereinsgeschichte zu ziehen. Einen ziemlich schiefen Schlussstrich, wenn ihr mich fragt.

VfB – TSG 1899 Hoffenheim 2:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

2 Kommentare

  • Thomas Obermüller

    Esecon GmbH, Esecon LS und der Landesdatenschutzbeauftragte haben ermittelt. 3 Anwaltskanzleien haben die Ergebnisse beurteilt. Kann man einen Skandal eigentlich noch besser aufarbeiten ohne dass dazu Jahre ins Land gehen und die Kosten in die Millionen?
    Der VfB hat sich über die PK und eine Mitteilung an die Mitglieder ausführlich geäußert und nachvollziehbar dargelegt, warum die Ergebnisberichte nicht veröffentlicht werden können.
    Personelle Konsequenzen wurden ebenfalls gezogen.
    Was genau soll der VfB noch machen, damit jeder zu 100% zufrieden ist? Das geht gar nicht, weil manche aus Prinzip weiterstochern wollen.
    Dietrich ist Schnee von gestern. Die Ungereimtheiten bei der Ausgliederungswahl hätte man damals anprangern müssen oder wie lange will man da jetzt noch rummachen? Oder gibt’s vielleicht noch andere Themen mit denen der VfB negative Schlagzeilen machen könnte?
    Ich hake die Sache ab und bin gespannt auf die, vor allem anderen, sportliche Zukunft.

    • Christoph Lohmann

      Danke für Ihren Kommentar, Herr Obermüller.

      Ich verstehe das Bedürfnis, nach vorne zu blicken und wieder über sportliche Themen zu sprechen.

      Die PK und die Mitteilung auf der Internetseite sparen allerdings die entscheidenden Fragen nach wie vor aus. Wer hat das Guerilla-Marketing samt widerrechtlicher Datenweitergabe veranlasst? Wer wusste davon? Hat der AR seine Aufsichtsfunktion verletzt oder war er gar aktiv beteiligt? Warum arbeitet der Projektleiter Ausgliederung, Herr Mutschler, nach wie vor für die VfB AG? Warum wurden nach der Ausgliederung erneut 100 000 Datensätze an Schlittenhardt gesandt? Welche konkreten Vorwürfe führten zur Abberufung der Vorstände Heim und Röttgermann? Und so weiter und so fort.

      Das Bemühen um einen Schlussstrich in allen Ehren, aber von Transparenz zu sprechen, ist dann doch einigermaßen absurd.

      Weiß-rote Grüße

      Christoph Lohmann

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