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Dreier ziehen – nach Hause fahren

Gut vier Monate ist die Aussage des Sportdirektors vor dem Derby in Karlsruhe alt. Zuvor hatte der VfB gegen den VfL Osnabrück alles vermissen lassen, was wir uns in der entscheidenden Saisonphase erhofft hatten. Kein Plan, kein Esprit, keine Tore. Die Gefühlslage der Anhänger hat sich seitdem ins Gegenteil verkehrt. Und nicht nur die. Auch die Mannschaft ist nicht wiederzuerkennen. Könnt ihr glauben, dass neun Spieler, die sich im Juni mit dem damaligen Zweitligaaufsteiger abquälten, auch beim ersten Auswärtssieg in Berlin seit 2013 auf dem Platz standen? 

Das Spiel im Olympiastadion ist kein Leckerbissen. Wenig Spielfluss, verbissene Zweikämpfe und kaum gelungene Aktionen Richtung gegnerisches Tor. Nur dass die Hertha dieses Mal die Rolle des VfB aus der Zweitligasaison einnimmt und das junge Team um Kapitän Castro die des Spielverderbers. Während die Berliner mit Gott und der Welt hadern, verdichtet der VfB geschickt die Räume und geht mit Leidenschaft in die Zweikämpfe.

Atakan Karazor, der in seinem ersten Bundesligaspiel von Beginn an nach anfänglichen Wacklern eine bemerkenswerte Vorstellung im Zentrum der Dreierkette liefert, feuert seine Teamkameraden immer wieder an. Man klatscht sich ab und hilft sich gegenseitig aus. Auch wenn die Kugel phasenweise schnell wieder verloren geht, bekommt man das Gefühl, dass die Mannschaft auch am Spiel gegen den Ball Spaß gefunden hat. Das intensive Pressing schmeckt der Hertha in der ersten Hälfte überhaupt nicht. Immer wieder müssen sie den Spielaufbau abbrechen. Es sieht so aus, als habe Matarazzo seiner Mannschaft Videos aus der letzten Saison gezeigt und ihr mit auf den Weg gegeben: Tretet so auf wie die Gegner letzte Saison gegen uns.

Neben dem taktischen und individuellen Fortschritt ist vor allem der neue Teamgeist auffällig. Auch wenn spielerisch noch längst nicht alles rund läuft, strahlt die Truppe eine ganz andere Energie aus. Wie wichtig so etwas im Abstiegskampf ist, wissen wir spätestens seit letztem Jahr, als die Mannschaft unter Weinzierl in Grüppchen zerfaserte und am Ende unterging. Pellegrino Matarazzo und seinem Trainerteam gebührt schon jetzt Respekt für diese Leistung. Ich habe ihnen nach Saisonende nicht zugetraut, einen solchen Spirit zu erzeugen.

Auch andere Entwicklungen habe ich nicht kommen sehen und freue mich deshalb umso mehr darüber. Was ist zum Beispiel mit Tanguy Coulibaly passiert? Habt ihr den letzte Saison mal in der Oberliga beobachtet? Schüchtern, ohne Bindung zum Spiel, kaum Akzente. Was sich in der Vorbereitung schon andeutete, bringt er in seinem ersten Startelfeinsatz in Berlin auf den Rasen. Als ständiger Unruheherd liefert er sich packende Duelle mit seinem Gegenspieler Zeefuik, zeigt einiges aus der Trickkiste, bereitet aber auch zwei Großchancen von Kalajdzic mustergültig vor. Er hat ohne Frage einen Sprung gemacht.

Doch nicht nur die Jungen überraschen, sondern auch „Abuelito“ Castro. Der 33-Jährige macht zu Saisonbeginn seine besten Spiele im VfB-Trikot. Balleroberung – schneller Antritt – doppelter Doppelpass – knackiger Abschluss mit rechts. Solche Aktionen hat man von ihm in den vergangenen zwei Jahren nicht gesehen. Seine neue Rolle als Antreiber im offensiven Mittelfeld lässt wieder aufblitzen, was er fußballerisch alles drauf hat. Die Lethargie ist verschwunden.

Bei der Einordnung des Überraschungscoups in Berlin darf man allerdings nicht unterschlagen, dass sich die blau-weiß Gestreiften ziemlich dusselig anstellen. Sinnbildlich: Ihre größte Torchance hat Mangala mit einem Querschläger im eigenen Strafraum. Aber auch beim VfB sind Schwächen zu erkennen. So haben die Wingbacks im Defensivverhalten noch Luft nach oben und viele Konter bleiben schon im Ansatz stecken, weil die Anspiele zu unpräzise sind. Zwei Schüsse aufs Tor werden nicht immer für ein 2:0 reichen. Ein großes Lob dagegen an die neu zusammengestellte Abwehrkette. Die drei sind für mich gemeinsam mit Castro die Matchwinner. Dass Wataru Endo auch in der Bundesliga unglaublich viele Bälle abläuft, hält man inzwischen schon für selbstverständlich.

7 Punkte und 9 Tore nach 4 Spielen. Der VfB spielt zu Saisonbeginn in der Bundesliga eine Rolle, die ich ihm nicht zugetraut habe. Allen denjenigen, die bereits jetzt eine Schlange reuiger Kritiker an der Mercedesstraße fordern, sei aber gesagt: Das Kind macht gerade seine ersten Schritte. Die nächste Tischkante kommt bestimmt.

Hertha BSC Berlin – VfB 0:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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