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Rinos Realitätscheck

Geisterspiele kennen wir bereits aus dem Frühsommer. Aber habt ihr jemals einen Geisterelfmeter gesehen? Während der Kameramann noch auf Kempfs blutiges Trikot zoomt, hallt ein Pfiff durchs gähnend leere Neckarstadion. Guido Winkmann läuft mit ausgestrecktem Arm Richtung VfB-Strafraum. Ist ihm der Geist von Dzennis Burnic erschienen? Als sich die Nebelschwaden verzogen haben, zappelt der Ball im Netz. Und selbst die Kölner wissen nicht so recht, wie ihnen geschah.

Dabei hatte alles so euphorisch begonnen. Die lokale Presse konnte es sich vor dem Freitagsspiel gegen den Effzeh nicht einmal verkneifen, die rechnerisch mögliche Tabellenführung zu thematisieren. Eine bemerkenswert tiefe Recherche, sagen Spötter – und warten weiter auf eine investigative Berichterstattung zur Cannstatter Vereinspolitik. Am Ende steht ein umkämpftes Remis und (vorläufig) Platz 4. Eine vertane Chance? Machen wir Rinos Realitätstest.

Schaut man ins Datencenter, überstrahlte der VfB vor der Partie seinen Gast aus dem Rheinland. Don Pellegrino sah sich bei der Pressekonferenz plötzlich in die Favoritenrolle gedrängt. Doch er lehnte dankend ab: „Wir wissen, wo wir herkommen.“ Und: „Wir müssen wieder ans Limit gehen, um zu punkten.“ Ob sich der VfB-Trainer die Heimbilanz gegen die Geißböcke in den letzten zwanzig Jahren angeschaut hat? Die gleicht nämlich einer Fahrt mit der Geisterbahn: 7 Niederlagen in 11 Spielen. Aber Matarazzo geht es um Entwicklung. Das Team und die einzelnen Spieler sollen dazulernen. Zum Beispiel, dass man vom Anpfiff weg hellwach sein muss.

Kalajdzic – Endo – Stenzel – Karazor – Stenzel – Karazor – Castrooo – Didavi – Kalajdzic – Mangala. Oh-la-la! Der Ball schlägt im Kreuzeck ein. 10 Stationen in 26 Sekunden – ein Spielzug, der selbst im Anfängermodus auf der Konsole selten gelingt. Nur wenige Minuten später zirkelt Daniel Didavi einen Freistoß aus 25 Metern gegen die Unterkante der Latte. Hand aufs Herz, wer hat in dieser Phase keinen klaren Heimsieg erwartet?

Das Spiel beginnt jedoch schon früh zu kippen. Vom frechen Offensivgeist der jungen Wilden ist am Freitagabend wenig zu sehen. Die rasante Vertikalität blitzt nur sporadisch auf. Die Rheinländer haben sich auf die schnellen Wingbacks eingestellt und ziehen gleichzeitig dem schwäbischen Powerhouse den Stecker. Das FC-Mittelfeld um Ondrej Duda bekommt die Stuttgarter Zentrale im Spielverlauf immer besser unter Kontrolle. Das Ergebnis: eine Bundesligapartie auf schwachem Niveau, vor allem in der zweiten Halbzeit.

Während die Kölner die Schwächen der VfB-Abwehr auf den Außenpositionen nicht zu nutzen wissen, können sich Kalajdzic und Co gegen das robuste Bollwerk um den belgischen Nationalspieler Sebastiaan Bornauw kaum einmal durchsetzen. Matarazzo versucht im zweiten Durchgang Silas offensiver zu positionieren, indem er Endo in die Abwehrkette zurück und Stenzel auf die Rechtsverteidigerposition beordert. Ein Dilemma des 3-4-2-1 ist nämlich, dass sowohl Coulibaly und Wamangituka als auch González und Massimo ihre Stärken im dynamischen und trickreichen Angriffsspiel haben. Als Wingbacks werden sie aber immer wieder auf den defensiven Außen gebunden. In vorderster Reihe fehlt dann die Geschwindigkeit, um für Gefahr zu sorgen.

In der Schlussphase geben sich beide Mannschaften mit dem Punkt zufrieden. Damit darf sich das Kölner Eichhörnchen eine zweite Nuss für den langen Winter ins Nest legen, und die von der Stuttgarter Presse erfundenen Fanträume sind schnell wieder geplatzt: „Der gute Saisonstart ändert nichts an der Tatsache, dass wir um den Klassenerhalt kämpfen werden.“ Keine weiteren Fragen, Herr Matarazzo.

VfB – 1.FC Köln 1:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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