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Der Mateschitz von Cannstatt

Der VfB Stuttgart ist ein gern gesehener Gast in der Bundesliga. Er füllt problemlos den Gästeblock, schickt seinen mit allen Wassern gewaschenen Botschafter auf die Ehrentribüne und einen Haufen Hasenfüße auf den Rasen. Dreizehn Mal überreichte man dem Gastgeber mehr oder weniger kampflos die Punkte, neun Mal reiste der Traditionsverein mit drei oder mehr Gegentoren im Gepäck zurück nach Cannstatt. Nur ein einziges Mal gelangen drei Auswärtstore, die am Ende aber auch nur zu einem Pünktchen im Breisgau reichten. Der Trainer – die Älteren werden sich erinnern – hieß damals Tayfun Korkut.

Heute haben wir Nico Willig und die Halbwertszeit seiner Ideen beträgt eine Woche. Oder sagen wir: So lange dauert der Trainerwechseleffekt bei unserer charakterschwachen Truppe. Dann ist da wieder dieses Lethargische, mit dem die Mannschaft das Spiel erduldet, statt es zu spielen, das Überhastete, mit dem die Stürmer Torchancen schon im Ansatz zunichtemachen, das Tapsige, das unsere Abwehr stellenweise zur Zirkusnummer macht, das Hölzerne, mit dem unser Mittelfeld über den Platz rumpelt, das Ideenlose, das einem beim Zusehen fast körperliche Schmerzen zufügt.

Man braucht dieser Tage also schon ein ganz besonderes Gemüt, um Freude an diesem Club zu haben. So wie der Verfasser dieser Fanpost:

Sehr verehrter Präsident, lieber Herr Dietrich,

ich habe Sie am Samstag auf der Ehrentribüne des Olympiastadions leiden sehen und will Ihnen hiermit Mut zusprechen. Ja, es war zugig. Da kann man sich schon mal erkälten. Aber wer Sie kennt, Herr Dietrich, weiß, dass Sie nicht so leicht kleinzukriegen sind. Fantastisch, wie Sie neulich den Witzfiguren das Wasser abgegraben haben, die Ihnen Ihr Unternehmertum zum Vorwurf machen. Wenn Sie nicht so ein Cleverle wären, hätte der Daimler Sie doch nie für den Posten ausgewählt. Überhaupt: Was ist eigentlich schlimm daran, wenn jemand ehrlich sein Geld verdient? Wissen Sie, es gibt immer welche, denen es nicht passt. Ihr Freund Uli zum Beispiel macht´s mit Würstchen und bringt damit die Vegetarier auf die Palme. Dann doch lieber mit Krediten. Und so geschickt konstruiert, dass es die Krakeeler sowieso nicht verstehen.

Sie und ich, Herr Präsident, wir haben nämlich Herzblut für den VfB und Grips im Kopf. Wie Sie den Reschke damals nach Stuttgart geholt haben, ein echter Coup! Schade nur, dass das Umfeld für so einen Profi noch nicht bereit war. Jetzt startet er wohl in Gelsenkirchen durch. Überhaupt haben Sie den Verein auf ein neues Niveau gehoben. Wir sind jetzt eine AG, wie die ganz Großen, und bezahlen Trainer und Spieler quasi aus der Portokasse. Mit Ihrem unternehmerischen Geschick und der Expertise der Daimler-Leute kriegen wir sogar noch den Maffeo verkauft: Wenn der im Training drei Mal einen fahren lässt, muss der neue Verein ihn für eine festgeschriebene Summe verpflichten. Und beim regionalen Engagement sind Sie auch ganz vorne. Nächste Saison machen wir in der Oberliga eine einjährige Marketingtour, damit die Leute in Oberachern und Ilshofen auch mal den großen VfB erleben dürfen. Seit Sie da sind, hat man das Gefühl, dass echte Experten am Werk sind.

Herr Präsident, lassen Sie sich nur nicht von Ihrem Weg abbringen. In Leipzig zeigt sich ja gerade, dass man für einen Champions-League-Club keine aktive Fanszene braucht. Merchandising funktioniert mit solchen Dickköpfen sowieso nicht. Wir brauchen zahlungskräftige Kundschaft mit Visionen: RB Stuttgart klingt doch gar nicht schlecht. Und das „B“ haben wir sowieso schon. Synergie!

Also, halten Sie bitte durch, Herr Dietrich. Das kleine Wellental wird bald überwunden sein und das Gemotze der verbohrten Romantiker verstummen. Dann werden Sie als der Mateschitz von Cannstatt in vollem Glanz erstrahlen.

Mit sportlichen Grüßen

Ein Edelfan 

Nicht jeder kann freilich so optimistisch in die Zukunft schauen. Vor allem die Auswärtsfahrer nicht. Von Mainz bis Berlin eine Tour der Enttäuschungen. Schon mein Lieblingsliedermacher Hans Söllner besang in „Endlich eine Arbeit“, wie er als junger Bursche gelernt hatte, etwas nicht zu kriegen, und prägte damit gemeinsam mit Charles Bukowskis „Der Mann mit der Ledertasche“ meine spätpubertäre Vorstellung von Arbeit.

Hans Söllners „Endlich eine Arbeit“ (1983) in der VfB-Version

„I foahr hoam und farb mir meine Hoar, ich ziag ma Springastiefl und mei Leopardenhosal oh … jo-jo-jo dann schaug ma amol, ob i die Oarbeit kriag.“ Eine ähnliche  Strategie haben sich wohl die Drückeberger vom VfB zurechtgelegt, denn dass sie das Spiel in Berlin ernsthaft gewinnen wollten, können sie selbst einem gelangweilten Sesselfurzer vom Arbeitsamt nicht weismachen. So singen wir also in Vorfreude auf die Reise nach Gelsenkirchen: „I fahr hoim ond schempf mol wiadr über´n VAR, i ziag bunde Balledschüale ond mei Bruschdringtriggo oh … jo-jo-jo noh gugg mer amol, ob i foh Schalke ebbes breng“.

Hertha BSC Berlin – VfB 3:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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