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Das Prinzip Leistung

Nehmen wir einmal an, ein neutraler Fußballliebhaber habe sich zufällig in die Übertragung des Freitagabendspiels der Bundesliga verirrt. Wie lange hätte es wohl gedauert, bis er umschaltet? Das geschlossene Dach der Schalke-Arena sorgte nämlich für eine unangenehme Akustik Marke Tiefgarage. Warum der übertragende Bezahlsender allerdings das Gebrüll von Manuel Baum und Co auch noch extra laut aussteuerte, bleibt sein Geheimnis. Aber nicht nur die Ohren wurden beleidigt, sondern auch die fußballerischen Darbietungen erreichten kaum Bundeliganiveau. Mit anderen Worten: Über weite Strecken war das Auswärtsspiel des VfB auf Schalke ein echter Höfleswetz.

Beim Blick auf die Kommentare der VfB-Fans nach dem Spiel reibt man sich verwundert die Augen: Wenig Kritik, dafür umso mehr Aufmunterung und Lob für die Brustringträger sind da zu lesen. Was ist nur mit dem kritischen Stuttgarter Publikum geschehen? Um diese Frage zu beantworten, muss man die Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit, den Saisonstart des VfB als Ganzes, die Auf- und Einstellung der jungen Truppe sowie die öffentliche Kommunikation der schwäbischen Fußball-AG berücksichtigen. Der Anhang hat inzwischen verinnerlicht, dass der Weg zurück zu einem etablierten Bundesligisten steinig ist. Angesichts der niedrigen Erwartungen vor Saisonbeginn erscheint jeder Punktgewinn als Erfolg, selbst gegen den taumelnden Tabellenvorletzten aus Gelsenkirchen.       

Obgleich die Bundesligasaison noch sehr jung ist, gehört das Auswärtsspiel auf Schalke schon zur Kategorie Abstiegskampf. Wie wichtig da Duelle mit direkten Konkurrenten sind, wissen wir spätestens seit den beiden jüngsten Abstiegen. Erinnert ihr euch beispielsweise noch an den 6. Oktober 2018, als Korkut beim damaligen Schlusslicht aus Hannover wieder einmal mutlos aufstellte und nach der 1:3-Niederlage seine Papiere abholen durfte? Oder an das schmerzhafte 0:6 in Augsburg, das Weinzierls Ende besiegelte? Auch Jürgen Kramny schlitterte 2016 zunächst beim 0:1 in Augsburg und danach mit dem 2:6 beim Montagsspiel in Bremen immer tiefer in den Schlamassel. Obwohl der Vergleich etwas hinkt, bleibt doch festzuhalten, dass man Niederlagen gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf vermeiden sollte. Nach dem 1:1 gegen die Königsblauen hält der VfB seinen Vorsprung von 7 Punkten und 21 (!) Toren. In der frühen Saisonphase nicht besonders aussagekräftig und doch irgendwie beruhigend.

Die Frage nach der wahren Leistungsfähigkeit der jungen Mannschaft steht also weiterhin im Raum. Kann man den Saisonstart nach inzwischen sechs Spieltagen seriös bewerten? Die einen antworten mit 9/40, die anderen wollen lieber auf die Spiele gegen Frankfurt, Hoffenheim und Bayern warten. 9 Punkte aus 9 Spielen, das klänge nämlich plötzlich nicht mehr so sexy.

Der Diplom-Mathematiker auf der Trainerbank stellt solche Berechnungen gar nicht erst an. Zumindest behauptet er das. Die Entwicklung der Nachwuchsspieler sei ihm wichtiger. Sein Sportdirektor sekundiert: Das Leistungsprinzip stehe über allem. Das Problem: Die Leistungskurve junger Spieler pflegt auf und ab zu gehen. Der 19-jährige Franzose Tanguy Coulibaly befindet sich momentan oben auf der Welle. Auch Klimovicz, Kalajdzic und Silas konnten in den letzten Wochen viel Positives über sich lesen. Aber auch für sie wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Silas kämpft mit Knieproblemen, Sasa mit der kompromisslosen Spielweise der Bundesligaverteidiger. Und Lilian Egloff? Die personifizierte VfB-Hoffnung bekam im Training die Härte des Profibusiness zu spüren und muss sich nach seiner Sprunggelenksverletzung jetzt über die Regionalliga wieder herankämpfen. Wie schwierig das ist? Fragt mal Philipp Förster, der nach wochenlangem Aufbautraining und Einsätzen in der zweiten Mannschaft am Freitag sein Bundesligadebüt feiern durfte.   

Die Jungen Wilden sind in aller Munde, jedoch sollte man den Anteil der Erfahreneren am erfolgreichen Saisonstart nicht unterschätzen. Markus Weinzierl nannte dieses Gerüst einst in La Manga seine Achse. Uns läuft ein Schauer über den Rücken: Zieler, Kempf, Aogo, Gentner, Gomez. Jetzt hat auch Matarazzo nach wackeliger Zweitligarückrunde seine Achse gefunden: Kobel, Kempf/Anton, Endo und Castro, flankiert von Stenzel und Mangala. Diese Spieler haben in den ersten Spielen bereits bewiesen, dass sie bundesligatauglich sind. Und noch wichtiger: Dass sie eine Stütze für die Greenhorns sein können.

Wenn Karl Lauterbach in punkto Medienpräsenz derzeit der König ist, darf man Sven Mislintat wohl als Edelmann bezeichnen. Seit der VfB wieder positiv in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wird, gibt der Westfale ein Interview nach dem anderen. SWR, StN/StZ, Spox, Kicker, Sport Bild, DAZN, es gibt kaum ein einschlägiges Medium, das den VfB-Sportdirektor nicht exklusiv zum Gespräch gebeten hätte. Meine Frage: Liegt das nur am spannenden Projekt der Jungen Wilden 2.0 oder auch an der PR-Agenda aus der Mercedesstraße? Immerhin läuft der Vertrag des Diamantenauges im kommenden Sommer aus. Nimmt man die allgemeine Stimmung zum Maßstab, können wir mit einer Verlängerung in historischer Dimension rechnen. Sechs Jahre nebst Erhöhung der Bezüge und Ausweitung der Befugnisse. Wer bietet mehr?

Erinnert sei an dieser Stelle noch einmal an das Leistungsprinzip, das die neue VfB-Führung ausgerufen hat. Konkret: Wer sich in der Regionalliga kaum durchsetzen kann, ist erstmal keine Option für den Profikader. Das bedeutet dann aber auch: Wer mit dem größten Budget der Liga mit Ach und Krach den Aufstieg geschafft hat, darf nach einem gelungenen Saisonstart noch keine großen Ansprüche stellen. Oder wie Mislintat selbst sagt: „Es geht in dieser Saison nur um den Klassenerhalt und in den nächsten Saisons, sollten wir uns jeweils in der Liga behaupten, erneut.“ Vielleicht wäre ja in zwei Jahren der geeignete Zeitpunkt, die Leistung des Sportdirektors neu zu bewerten.

Unterm Strich bleibt an diesem ersten Novemberwochenende die Erkenntnis, dass sich die obligatorische VfB-Herbstkrise weiter verzögert. Im Gegenteil, manch einer passt vor lauter Begeisterung über die verwandelte Mannschaft kaum noch durch die Tür. Mag sein, dass sich diejenigen das Spiel auf Schalke noch einmal aus der Perspektive des neutralen Fußballliebhabers anschauen sollten. Dann geht´s vielleicht wieder.

FC Schalke 04 – VfB 1:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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