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Bye-bye, Corona-Saison

Am letzten Spieltag haben wir schon die verrücktesten Dinge gesehen. In neun Stadien gleichzeitig serviert die Bundesliga gewöhnlich eine Mischung aus Kirmes und Tragödie, aus Größenwahn und Abschiedstournee. Dass der VfB in dieser Saison nur als Statist im großen Finale auftrat, ist für uns der wahre Grund zu feiern. Genauso souverän, wie sich die Mannschaft während der ganzen Saison vom Abstiegskampf fernhielt, distanzierte sie sich gestern von den drohenden Europacup-Plätzen. Auf die Schützenhilfe aus Bremen und Berlin wären wir gar nicht angewiesen gewesen.  

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Foto: @VfB

Die schlechteste Bundesliga aller Zeiten?

Ohne dem VfB seine gute Runde kaputtreden zu wollen, muss man diese Frage stellen. Mainz reichte nach einem katastrophalen Saisonstart, als der ganze Verein zu implodieren drohte, eine starke Rückrunde zum Klassenerhalt. Mit Hertha und Augsburg haben zwei Mannschaften, die in dieser Saison nicht wirklich Fußball gespielt haben, die Liga gehalten. Und warum Köln in zwei Relegationsspielen noch um den Nichtabstieg kämpfen darf, wissen sie am Rhein wohl selbst nicht so genau.

Im vorderen Tabellendrittel bietet sich ein ähnliches Bild. Der FC Bayern musste trotz einer durchwachsenen Saison nicht wirklich um die Meisterschaft kämpfen. Der BVB steht mit 10 Niederlagen auf einem Champions-League-Platz, während sich Leipzig, Frankfurt und Gladbach mit ihren angekündigten Trainerwechseln selbst ein Bein stellten. So zufrieden wie beim VfB ist man wohl nur noch in Wolfsburg, Köpenick und Freiburg, wo sich ebenfalls die Konstanz in der sportlichen Führung bezahlt machte. Der objektive Blick auf das sportliche Niveau der Corona-Saison ist ernüchternd.

Angstgegner Bielefeld

Und was ist mit der bescheidenen Arminia? Die Schwäche der Konkurrenz schubste auch die Ostwestfalen mit letzter Kraft über die Ziellinie. Während die Matarazzo-Elf gegen Mannschaften wie Dortmund, Gladbach oder Frankfurt überraschte und gegen Mainz, Augsburg oder Bremen ihre Pflicht erfüllte, waren die beiden Spiele gegen Bielefeld ein Abbild der Zweitligasaison.

Nach der 0:3-Pleite auf der Alm und einer genauso dominanten wie uninspirierten ersten Hälfte gestern verschenkte der VfB danach großzügig die Punkte. Statt der vom Trainer erhofften Wiedergutmachung gab es die Bestätigung, dass sich die Mannschaft gegen tief stehende, kämpferisch starke Gegener nach wie vor schwer tut. Matarazzo darf schon jetzt anfangen zu knobeln, wie er Blau-Schwarzen in der nächsten Saison knacken will.

Wer hat Angst vor dem Transferfenster?

Der Käptn verabschiedet sich, genauso Marcin, der Musterprofi. Mit Beginn der wohlverdienten Sommerpause wird immer deutlicher, dass die Mannschaft ihr Gesicht verändern wird. Marc-Oliver Kempf sehnt sich nach der Heimat, Gregor Kobel beschäftigt sich mit dem nächsten Karriereschritt und Nico González träumt eher von der Copa America als vom Brustring. Auch diese drei Spieler erwarte ich Ende Juni nicht zurück in Bad Cannstatt.

Die entstehenden Lücken stellen Sven Mislintat und sein Team vor eine interessante Aufgabe. Können sie die Mannschaft trotzdem weiterentwickeln? Finden sie wieder die richtige Mischung zwischen Stabilität und Unbekümmertheit? Angesichts der ständig lauernden Gefahr, dass Leistungsträger wie Orel Mangala oder Sasa Kalajdzic auf dem Transfermarkt attackiert werden, sehe ich in den kommenden Wochen eine Zitterpartie auf uns zukommen.

Reclaim the game

Nicht nur die VfB-Spieler sind am Ende dieser langen Saison platt. Seit Mitte September jagt ein Spiel das andere. Wohl dem, der keine Kontinentalmeisterschaft oder Olympiade vor sich hat und erst einmal ein paar Wochen die Beine hochlegen kann. Wenn alles gut läuft, dürfen wir uns im August wieder auf richtigen Fußball freuen.

Ich meine Fußball mit Stadionwurst und Gesängen, mit Auswärtsfahrten und diesem wunderbaren Kribbeln im Bauch. Ich meine Fußball für alle und nicht nur für die besonderen Fans, die vor allem mit sich selbst solidarisch sind und vor den Stadien rumhüpfen. Ich meine einen Fußball, der sich nicht nur an den Rekorden eines RL9 ergötzt. Holen wir uns unseren Fußball wieder zurück!

VfB – DSC Arminia Bielefeld 0:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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