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VfB Stuttgart, das sind wir!

„Dass im Moment großer Enttäuschung die hervorragenden Rahmenbedingungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren geschaffen haben, keine Rolle spielen, ist mir völlig klar.“ Präsident Wolfgang Dietrich hat eine sehr eigene Sicht auf die Dinge. Mit „wir“ meint er in der Regel sich selbst, in seinen Analysen blendet er konsequent alle Faktoren aus, die das Narrativ von der wunderbaren Auferstehung des VfB unter seiner Führung stören.

Wenn der von ihm installierte Sportvorstand Reschke dieser Tage sagt, er spüre „nach wie vor großes Vertrauen“ und man arbeite „gemeinschaftlich mit unglaublicher Wucht“, muss man sich wohl eine Szene vorstellen, wie kürzlich auf dem Trainingsgelände festgehalten: „Wolle“ und „Mischa“, die Hände tief in den Taschen vergraben, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Ihr Schicksal ist inzwischen untrennbar verbunden: Wenn Dietrich scheitert, bleibt Reschke keinen Tag länger im Amt. Wenn Dietrich seinen Sportvorstand fallen lassen muss, ist sein eigenes Ende nicht fern.

Noch sprechen sie von „hervorragenden Rahmenbedingungen“ und schieben Zahlen wie den Mitgliederzuwachs oder die Zuschauerstatistik vor sich her. Die Auflösungserscheinungen beim VfB sind aber nicht mehr zu kaschieren. „Die Stimmung dreht sich, die Leute sind kolossal frustriert“, sagt ein Sprecher der Ultras, denen Herr Reschke immerhin das Video von der Karawane Cannstatt zu verdanken hat, mit dem er angeblich schon den einen oder anderen dicken Fisch geködert hat. Ein Fanclub-Sprecher bezeichnet die Gemütslage nach der Heimniederlage gegen Mainz schon als Untergangsstimmung. Selbst die lokale Presse, die sich kritische Fragen an die Führung lange verkniff, formuliert jetzt deutlicher: „Reschke hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.“

Die durch die Ausgliederung angeblich geschaffenen professionellen Strukturen erweisen sich als wenig tragfähig. Die Außendarstellung des VfB verkommt stellenweise zur Farce, eine sportliche Gesamtstrategie ist weiterhin nicht in Sicht, das U21-Konzept für die Zweite schon nach wenigen Monaten gescheitert. Und: Es fehlt ein Korrektiv. Dietrich ist gleichzeitig Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender der AG, Reschke muss bei Transferentscheidungen wenig Widerspruch fürchten. So konnte er den beim VfB groß gewordenen Berkay Özcan mal so eben an die Konkurrenz verscherbeln, weil der von ihm verpflichtete Trainer offenbar im Moment nicht auf den Spieler baut. Genauso wenig wie auf Maffeo, Akolo und Badstuber. Ein ganz schönes Säckchen Geld, das da in Cannstatt auf dem Abstellgleis parkt.

Als das Fußballmagazin Elf Freunde in den sozialen Medien fragte, was man sich im Fußball wünschen würde, wenn man einen Wunsch an die Zauberfee frei hätte, antwortete ein User: Dass der VfB mal was richtig macht. Momentan ist es leider wahrscheinlicher, dass der reine Samstag-15:30-Spieltag kommt. Während sich Profivereine bundesweit mit klaren Statements an der Aktion gegen Rassismus beteiligen, druckst der VfB wieder nur herum. Der Präsident geht lieber mit AfD-Anwalt Steinhöfel essen. Bei der Mitgliederwerbung dreht die Marketingabteilung inzwischen völlig frei und bombardiert die genervten „Kunden“ mit billigen Ködern auf allen Kanälen.

Aber auch wenn unser Verein, der eigentlich keiner mehr ist, uns einen Schock nach dem anderen versetzt, wäre nichts schlimmer, als jetzt die Dauerkarte zurückzuschicken, Grablichter in der Mercedesstraße anzuzünden oder die Mitgliedschaft zu kündigen. Selten zuvor hat der VfB Stuttgart seine Mitglieder und Fans so dringend gebraucht wie heute. Nicht wegen des Abstiegskampfs, geschenkt, inzwischen geht es um viel mehr. Um alles.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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