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Sehr geehrter Herr Mislintat,

Sie sahen gestern im Fernsehen nicht gut aus. Doch als der Beitrag über das Diamantenauge eingespielt wurde, haben Sie sich sichtlich gefreut. Der Matchmetrics-Pionier, der Lewandowski-Entdecker, der international angesehene Fußballfachmann, so sehen Sie sich wohl gerne selbst. Ich verstehe, dass sich Ihre Eigenwahrnehmung mit der traurigen Realität an einem verregneten Sonntag auf einer Karlsruher Baustelle schwer in Übereinstimmung bringen lässt. Da sieht das Hemd dann schon mal zerknittert aus, die Frisur derangiert, die Gesichtszüge verhärtet. Statt dem coolen Dude erleben wir einen trotzigen Funktionär.

Was sagen Sie, Herr Mislintat, wenn man Sie nachts um drei aufweckt? Ich habe eine Vermutung: „Zwischen Thomas Hitzlsperger, Markus Rüdt und mich passt kein Blatt Papier.“ Auch gestern quillt es wieder aus Ihnen heraus. Dabei erwähnen Sie, dass Sie gemeinsam vor einem Jahr das Projekt begonnen haben. Einen neuen VfB Stuttgart wollten Sie aufbauen. Leidenschaftlich, mutig und stolz sollte er sein. Sie haben den Kader umgekrempelt und einen Trainer verpflichtet, der für Aufbruch und Selbstbewusstsein steht. Wenn Sie diesen Anspruch einmal objektiv als Maßstab an die leidenschafts- und niveaulosen Auftritte der letzten Wochen legen würden, wie fiele Ihr Urteil aus?

Aber erst im Dezember, sechs Monate vor Ablauf des Vertrages, sei die Zeit, Sie und Ihre Arbeit zu bewerten, erfuhr ich gestern bei SWR Sport. Glauben Sie das wirklich? Mag sein, dass Sie Schwaben als Fußball-Entwicklungsland sehen, rückständig im Vergleich zu Dortmund oder Arsenal London. Aber glauben Sie mir, auch wir haben hier schon guten Fußball gesehen. Und wir haben eine Abneigung gegen Leute, die von außen kommen und glauben, alles besser zu wissen. Ihr Vorgänger aus dem Rheinland wurde hier zunächst hofiert und dann vom Hof gejagt. Und dabei, das nur mal ganz unter uns, durfte er sich den Zeitpunkt seines Abgangs mitnichten selbst aussuchen.

Was Sie zum Zustand der Mannschaft im Fernsehstudio zu sagen haben, klingt wenig überzeugend. Da machen Sie aus der Niederlage in Wiesbaden kurzerhand ein Unentschieden, preisen den Widerstand der Mannschaft bei der Pleite in Kiel und loben den Trainer für seine akribische Arbeit. Rino ist Ihr Mann, auch für die kommende Saison, das haben wir verstanden. Wenn man allerdings das Lineal anlegt und von Januar bis heute eine Gerade zieht, führt diese Linie geradewegs in den Abgrund. Was die Mannschaft am Sonntag gegen einen wieder einmal äußerst limitierten Gegner auf den Platz brachte, ist nichts weiter als eine Farce. Um das zu erkennen, muss man kein hochdekorierter Fußballexperte sein. Es ist auf niederschmetternde Art und Weise offensichtlich, dass Sie ein totes Pferd reiten.

Auch wenn der Aufstieg rechnerisch noch zu schaffen ist, sehen wir alle, dass diese Truppe keine drei Siege mehr holen wird. In diesem Zustand wird der VfB wahrscheinlich sogar kein einziges Spiel mehr gewinnen. Das Gerüst, das einer Mannschaft Halt geben soll, ist windschief und morsch. Während der etatmäßige Spielführer auf der Bank schmort, stehen in Karlsruhe am Ende drei Innenverteidiger auf dem Platz: Holger Badstuber, der Grantler, der sich zu Höherem berufen fühlt, Marcin Kaminski, der in den letzten sechs Spielen mehr Gegentore verschuldete, als Kempf in den letzten zwei Jahren, und Nathaniel Phillips, der Notnagel von Liverpools zweiter Garde. Der Spieler, der die Mannschaft in Karlsruhe als Kapitän aufs Feld führen durfte, ist zu diesem Zeitpunkt bereits ausgewechselt: Pascal Stenzel, die Leihe aus Freiburg. Der Rekord für die meisten Auswechslungen eines Kapitäns wackelt. Kein Wunder, wenn die Binde nicht mehr bedeutet als ein Stofffetzen am Arm.   

Sie plädieren dafür, sich jedes einzelne Spiel anzuschauen, um die Gründe für die Misere zu analysieren? Wollen Sie uns das wirklich antun? Und können Sie uns dann tatsächlich erklären, warum die Mannschaft in der Endphase der Rückrunde mindestens genauso verunsichert wirkt, wie in den letzten Spielen unter Walter? Warum schafft es ein Aufstiegsaspirant gegen deutlich schwächere Teams zu keinem Zeitpunkt, Druck aufzubauen und Torchancen zu erspielen? Warum gibt sich der VfB wie schon gegen Osnabrück bereits eine Viertelstunde vor Schluss auf? Warum klafft eine so große Lücke zwischen den Ankündigungen vor dem Spiel und den Leistungen auf dem Platz?

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, Herr Sportdirektor. Eine ehrliche und selbstkritische Analyse kann ich bei Ihnen allerdings nicht erkennen. Stattdessen verstecken Sie sich hinter Phrasen und Ausreden. Und was macht eigentlich Ihr Sportvorstand? Als er Sie einstellte, nannte er Sie eine wertvolle Unterstützung. Inzwischen bekleidet er das Amt des Vorstandsvorsitzenden und überlässt die sportliche Leitung weitgehend Ihnen. Während sich auf seinem Schreibtisch die Aufgaben stapeln, wird die Kluft zwischen Ihren öffentlichen Aussagen und dem sportlichen Leistungsstand der Mannschaft immer größer. Ob Ihr Vorgesetzter dem Wunsch entspricht, mit der Aufarbeitung bis Dezember zu warten? Wir werden sehen.

Bis zum nächsten Spiel bleibt wenig Zeit, Herr Mislintat. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, halten Sie sich mit vollmundigen Ansagen zurück und schärfen Sie Ihr Diamantenauge für die Fehlentwicklungen in Ihrem Verantwortungsbereich. Es ist höchste Zeit.

Mit weiß-roten Grüßen  

Karlsruher SC – VfB 2:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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