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Schwamm drüber?

„Jetzt kommt es auf Zusammenhalt an. Unsere Mannschaft sowie unser neuer Trainer brauchen für die letzten vier Spiele dringend den geballten Rückhalt aller VfBler“, schreibt Präsident Dietrich in einem offenen Brief an die Gremienmitglieder. „Wir können die Saison noch retten“, gibt Interimstrainer Willig vor dem Spiel gegen Wolfsburg zu Protokoll. Nach dem letztendlich klaren Heimsieg gegen ein harmloses Labbadia-Team ist zumindest die Relegation erreicht. Wer glaubt denn ernsthaft, dass die Mannschaft der Namenlosen aus Paderborn oder die ewig Zweitklassigen von Eisern Union uns jetzt eine Abfuhr erteilen? Also den Schwamm über eine verkorkste Saison? Mit Hitzlsperger, Mislintat, Walter, Widmayer und Krücken stehen schon neue Hoffnungsträger bereit. Noch ein paar hoch gehandelte Neuzugänge und es heißt wieder: „Diese Mannschaft wird mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben.“ Vorsicht! Unabhängig vom Ausgang der Relegation bleiben die Stuttgarter Chaosmonate schmerzhaft in Erinnerung. Der Klassenerhalt wäre hochgradig unverdient, denn an der Mercedesstraße bröckelt es an allen Ecken und Enden. Ein „Weiter so“ darf es keinesfalls geben.

Angefangen von der Lizenzspielermannschaft über den Nachwuchs, die Personalpolitik, die strategische Ausrichtung und Professionalisierung bis zur Arbeit im Aufsichtsrat und in den Vereinsgremien treten massive Probleme zutage, die endlich offen angesprochen werden müssen. Dies kann und muss unabhängig von den Ergebnissen in der Relegation geschehen.

Die Mannschaft: Selbst die sonst eher zurückhaltende Lokalpresse teilt inzwischen die Einschätzung, dass die Ansammlung von Ich-AGs die Bezeichnung Mannschaft nicht verdient. Ohne Zusammenhalt und Siegeswillen taumelt sie durch die Saison, von spielerischen Qualitäten einmal ganz zu schweigen. Es fehlen Charakter, Professionalität und Qualität. Neben teuren Fehlgriffen auf dem Transfermarkt wurde auch bei der Gestaltung der Spielerverträge einiges in den Sand gesetzt. Wie lange die Reparatur des Kaders dauern wird, ist nicht absehbar.

Der Nachwuchs: Mit der Fertigstellung des Nachwuchsleistungszentrums und der Modernisierung des Trainingsgeländes sind die Weichen für eine erfolgreiche Jugendarbeit gestellt. Die Investitionen waren allerdings überfällig, möchte man gegenüber der Konkurrenz, vor allem aus Sinsheim, nicht komplett den Anschluss verlieren. Die U19 hat nach längerer Durststrecke die Chance auf gleich zwei Titel. Stellt sich nur die Frage, wo sich die jungen Talente in der kommenden Saison weiterentwickeln sollen. In der Oberliga? Was der VfB mit der U21 angerichtet hat, spottet nämlich jeder Beschreibung. Mit einem blutjungen und viel zu dünnen Kader ging man schlecht vorbereitet in die Regionalligasaison, an deren Ende folgerichtig der Abstieg stehen wird. Wie konnte es der Verein zulassen, dass die von Reschke angezettelte Diskussion über die Abschaffung der Zweiten in diesem Fiasko endet?

Personalpolitik und strategische Ausrichtung: In Dietrichs Amtszeit sind inzwischen schon der dritte Sportvorstand und der vierte Trainer im Amt. Die Auswahl der Führungskräfte war dabei alles andere als weitblickend und transparent. Reschke war der Position als Sportvorstand nicht gewachsen und beschädigte mit seiner Außendarstellung das Image des Clubs nachhaltig. Korkut und Weinzierl waren zu keiner Zeit in der Lage, den 2016 eingeschlagenen Weg fortzusetzen und hinterlassen eine dysfunktionale Mannschaft. Wieder einmal wurde die Gelegenheit verpasst, eine Strategie konsequent über längere Zeit zu verfolgen. Fehlentwicklungen wie die schief gelaufene Sommervorbereitung 2018 oder das Zerwürfnis zwischen Weinzierls Trainerteam und der Mannschaft wurden zu spät erkannt. Auch finanziell ist die hohe Fluktuation eine Belastung. Warum wurde mit Korkut verlängert, warum die Befristung in Reschkes Vertrag aufgehoben? Letzten Endes müssen sich der Präsident, der Aufsichtsrat und der Vorstand für eine Personalpolitik rechtfertigen, die den VfB in seiner Entwicklung um Jahre zurückwirft.

Professionalisierung: Obwohl der VfB mit der Ausstellung anlässlich des 125-jährigen Jubiläums und dem Beginn der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit wichtige Projekte erfolgreich angepackt hat, lassen die angekündigten Verbesserungen bei Prozessen und Dienstleistungen in vielen Bereichen auf sich warten. Das Marketing steht seit Wochen wegen der unglücklichen „Wir sind Stuttgart“-Kampagne in der Kritik. Der Caterer darf das Publikum bei Heimspielen weiterhin mit seinem mangelhaften Service verärgern. Bei den Pressekonferenzen bekommt man die völlig unzureichende Tonübertragung seit Jahren nicht in den Griff. VfB-TV lässt die Spiele von drittklassigen und völlig unmotivierten Kommentatoren begleiten. Die Außendarstellung des Clubs ist in den vergangenen Monaten von Tiefpunkt zu Tiefpunkt geeilt.

Aufsichtsrat und Gremien: Vor der Ausgliederung stellten die Befürworter in Aussicht, dass die Strukturen einer AG den Handlungsspielraums des Clubs vergrößern würden. Finanziell trifft das durchaus zu, wobei man über die Verwendung der Ausgliederungserlöse streiten kann. Bezüglich der Machtverhältnisse zwischen Aufsichtsrat, Vorstand und Vereinsorganen ist mit der Auseinandersetzung zwischen Porth und Buchwald ein Schreckensszenario der Ausgliederungsgegner wahr geworden. Der Investor beeinflusst die Entwicklung des Vereins, schwächt ihn und dominiert ihn letztendlich. „Dietrich ist der Präsident, den wir wollten“, ließ der stellvertretende AR-Vorsitzende Porth vom Ankerinvestor Daimler neulich in einem unsäglichen Interview wissen. Dass der Präsident in einem Verein von den Mitgliedern gewählt wird und diesen im Vorfeld der Wahl nicht immer reiner Wein eingeschenkt wurde, kümmert ihn wenig. Das Ungleichgewicht zwischen der Macht des Investors und der Hilflosigkeit der Vereinsorgane mit einem Präsidenten, der gleichzeitig den Aufsichtsrat und den Vorstand anführt, ist eklatant und schadet dem VfB nachhaltig.

Vor der Mitgliederversammlung am 14. Juli stellt sich also die Frage: Hat Herr Dietrich seine Aufgaben als Präsident des VfB Stuttgart zufriedenstellend erfüllt? Soll er den erneuten Neuanfang einleiten und begleiten? Hat er noch das Vertrauen der Mitglieder?

Vielleicht müssen wir uns in einem ersten Schritt noch einmal klarmachen, welche Anforderungen wir an einen Präsidenten stellen. Er muss nach meinem Verständnis nach innen führen und moderieren. Dazu gehören die Auswahl des Führungspersonals, die Vermittlung übergeordneter Werte, die Entwicklung nachhaltiger Strukturen und die Beschaffung von Kapital für Investitionen. Außerdem hat er zwischen den Interessen der Gremien, Abteilungen und organisierten Gruppen zu vermitteln und für alle Seiten tragbare Kompromisse zu schließen. Nicht zuletzt erwarten wir, dass er den Club nach außen würdig vertritt.

Tore schießen gehört selbstredend nicht zum Anforderungsprofil, weshalb wir Herrn Dietrich auch nicht direkt für die dürftigen Darbietungen auf dem Rasen verantwortlich machen können. Allerdings hat er mit seinem Führungsstil und seinen Personalentscheidungen maßgeblich dazu beigetragen. Aber selbst eine Person, die so viel Macht und Ämter anhäuft wie Herr Dietrich, kann Entscheidungen nicht alleine treffen. Der Vorstand, insbesondere die Herren Heim und Röttgermann, sowie der Aufsichtsrat, vor allem der stellvertretende Vorsitzende Porth, haben ihren Anteil an den schwerwiegenden Fehlentwicklungen beim VfB. Im Juli dürfen die Mitglieder ihre Meinung über Dietrichs Amtsführung und die Arbeit des Vorstands zum Ausdruck bringen. Lasst uns diese Möglichkeit sachlich aber bestimmt nutzen, denn der VfB ist viel mehr als ein windiger Geschäftsmann und ein selbstgerechter Daimler-Vorstand. VfB Stuttgart, das sind WIR.

VfB – VfL Wolfsburg 3:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Ein Kommentar

  • Bernd Weiß

    Wenn Dietrich Anstand hätte würde er sein Amt zur Verfügung stellen, so chaotisch wie diese Saison war. Man hat nach dem Aufstieg den eingeschlagenen Weg mit Schindelmeiser verlassen und mit Reschke einen total überschätzten ins Boot geholt. So darf es nicht weitergehen…

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