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Ein Hauch von Abschied

0:0. So stand es auf dem Multimedia-Würfel in der Arena auf Schalke, wenn er denn nicht gerade streikte. Null auf beiden Seiten, also nichts, enttäuschend, schwach. Das letzte Saisonspiel hält dem Vizemeister und dem Rückrundenvizemeister der vorherigen Spielzeit noch einmal den Spiegel vor: lethargisch und uninspiriert, fehlerhaft und unpräzise, armselig und langweilig. Am Ende feierten die Anhänger beider Lager wohl hauptsächlich sich selbst, das Veltins und das Ende der Leiden einer unterirdischen Bundesligasaison.

Dass der VfB nach dieser erbärmlichen Saison, in der die Mannschaft nicht ein einziges Mal wirklich überzeugt hat, mit mageren 28 Pünktchen und 70 Gegentoren noch zwei Relegationsspiele bestreiten darf, ist ein Geschenk des Himmels, über dessen Sinnhaftigkeit man sich in den Büros der DFL und des DFB noch einmal Gedanken machen sollte. Interimstrainer Willig nutzte derweil die Gelegenheit zum Testen. Die Aufstellung las sich wie die Formation der zweiten Halbzeit eines Vorbereitungsspiels, wo sich die Backups zeigen dürfen. Wer bietet sich für die Relegationsspiele an?

Fangen wir mit den positiven Erkenntnissen an: Badstuber und Baumgartl sind mit ihrer Routine jederzeit eine Alternative für die gesetzten Innenverteidiger Kempf und Kabak. Gemeinsam mit Weltmeister Pavard verfügt der VfB damit über die in der Breite vielleicht beste Innenverteidigung der Liga. Das ist ungefähr so, als hätte man eine geräumige Doppelgarage, aber nur ein enges Zimmerchen zum Wohnen.

Alle weiteren Kandidaten konnten sich dagegen kaum empfehlen. Der Auftritt von Sosa auf dem linken Flügel zeigt vor allem, dass Standfußball á la Aogo und Gentner so gar nicht zum Spielverständnis des jungen kroatischen Talents passt. Fazit: González spielt die Position überzeugender. Aogo wirkt im Mittelfeld wie ein Eisspray: Es betäubt, trägt aber nichts zum Heilungsprozess bei. Das Instagramm-Sternchen bietet sich höchstens als Einwechslung an, wenn eine Führung zu verteidigen ist. Für Esswein ist folgendes Arbeitszeugnis beim Trainerteam hinterlegt: Offensivspieler ohne Torgefahr, der engagiert anläuft, aber mit der Kugel überhaupt nichts anfangen kann. Seine Ballverluste stachen bei den phasenweise längeren Passstafetten besonders ins Auge. Mario Gómez ist für mich das größte Rätsel dieser Spielzeit. Wie kann ein international erfahrener ehemaliger Weltklassespieler, dem es offensichtlich nicht an Motivation mangelt, innerhalb kürzester Zeit so abbauen? In der momentanen Verfassung ist er hinter Donis, Akolo und González nur die Nummer vier im Angriff. Apropos Akolo: Warum dieser Spieler unter Weinzierl komplett außen vor war, bleibt dessen Geheimnis. Der Kongolese ist agiler und schneller als Gómez, torgefährlicher und unberechenbarer als González und gibt auch auf der Zehn keine schlechte Figur ab. Sein Konkurrent Didavi hat sich gestern – vorsichtig gesagt – nicht für die Startelf am Donnerstag aufgedrängt.

Als Sascha Riether kurz vor Ende des Langweilers eingewechselt wurde, um sich in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden, hätte man das Spiel gerne unterbrochen, um eine Gruppe junger Damen mit Blumensträußen aufs Feld zu schicken. Die Adressaten: Badstuber, Aogo, Gentner, Gómez und Insua. Dieses Quintett werden wir nämlich in der Bundesliga wahrscheinlich nicht mehr sehen. Zumindest nicht auf dem Spielfeld. Ähnliches gilt für Alexander Esswein. Falls wir die Klasse halten, darf sich Herr Mislintat schon einmal nach einem Zweitligisten umschauen, der an einer Leihe interessiert ist.  

So lag am Samstag also mehr als nur ein Hauch von Abschied in der Luft. Falls es für den VfB das letzte Bundesligaspiel für längere Zeit gewesen sein sollte, darf sich in Cannstatt niemand darüber beschweren. Denn die einzigen mit Bundesligaformat sind die wieder einmal in Scharen mitgereisten VfB-Fans. Sie machten lautstark auf sich aufmerksam: Spürst du nicht die Kraft, die Leidenschaft? Und: Dietrich raus! Wir werden beides brauchen. Herzblut für die Relegation und eine Clubführung mit funktionierendem Wertekompass für die mittelfristige Genesung.  

FC Schalke 04 – VfB Stuttgart 0:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Ein Kommentar

  • Jutta

    Sehr gut geschrieben, besser kann man die Situation beim VfB nicht beschreiben. Kleiner Widerspruch, ich finde, beim Spiel gegen WOB haben sie überzeugt. Das war aber auch das einzigste Mal.

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