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Mission erfüllt

Als Thomas Hitzlsperger am Mittwoch in der eilig einberufenen Pressekonferenz seinen Abschied ankündigt, wählt er seine Worte mit Bedacht. Schlüssig soll das Statement klingen, niemanden vor den Kopf stoßen. Sein Verhältnis zu den VfB-Fans ist zweifellos ein Besonderes. Aus Bewunderung für den Hammer im Meisterschaftsfinale 2007 wurde später Respekt für seine Arbeit im Verein. Auch wegen seiner unprätentiösen Art mochten ihn viele, bevor er sein Image innerhalb kürzester Zeit selbst in Frage stellte.

Viele sind jetzt enttäuscht, manche malen bereits den Anfang vom Ende des Cannstatter Aufschwungs an die Wand. Doch kann man Hitzlspergers Rückzug nicht auch als logische Konsequenz seines Wirkens beim VfB sehen? Hat er seine Mission schlicht und einfach erfüllt?

Steile Karriere nach der Karriere

Bei jedem seiner Schritte nach der Profikarriere kommt dem ehemaligen Meisterspieler seine Fähigkeit zugute, auf andere Menschen einzugehen. Er spricht nicht von oben herab und überzeugt durch eine Mischung aus Bescheidenheit, Eloquenz und Fachkenntnis. Auf diese Art macht er zunächst als TV-Experte, ab Frühsommer 2016 als Berater des VfB-Präsidiums, später als Präsidiumsmitglied eine gute Figur.

Wolfgang Dietrich traut ihm mehr zu und setzt ihn im Februar 2018 an die Spitze des Nachwuchsleistungszentrums, das seinem guten Ruf damals ziemlich hinterher hinkte. Dann geht es plötzlich rasend schnell: Nur ein Jahr später löst er Michael Reschke als Sportvorstand ab, nach weiteren acht Monaten ernennt der Aufsichtsrat Thomas Hitzlsperger zum ersten Vorstandsvorsitzenden der VfB AG.

Seine größte Stärke besteht nicht darin, dass er alles besser kann als seine Vorgänger, sondern dass er sich zuerst einen Einblick in die jeweiligen Bereiche verschafft, Anforderungen definiert und dann Führungskräfte auswählt, die diese umsetzen können.

Mit Thomas Krücken gewinnt er einen der gefragtesten Spezialisten im Jugendfußball für die Leitung des NLZ, mit Hilfe von Sven Mislintat krempelt er den Profikader um und verpasst der Lizenzspielerabteilung ein nachhaltiges Konzept. Auch als Vorstandschef bringt er Reformen auf den Weg: Verschlankung der Strukturen und Verkürzung der Entscheidungswege. Innerhalb weniger Jahre gelingt es ihm also, dem VfB ein neues Gesicht zu geben.

Besonders gut sichtbar wird dies in der Außendarstellung des Klubs. Wo vorher Lügen verharmlost und schmutzige Wäsche gewaschen wurde, setzt er sich für Diversifizierung und einen respektvollen Umgang ein. Nicht zuletzt Hitzlsperger ist es zu verdanken, dass ein VfB-Regenbogentrikot herauskommt, dass der Klub mit einer Auszeichnung für Nachhaltigkeit prämiert wird und beginnt, die Vereinsgeschichte kritisch aufzuarbeiten. 

Wollte der Reformator zu viel?

Doch im Laufe des vergangenen Jahres wird deutlich, dass sich der neue starke Mann schwer damit tut, den im Dezember 2019 gewählten Präsidenten neben sich zu dulden. Es kommt zu Reibereien zwischen dem inzwischen eingespielten Führungsteam der AG und Claus Vogt, der sich in einem ziemlich entmachteten Verein erst einmal zurechtfinden muss.

Im Dezember 2020, kurz vor der anstehenden Mitgliederversammlung samt erneuter Präsidentenwahl verliert Hitzlsperger die Nerven. Seine offene Kritik am Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden ist völlig unangemessen. Offensichtlich überfordert ihn seine Rolle als Vorstandschef eines mittelständischen Unternehmens. Kein Wunder, immerhin hat er niemals zuvor eine ähnliche Aufgabe erfüllt. Seine Kandidatur für das Präsidentenamt stößt schließlich auch seine letzten Verehrer vor den Kopf. Die Befindlichkeiten der Mitglieder und Fans hat er im Eifer des Gefechts völlig falsch eingeschätzt.

Ist es der rasante Aufstieg, der seinen Blick für die beste Lösung im Sinne des VfB trübt? Plötzlich hängt sein Bild als Marionette von Daimlers Gnaden über der Mercedesstraße. Seinem guten Ruf und seinen (noch) einflussreichen Fürsprechern hat er es zu verdanken, dass er trotz allem im Amt bleibt. Doch seine Leidenschaft für die große Aufgabe scheint erloschen zu sein. Der Reformator hat sich in den Grabenkämpfen rund um Datenskandal und Mitgliedertäuschung aufgerieben.

Gründe für den Abschied

Wie so oft bei Personalentscheidungen von öffentlichem Interesse, verbirgt die offizielle Version die wahren Motive. Hitzlspergers Statement klingt halb nach Ausrede, halb nach Midlife-Crisis.

Der Machtkampf hat viele seiner Förderer im Verein weggespült. Sein märchenhafter Aufstieg wäre ohne die Herren Schraft, Gaiser und Porth wohl nicht möglich gewesen. Mir geht das Bild von der Mitgliederversammlung letzten Juli nicht aus dem Kopf, als er weite Teile der Veranstaltung alleine vom Oberrang aus verfolgte.

Das klare Bekenntnis der Mitglieder zu ihrem Präsidenten dürfte an seiner Eitelkeit nagen. Der Mann, dem er ein halbes Jahr zuvor jede Kompetenz für sein Amt abgesprochen hat, steht strahlend auf der Bühne und lässt sich feiern. Dass man ihn nach wie vor dabei haben will, quittiert Hitzlsperger mit einem gequälten Lächeln. So hat er sich das sicher nicht vorgestellt.

Bei allen öffentlichen Auftritten und Interviews nach dem großen Schlagabtausch mit Vogt hat es der Oberbayer vermieden, seine inhaltliche Kritik zu relativieren oder irgendein Zeichen der Versöhnung zu senden. Alleine an seiner Körpersprache ist leicht abzulesen, dass ihm der Gedanke an eine weitere Zusammenarbeit widerstrebt.

Hitzlsperger versteht, dass er aus der unschönen Geschichte einigermaßen unbeschadet herauskommen kann, wenn er jetzt die richtigen Züge spielt. Die Botschaft muss heißen: Ich habe den VfB auf die Erfolgsspur zurückgebracht und eine nachhaltige Entwicklung eingeleitet. Ab jetzt können andere meine Arbeit fortsetzen.

Was er nicht sagt: Diejenigen, die seine Posten übernommen haben, verfügen über mehr Know-How und praktische Erfahrung in ihren jeweiligen Bereichen als er selbst. Für den Vorstandsvorsitz wird dies ebenfalls zutreffen, auch wenn die Popularität eines Thomas Hitzlsperger natürlich eine besondere Strahlkraft entwickelt.

Wie geht es weiter?

Sobald sich die erste Enttäuschung gelegt hat, werden die meisten einsehen, dass Hitzlsperger zwar als Galionsfigur kaum zu ersetzen ist, als CEO der VfB AG aber durchaus. Wenn die Strukturen, die er etabliert hat, tragfähig sind, werden sie auch ohne ihn funktionieren.

Bei der Klausur der Führungskräfte und Gremienmitglieder Anfang September wurde bereits über die zukünftige Ausrichtung diskutiert. Nun müssen zeitnah Anforderungsprofile für die beiden vakanten Vorstandsposten erarbeitet werden.

Im Bereich Sport verfügt Sven Mislintat schon heute über Kompetenzen, die weit über die eines Sportdirektors hinausgehen. Immer wieder hebt er die gute Zusammenarbeit mit Cheftrainer Matarazzo und dem Direktor für Sportorganisation Markus Rüdt als eine Voraussetzung für den sportlichen Erfolg hervor. Man täte gut daran, diese funktionierende Basis nicht in Frage zu stellen. 

Im Vorstand wird der Übergang nicht so leicht zu gestalten sein. Der neue Verantwortliche für Finanzen Dr. Thomas Ignatzi befindet sich noch in der Einarbeitungsphase, der neue Marketingvorstand Rouven Kasper tritt sein Amt erst im Januar 2022 an. 

Hitzlspergers Abgang ist dieses Mal gewiss keine Kurzschlussreaktion. Er nutzt vielmehr die Gelegenheit, den Klub erhobenen Hauptes zu verlassen. Die Rolle als Vorstandsvorsitzender erfordert vielfältige Kompetenzen und ist mit großer Verantwortung verbunden. Vielleicht ist ihm bewusst geworden, dass er in Zukunft wieder näher an den Fußballplatz rücken oder eher repräsentative Aufgaben übernehmen möchte. Aus dem bewegten Kapitel beim VfB Stuttgart hat er sicherlich viel gelernt.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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