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G15 – die geheime Solidarität

Karl-Heinz Rummenigge aus Lippstadt brach mit 19 seine Lehre zum Bankkaufmann ab, um Fußballprofi zu werden. Als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern wähnt er sich heute als Schutzpatron des deutschen Fußballs – oder vielmehr dessen, was er dafür hält. Und er tritt als Sprecher der Gruppe der 15 Proficlubs auf, die am Mittwoch auf sein Betreiben zur Konspiration am Frankfurter Flughafen zusammenkamen.

Doch besteht die DFL nicht aus 36 Erst- und Zweitligisten? Die Initiatoren des „Geheimtreffens“ in Frankfurt legen offensichtlich auf die Meinung von 21 Vereinen keinen Wert, von den Proficlubs der dritten Liga ganz zu schweigen. Wer sind also die G15?

Beginnen wir mit den Champions-League-Teilnehmern. Klar, sie profitieren direkt von der derzeitigen Verteilung der TV-Gelder und haben ein griffiges Argument im Gepäck: Leistung muss sich lohnen. Wer den deutschen Fußball in der Königsklasse vertritt, braucht eine großzügige finanzielle Ausstattung um den Scheichs Paroli zu bieten. Internationale Wettbewerbsfähigkeit heißt ihr Schlagwort. Oder freut ihr euch nicht, wenn die Rasenballsportler gegen europäische Topclubs heroisch Widerstand leisten?

Nein? Genau da liegt der erste Denkfehler der Möchtegern-Oligarchen des deutschen Fußballs. Das Hamburger Stadtderby in der zweiten Liga verfolgten bei Sky kürzlich 737.000 Zuschauer, bei einem Champions-League-Spiel von RB Leipzig sind es nur wenige mehr. Die Rechnung, je teurer der Kader desto größer das Interesse – und damit der Vermarktungswert – geht nicht immer auf. Ein Drittligaspiel Dynamo gegen 1860 bewegt mehr Fans als die Bundesligapartie Wolfsburg gegen Leverkusen. Die Strahlkraft der Traditionsvereine spielt dabei eine Rolle, aber auch der Reiz des Wettbewerbs. Wenn es nach zwanzig Minuten schon 3:0 steht, schaltet der Kunde eben ab – und beim nächsten Mal schnappt er sich lieber den Staubsauger.  

Bei Kalles elitärer Runde geht es aber nicht nur um die Verteilung der TV-Gelder, sondern auch um die Situation des deutschen Profifußballs in der Corona-Krise. Die Angst vor Insolvenzen geht um. Die Einnahmen brechen weg, klagen die einen, viele Clubs geben im Rattenrennen einfach zu viel aus, diagnostizieren die anderen. „Egaaal“ singen da die Werks- und Sponsorenclubs im Wendler-Style. In Leipzig, Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und inzwischen auch in Berlin lächelt man nur müde über Financial Fairplay. Wenn der Schuh drückt, springt der Konzern oder der Sugar-Daddy ein. Das Ungleichgewicht verschärft sich dadurch weiter.

Bleiben sieben Clubs, die zu keiner der beiden genannten Gruppen gehören. Zum Beispiel die Frankfurter Eintracht. Sie ist nicht nur dabei, sondern springt den Initiatoren auch eilfertig bei der Logistik zur Seite. Liebäugelt Herr Hellmann mit neuerlichen Teilnahmen am Europacup? Oder möchte er den gesicherten Mittelfeldplatz gegen aufstrebende Kellerkinder verteidigen? Damit meine ich nicht Schalke 04. Die eiern seit Monaten durchs Kiesbett und träumen heimlich immer noch von den Punkterängen. Eigentlich sollten sich die Verantwortlichen in Gelsenkirchen freuen, wenn Zweitligisten zukünftig stärker an den TV-Einnahmen beteiligt werden. Man weiß ja nie.

Was Union, Freiburg, Werder, Köln und der HSV in der Runde der Reichen und Mächtigen wollen, bleibt genauso unklar. Sollten nicht gerade diese Vereine Interesse daran haben, die finanzielle Grundlage der Hinterbänkler zu verbessern? Die drei erstgenannten sind ja sonst durchaus für alternative Ansätze im Business bekannt. Aus Bremen kommt dann auch leise Kritik an der Auswahl des Teilnehmerkreises, allerdings ist man (noch) nicht bereit, sich zugunsten einer nachhaltigen Lösung gegen die Big Player zu positionieren.

Bemerkenswert auch, dass DFL und DFB selbst nicht zum Gespräch geladen sind. Rummenigge will zwar über die Seifert-Nachfolge und den Machtkampf beim DFB sprechen, aber bitte schön aus dem Windschatten heraus, nur die eigenen Interessen im Blick. Dass er damit eine Spaltung der Bundesliga-Clubs in Kauf nimmt, zeigt, wie wenig ihm am Reformprozess liegt. Es geht nicht um den deutschen Profifußball, sondern um Machterhalt.

Der mit der „Taskforce Zukunft Profifußball“ eingeschlagene Weg ist sicher mühsam, aber im Grunde die einzige Möglichkeit die tiefgehende Krise nachhaltig zu bewältigen. Konstruktive und fundierte Debatten sind notwendig, um die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Akteure abzuwägen. Mitten in diese Bemühungen hinein platzt jetzt der Elefant im Porzellanladen. Das Zugpferd des DFB sei die Bundesliga, und die wiederum ohne ihre Aushängeschilder nicht viel wert, lautet die selbstgerechte Argumentation. Immer noch nicht verstanden? Wenn es dem FC Bayern gut geht, geht es der Bundesliga und dem deutschen Fußball gut. So einfach. Angesichts dieser Geisteshaltung muss man sich über Formulierungen wie den „Fehdehandschuh werfen“ nicht wundern.   

Was die Herren Rummenigge, Watzke und Co übersehen, ist die Abwärtsspirale, in der sich das Geschäft Profifußball befindet. Sinkendes Interesse, kaum noch echter Wettbewerb, Rumoren an der Basis. Im Mai schaute die Bundesliga nach eigenen Aussagen in den wirtschaftlichen Abgrund. Die Nationalmannschaft kommt nach 16 Jahren Bierhoff daher wie eine schwindsüchtige Föhnfrisur (lest dazu Prechtls Kolumne über die „Bierhoffisierung“ des deutschen Fußballs).

Rummenigge will die komplexen Herausforderungen mit dem Holzhammer bearbeiten. Auf einem geheimen Treffen, das vorher lauthals angekündigt wird, beschließen die G15, dass alle Entscheidungen in der Hand des DFL-Präsidiums liegen sollen, das seinerseits nicht auf der Gästeliste stand. Geht den Reichen und Mächtigen plötzlich die Düse, dass sich der Rest der G36 gegen sie verbünden könnte? Dazu müssten allerdings einige Funktionäre aufhören, den Schwanz zwischen die Beine zu klemmen.

Im DFL-Präsidium verfügen die Initiatoren jedenfalls über keine Mehrheit. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Jan-Christian Dreesen, wird sich gegen die Präsidiumskollegen aus Freiburg, Köln, St. Pauli, Bochum, Kiel und Darmstadt nicht ohne Weiteres durchsetzen können. Und nicht bei allen dürfte es gut ankommen, dass die G15-Runde die von der DFL eingesetzte „Taskforce Zukunft Profifußball“ einfach ignoriert.

Es ist wichtig, miteinander zu sprechen, verteidigen die Teilnehmer das G15-Treffen. So weit, so richtig. Allerdings muss man auch bereit sein, andere Meinungen zuzulassen und eine ergebnisoffene Diskussion zu führen. Egoismus und Gier haben das Geschäft lang genug bestimmt. Der verhinderte Bankkaufmann aus Westfalen ist sicher nicht der holde Prinz, der den verlorenen Sohn im Dornbusch zum Paulus tauft. Denk mal drüber nach, Kalle.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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