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El Rusito: Auf den Spuren eines Mascherano

Als Santiago Ascacíbar beim 2:0-Sieg gegen die TSG Hoffenheim im Mai die rote Karte sah, rannte der klein gewachsene Argentinier mit den blonden Haaren schnurstracks in die Kabine. Auf dem Weg trat er aus Wut und Enttäuschung gegen eine Werbebande, was zehntausend Euro Geldstrafe kostete, ihm aber zehntausende Herzen im Stadion zufliegen ließ. Wer hätte den Krieger mit dem großen Herzen in diesem Moment nicht am liebsten in den Arm genommen und getröstet? Es ist verdammt schwer, ihm böse zu sein, selbst wenn er wie zuletzt einige haarsträubende Schnitzer fabriziert.

Man lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man den 21-Jährigen von Estudiantes de la Plata aus Buenos Aires als den besten Transfer in der noch relativ kurzen Amtszeit von Michael Reschke beim VfB bezeichnet. In Stuttgart hat er sich schnell zum Publikumsliebling entwickelt. Seine kurzen, schnellen Schritte erinnern an eine Nähmaschine, die über den Platz rattert, seine Grätschen sind für die Ewigkeit. Steht er einmal nicht in der Startelf, muss es sich um eine Sperre handeln, denn verletzt oder auf der Bank hat man „Santi“ selten gesehen.

Höhepunkt seiner noch jungen Karriere war im September das Debüt in der Albiceleste mayor, der argentinischen A-Nationalmannschaft. Viele sehen in dem ehemaligen U21 Kapitän den designierten Nachfolger des großen Javier Mascherano. Santiago selbst blieb in einem Interview mit der argentinischen Sportzeitung Olé bescheiden: „Ich kann mich nicht mit Mascherano vergleichen. Er ist ein ganz Großer. Aber ich habe noch viele Jahre vor mir.“ Genau darauf setzt man auch beim VfB, denn so viel Wille und Charakter hat man am Neckar schon lange nicht mehr bei einem Talent gesehen. Seine Intensität, Laufstärke und Aggressivität machen ihn schon heute unersetzlich.

Als Jugendspieler bei Estudiantes gab ihm die argentinische Fußballlegende Juan Sebastian Veron, genannt „La Bruja“, einst einen wertvollen Rat: „Hör zu, Santiago, mach die Schule fertig. Das Lernen öffnet dir die Augen, auch beim Fußball.“ Statt weiter im Lager eines Supermarkts zu arbeiten, beendete er die Schule und schrieb sich für ein Studium der Anthropologie ein. In der Familie hatte er schon früh die Bedeutung von Solidarität erfahren. Als zwei seiner Mannschaftskollegen keine Unterkunft fanden, luden seine Eltern sie ein, in ihrem Haus zu wohnen. Diese Erfahrungen prägten den jungen Fußballer, der sich schon mit 13 ein Bild von Maradona auf die Wade tätowieren ließ: „Ich weiß, was es bedeutet, richtig hart zu arbeiten.“

Zurzeit steckt „El Rusito“, wie er in der Heimat genannt wird, mit seinen Mannschaftskollegen wieder mitten im Abstiegskampf und in den letzten Wochen waren auch bei ihm ungewohnte Schwächen zu sehen. Beim Aufbauspiel unterlaufen ihm zu viele Fehler, zu selten hebt er den Kopf, um das Spiel zu verlagern oder einen vertikalen Ball zu riskieren. Wenn er in Strafraumnähe angespielt wird, fehlt ihm das Selbstvertrauen, ins Dribbling zu gehen oder aus der zweiten Reihe abzuschließen.

Werden heute Anforderungen für die Rückrunde formuliert, spricht dennoch kaum einer über Ascacíbar. Zu konstant seine Leistungen über 18 Monate im VfB-Trikot, zu vorbildlich sein Einsatz in jedem Spiel. Auf dem Weg zu einem zweiten Mascherano muss er allerdings noch einiges lernen.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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