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Reschke und die Heilige Schrift

„Neuzugänge sind nicht das Evangelium“, kommentierte der VfB-Sportvorstand kürzlich das Thema Wintertransfers und warf damit bei vielen Anhängern Fragen auf: Kann der Kader, der in der Hinrunde nur magere 14 Pünktchen und 12 Törchen fabrizierte, den Klassenerhalt sichern? Und wie gut kennt Michael Reschke eigentlich das Evangelium?

Immerhin machte sich der 61-jährige Kaderplaner in Leverkusen und München als „Perlentaucher“ einen Namen und dachte bei seiner Aussage womöglich an den Evangelisten Matthäus, von dem überliefert ist: „Ihr sollt (…) eure Perlen nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ Nichts fürchten die VfB-Fans dieser Tage nämlich mehr als eine Wiedergeburt der „Reschkerampe“, einer hämischen Wortkreation, die vor 18 Monaten nach der Verpflichtung der Alt-Internationalen Aogo und Beck aufkam. Perlen dieser Art hat man in Stuttgart satt, zumal es dem aktuellen Kader besonders an Geschwindigkeit mangelt. Möglicherweise hatte Reschke aber auch das Gleichnis vom Sämann im Kopf, welches besagt, dass nur die Samen gedeihen können, die auf fruchtbare Erde fallen. Was man wiederum vom Boden in Bad Cannstatt nicht unbedingt behaupten kann, sodass mancher befürchtet, ein Sosa, Maffeo oder Gonzalez könnte wie in der biblischen Geschichte von Dornen erstickt werden.

Aber der Reihe nach. Reschkes Stern ging auf, als Wolfgang Dietrich im Sommer 2017 die Nummer von Uli Hoeneß an der Säbener Straße wählte:

Uli, i ruaf weggem Reschke o. I brücht dahanna so oina, der wo was vom Gschäft verschtoht.

Aber Wolfgang, du hast doch den Schindelmeiser. Der ist doch gut?!

Oina, wo guat isch ond net neifunkt, brücht i. Wenn des glappa dät, Uli, hädsch ebbes guat bei mir!

Zugegeben, der Dialog ist frei erfunden, doch Tatsache ist, dass der VfB-Präsident damals Schindelmeiser loswerden wollte und seine guten Kontakte zur Familie Hoeneß nutzte, um quasi im Alleingang einen Nachfolger zu installieren. Einen mit einem guten Ruf in der Branche, von dem man Folgsamkeit erwarten konnte, da er noch nie als Verantwortlicher in der ersten Reihe gestanden hatte. Klar wird nun auch, wie sich der VfB für den Gefallen erkenntlich zeigt: Pavard wechselte nach dem WM-Hype nicht etwa für kolportierte 60 Mio. ins Ausland, sondern erfüllt in Stuttgart noch eine Saison seine Pflicht, bevor er den Bayern im Sommer 2019 für die festgeschriebenen 35 Mio. kredenzt wird.

Dem Frechener mit den immer gleichen weißen Hemden wird unterdessen seine ungeschickte Öffentlichkeitsarbeit zum Vorwurf gemacht. Die Peinlichkeiten gipfelten in der massiven Wahrheitsbeugung im Zuge der Korkut-Entlassung, einer Lüge, die kaum mehr mit der Heiligen Schrift in Einklang zu bringen ist. Die Liste der Kritikpunkte wird immer länger: Da wäre die Demission des beliebten Wolf und die Verpflichtung des erfolglosen Korkut, die Neustrukturierung des VfB II, der heute mit unzureichend bestücktem Kader am Abgrund steht, und nicht zuletzt die fehlende sportliche Gesamtstrategie. Während sich einige nach der erfolgreichen Rückrunde und einem Feuerwerk an euphorisch verkündeten Transfers schon fast wie im Fantasialand fühlten, muss der Rheinländer nach verkorkster Hinrunde kleinlaut zugeben, dass seine Rechnung nicht aufgegangen ist. „Das Geschäft ist insgesamt so komplex geworden, dass du in der sportlichen Führung auf jeden Fall Kompetenz breit brauchst“, räumte er in typischem Reschke-Sprech ein, als er sich unlängst eine Absage beim Wunschkandidaten für den Posten des Technischen Direktors eingehandelt hatte.

Nimmt man hinzu, dass sich der VfB nun in der Not auf den Tribünen und Ersatzbänken der Konkurrenz kurzfristig Spieler leihen muss, um die Chance auf den Klassenerhalt zu wahren, fällt das Zeugnis für den Mann mit dem rheinischen Singsang und der zersausten Frisur sehr durchwachsen aus. Er solle seinen Namen doch in „Reschle“ ändern, um von den Schwaben besser akzeptiert zu werden, schlug ein gewitzter Twitter-User vor. Ich möchte ihm antworten: Awa, oiner vo ons werd des nia. Mir Schwoba sen ebba oiga. Das steht zwar nicht im Evangelium, stimmt aber trotzdem.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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