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Einmal werden wir noch wach

Die Farben des Cannstatter Clubheims passen perfekt zur Weihnachtszeit. Man könnte ein fröhliches Liedchen trällern, wäre da nicht diese angespannte Atmosphäre. Das Spiel in Hannover hat noch einmal vor Augen geführt, dass eine deutliche Steigerung notwendig ist, um das Saisonziel zu erreichen, andererseits aber auch, dass sich die Mannschaft aus aussichtslos erscheinenden Situationen befreien kann.  

„Morgen Kinder, wird´s was geben (…)“

Klingt das für euch dieser Tage nicht auch eher wie eine Drohung als die Ankündigung von Jubel und Freude?

Das zweite Duell gegen den Mitabsteiger aus Niedersachsen ist eine gute Gelegenheit, eine Zwischenbilanz der fußballerischen Entwicklung zu ziehen. Die Einschätzungen gehen hierbei ganz schön auseinander. Die einen stellen die stabilere Defensive und die größere Zahl an erspielten Torchancen heraus, andere nehmen die Siege gegen Dresden, Karlsruhe und Nürnberg zum Maßstab. Ich bleibe jedoch dabei: Tim Walters Spielidee funktioniert beim VfB höchstens in Ansätzen.

Jeder, der selbst gekickt hat, weiß: Nichts macht einen Trainer so fuchsteufelswild wie schlampige Pässe am eigenen Strafraum. „RAUS!“ ist daher noch vor gängigen Obszönitäten unangefochtener Spitzenreiter beim Fußballervokabular. Auf dem Rübenacker des Niedersachsenstadions spielt die Mannschaft von Tim Walter hinten raus, wie ein Hund, der mit einem langen Stock im Maul durch eine schmale Tür will und immer wieder hängen bleibt. Kein Raumgewinn und auch kein Libero, der die Murmel mit seinen dicken Oberschenkeln mal über die Böschung drischt. Folgerichtig hätte der Gegner zur Pause gut und gerne mit 3:0 führen können.

Falsche Taktik, fehlender Einsatz, letzte Nacht zu tief ins Glas geschaut. Es gibt viele Gründe für solche Halbzeiten, die man direkt in die Tonne kloppen kann. Tim Walter präsentiert auf der Pressekonferenz nach dem Spiel seine ganz eigene Erklärung:

„Aufgrund der Konstellation um meine Person hatten wir ein bisschen Blei in den Beinen. Das hemmt die Jungs. Aber sie wollten auch für den Trainer da sein.“

VfB-Trainer Walter in der Pressekonferenz nach dem Spiel

Die Version von der Aufopferung der Spieler für ihren Trainer lässt Psychoanalytiker aufhorchen. Ist das noch Selbstschutz oder schon eine narzisstische Vehaltensauffälligkeit? Ich kenne Fachleute, die eine solche bereits nach den ersten Interviews im Sommer diagnostiziert haben.

Wir wollen uns aber nicht zu lange an einer missglückten Halbzeit abarbeiten, sondern versuchen, das große Ganze im Blick zu behalten. Mut, Leidenschaft, Nachwuchs. Wenn das die drei Säulen des neuen VfB werden sollen, macht die Zwischenbilanz wenig Hoffnung. Wie sich die Spieler über weite Strecken der Hinrunde an ihrem eigenen Quergeschiebe ergötzten, würde ich nicht mit Mut betiteln. Und auch wenn man den wenigsten mangelnde kämpferische Einstellung vorwerfen kann, sieht kollektive Leidenschaft für ein Zukunftsprojekt anders aus. Bleibt noch der Nachwuchs, der zwar oft mittrainieren darf, in der zweiten Liga aber eher eine Nebenrolle spielt.

Der unbefriedigende Zustand des im Sommer mit viel Euphorie gestarteten Projekts darf natürlich nicht alleine dem Trainer in die Schuhe geschoben werden. Neben der Mannschaft haben auch der Sportdirektor und sein Sportvorstand ihren Anteil.

Mit 27,1 Jahren im Schnitt (Dank an @spookyverse für die Rotationswatch) ist die Startelf in Hannover die älteste im Saisonverlauf. Wahrlich steinalt sehen die Herren Castro und Co in der ersten Halbzeit dann auch aus. Im Rückblick auf die Hinrunde haben es die Erfahrenen nicht geschafft, mit konstant guten Leistungen voranzugehen und die Jungen zu führen. Jeder einzelne im Kader muss sich hinterfragen, ob er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Einen Klassenunterschied zwischen biedersten Zweitligakickern und unseren Möchtegern-Sternchen habe ich selten gesehen.  

Die umfassende Analyse, die dem Vernehmen nach am vierten Advent in der Mercedesstraße erfolgte, muss also mehr hinterfragen, als die Zukunftsfähigkeit eines Cheftrainers, der mit knapp über fünfzig Profispielen wenig Erfahrung vorweisen kann. Gleiches gilt nämlich für seine Vorgesetzten, die in ihren jeweiligen Rollen Lernende sind. Sie verantworten den Kader und die Auswahl des Trainers, von dessen besonderen Charakterzügen sie vorher gewusst haben sollten. Haben sie bei der Planung des Projekts das jetzt eintretende Szenario mitgedacht? Sind sie von der holprigen Entwicklung überrascht? Ist der Kader so bestückt, dass seine Kosten in einem vernünftigen Verhältnis zum Output stehen? Das Führungsduo verfügt bei den Fans über jede Menge Kredit, obwohl beide in ihren derzeitigen Funktionen noch nichts erreicht haben.

„Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag.“

Leuchtende Augen und Schlitten voller Geschenke wird es am Heiligen Abend beim VfB nicht geben. Im Gegenteil, das Projekt direkter Wiederaufstieg braucht jetzt ein Machtwort, das die Erkenntnisse der vorweihnachtlichen Analyse für die Öffentlichkeit transparent macht. Weder ein stures „weiter so“ noch ein planloser Trainerwechsel scheinen geeignet, die Stimmung an den Feiertagen zu retten.

Hannover 96 – VfB 2:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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