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Die Vollprofis aus Cannstatt

Michael Reschke zeigte Spielern, die er vom VfB überzeugen wollte, angeblich gerne Videos von der Karawane, Funktionäre und Beobachter sprechen immer wieder von der Wucht des Klubs aus Cannstatt und so mancher Gegner hat schon die Druckwelle gespürt, die mitunter von den Rängen des Neckarstadions auf den Rasen schwappt.

Auch der FC Augsburg kann den weiß-roten Angriffen in der Nachspielzeit nicht mehr standhalten. Abwehrspieler Anton versenkt den Ball nach herrlicher Vorlage von Tiago Tomás. Erinnerungen an die späten Siegtreffer in der Rückrunde der vergangenen Saison kommen hoch. Die Hoffnung lebt auf, dass man sich einigermaßen schadlos in die WM-Pause retten kann.

Die VfB-Bank bejubelt den späten Siegtreffer. (Bild: swr.de)

Alles auf die Winterpause

Man könnte auch den Eindruck bekommen, dass die Winterpause mit Erwartungen ziemlich überfrachtet wird. Gleich mehrere große Themen haben die Verantwortlichen bis Mitte November aufgeschoben.

Erstens will Alexander Wehrle in Ruhe mit Sven Mislintat über eine weitere Zusammenarbeit verhandeln, zweitens sollten die beiden gemeinsam einen geeigneten Matarazzo-Nachfolger finden und ihn von dem schwierigen Projekt überzeugen. Drittens muss dieser neue Trainer, so er denn gefunden wird, bei der notorisch instabilen Mannschaft den so genannten Reset-Knopf drücken.

Anfang des Jahres öffnet auch noch das Transferfenster, sodass sich der noch nicht verlängerte Sportdirektor zusammen mit dem noch nicht ausgewählten Trainer im besten Fall die ein oder andere Verstärkung angeln könnten.

Als ob das alles nicht schon genug wäre, hat ein Fußball-Unternehmen, wie es die VfB AG seit der Ausgliederung ist, heutzutage auch noch andere Felder zu beackern. Die DFL fördert Marketing-Reisen der Bundesligisten in die USA, um dort neue Märkte zu erschließen. Ein spätherbstlicher Trip ins milde Texas könnte ja ganz angenehm sein, wenn da nicht die vielen unerledigten Aufgaben wären.

Vom Weg abgekommen

Vielleicht erinnert ihr euch, dass vor ungefähr einem Jahr die Diskussion geführt wurde, ob man den Posten des Sportvorstands extern besetzen oder das Ressort weiterhin unter Mislintats Fittichen belassen soll. Mit Hilfe seiner medialen Lieblingssprachrohre brachte der Westfale damals ein Narrativ in Umlauf, das seither durch schwäbische Fanseelen spukt: „Wir müssen unseren Weg beschützen“.

Wenn man sich den Zustand der Mannschaft dieser Tage anschaut, ihren Interimstrainer samt Sportdirektor, der zeitweise wie ein weiteres Mitglied des Trainerstabs agiert, ist wenig von den einstigen Grundsätzen und Überzeugungen geblieben: der Trainer entlassen, der Spielstil verwässert, das Personal überfordert, die vielen jungen Zukunftshoffnungen über die Ersatzbänke Europas verstreut, die öffentlichen Äußerungen erratisch.

Was bleibt, ist eine Anhängerschaft, die nach Halt sucht. Sollte nach dem Vertrauensbruch gegenüber den Mitgliedern und der sportlichen Bankrotterklärung unter Reschke nicht alles besser werden? Völlig schiefe Vergleiche mit der Dietrich-Zeit ploppen auf, daneben Schreckensszenarien mit den Gespenstern Heldt und Gisdol, überall werden wilde Gerüchte gestreut. Für den einen oder anderen Scharfdenker ist bereits klar: Das Vereinspräsidium muss abgewählt werden.

Die Weitsicht eines Vollprofis

Man könnte sich natürlich auch die Mühe machen, einen Blick auf das Organigramm zu werfen. Die für das operative Geschäft zuständigen Führungskräfte müssen sich nämlich so langsam überlegen, wie der Kernbereich des Fußballunternehmens künftig strukturiert sein soll. Wie verbessert man die Qualität der sportlichen Entscheidungen? Wie arbeitet man effizent im Team zusammen? Wie kann sich der Klub endlich wieder in der Bundesliga etablieren?

Fragen der strategischen Ausrichtung obliegen im Kern dem Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle, der in letzter Zeit auffällig unauffällig bleibt. Schaut der mit allern Wassern gewaschene Fußballfunktionär in aller Seelenruhe dabei zu, wie der Dampfer in schweres Fahrwasser gerät? Seit der Mitgliederversammlung hat der neue AG-Kapitän von außen betrachtet vieles falsch gemacht.

Angefangen beim Möchtegern-Coup mit den namhaften Beratern über die verschobene Vertragsverhandlung mit Sven Mislintat und die schlecht vorbereitete Trainerentlassung bis hin zu der verunglückten Nachfolgersuche hat sich Wehrle in eine Lage manövriert, in der er fast nicht mehr gewinnen kann. Scheitern die Verhandlungen mit dem Sportdirektor, wird man ihm mutwillige Sabotage vorwerfen, geht er auf Mislintats sehr selbstbewusste Forderungen ein, endet er womöglich als Lame Duck. Und falls der Versuch misslingt, Co-Trainer Wimmer durch gutes Zureden Bundesligaformat zu verleihen, geraten ganz schnell die Saisonziele in Gefahr. Die Weitsicht eines Vollprofis stelle ich mir anders vor.

Liegt es am Kader?

Trotz schwankender Leistungen und schlechter Punktausbeute hält sich hartnäckig die Behauptung, der Kader sei stark genug für den Klassenerhalt. Vielleicht liegt das daran, dass sich die notorische Überwertung der Spieler inzwischen in den Köpfen festgesetzt hat. Die schmerzhafte Wahrheit ist, dass einige Spieler im Kader schlicht (noch) kein Bundesligaformat haben, die Besten sind an einem guten Tag vielleicht gehobener Bundesligadurchschnitt.

Werfen wir einmal einen Blick auf die Abwehrreihe. In vier Spielen unter Wimmer sind drei unterschiedliche Formationen aufgelaufen und haben uns ihre vielfältigen Defizite präsentiert. Wusste man nicht schon im Sommer, dass mindestens ein stabiler Defensivakteur fehlt? War die Notlösung mit Zagadou der einzig gangbare Weg? Fehler wie beim frühen Gegentreffer am Samstag wird kein Trainer der Welt abstellen können.

Aber könnte ein Trainer mit einem neuen Ansatz insgesamt mehr aus der Truppe herausholen? Diese Frage können wir leider frühestens im Februar beantworten. Nach knapp drei Jahren unter Cheftrainer Matarazzo hat die Führung entschieden, den am Ende nicht mehr funktionierenden Ansatz unter dem Co-Trainer erst einmal weiter zu verfolgen. In jedem seriösen Unternehmen würden an dieser Stelle Kontroll- und Aufsichtsmechanismen greifen. Beim VfB faselt ein Mitarbeiter auf Direktorenebene irgendetwas von „sauberer Lösung“ in die Mikrofone.

Cannstatter Daueranalyse

Mit 11 Punkten steht der VfB nach dem zweiten Saisonsieg nun wieder über dem Strich. Noch drei Spiele stehen aus, bevor es in die über zweimonatige Winterpause geht, auf die am Neckar so große Hoffnungen gesetzt werden. Das größte Problem besteht vielleicht darin, dass sich die Fehler aus der Vergangenheit nicht nur auf dem Platz wiederholen, sondern auch in der ermüdenden Strategie, ständig Besserung für die Zukunft zu geloben, ohne die bestehenden Probleme ernsthaft anzugehen.

Die Cannstatter Daueranalyse ist inzwischen zum Running Gag geworden. Zuerst wird unter die Lupe genommen, warum die Leistungen so schlecht sind, danach geprüft, warum die Gegenmaßnahmen nicht greifen, bevor man alle Entscheidungen vertagt und der Presse erzählt, dass man auf einem guten Weg sei. Da ist es mir ehrlich gesagt lieber, wenn gar nichts gesagt wird.

VfB Stuttgart – FC Augsburg 2:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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